Noch am Samstag deutete gegen aussen nichts auf das jähe Ende der Jakem AG in Münchwilen hin: In Schafisheim montierten die Mitarbeiter des Stahlbauers eine 884 Tonnen schwere Passerelle.

Die Fricktaler Firma Jakem AG muss wegen zu grosser Konkurrenz den Betrieb schliessen.

Die Fricktaler Firma muss wegen zu grosser Konkurrenz den Betrieb schliessen.

Doch der Entscheid, die auf Grossbauten und Brücken spezialisierte Firma nach 63 Jahren zu schliessen, stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest. «Wir wollten, dass die Mitarbeiter ihre Arbeit in Ruhe machen können», erklärt Geschäftsführer Markus Amsler, der zusammen mit seinem Bruder Jakob die Aktienmehrheit seit 2007 hält. «Ihre Sicherheit hatte für uns oberste Priorität.»

Am Montagabend dann informierte die Geschäftsleitung die rund 80 Mitarbeitenden des Familienunternehmens über die bevorstehende Schliessung. Rund 95 Prozent von ihnen arbeiten am Hauptsitz in Münchwilen, die restlichen in den Filialen in Zürich und im Tessin.

500 Tonnen fliegen durch die Luft: Grösste Bagger der Schweiz montieren 160-Meter-Passarelle auf grösster privater Baustelle der Schweiz.

500 Tonnen fliegen durch die Luft

Der Betrieb wird in den nächsten drei bis fünf Monaten sukzessive heruntergefahren, die laufenden Aufträge noch erledigt oder dann an andere Firmen abgegeben.

Dementsprechend erfolgen auch die Kündigungen gestaffelt. Die Betroffenheit unter den Mitarbeitenden sei riesig gewesen, erklärt ein hörbar aufgewühlter Amsler. Man habe auch die Enttäuschung gespürt, schliesslich arbeitete man noch im letzten Herbst dreischichtig, um die Aufträge termingerecht fertigzustellen.

Ein Grund, dass die Öfen bei der Jakem AG bald aus sind, sind laut Amsler die Überkapazitäten in der Stahlbaubranche. Ein zweiter Grund ist die Billigkonkurrenz aus dem nahen Ausland. Insbesondere ein Anbieter aus Italien machte dem Fricktaler Unternehmen gehörig Dampf.

Lohnkosten massiv höher

Reagieren konnte Amsler nur bedingt, denn die Stahlbranche ist wenig automatisiert. Das heisst: Die Lohnkosten schlagen bei Offerten massiv zu Buche. Bei einem Lohnunterschied von rund 12 Franken pro Stunde zu anderen Anbietern macht der Preisunterschied bei einem Grossprojekt, das in 100 000 Arbeitsstunden realisiert wird, satte 1,2 Millionen Franken aus.

Erschwerend kam drittens hinzu, dass der Bau von Hochspannungsmasten, der eine wichtige Einnahmequelle im Winter war, in den letzten fünf Jahren in der Schweiz mehrheitlich ruhte. Viertens fielen hochwertige Aufträge in England weg, die jeweils zwischen 10 und 30 Prozent an den Umsatz beitrugen.

Die Jakem AG reagierte auf die Rahmenbedingungen am Markt, die sich seit 2008 schrittweise verschärften, mit Strukturanpassungen und Refinanzierungen. Noch im ersten Halbjahr 2014 wiesen die Zahlen «auf einen positiven Trend» hin, so Amsler. Doch dann mussten sie in der zweiten Jahreshälfte nach unten korrigiert werden. Weitere Sanierungsvarianten wurden geprüft, auch ein tiefgreifender Stellenabbau. Zur Debatte standen in den letzten Wochen und Monaten zudem ein Management-Buy-out oder ein Verkauf an einen Mitbewerber. «Leider konnte keine der Varianten realisiert werden.»

Starker Franken zerschlug Hoffnung

Die letzte Hoffnung, ein Verkauf der Firma in den EU-Raum, scheiterte im Januar just am erstarkten Franken. Für Amsler ist zentral, dass die Mitarbeiter möglichst schnell wieder eine Stelle finden. Dazu wird das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit ab nächster Woche vor Ort ein betriebliches Arbeitscenter einrichten. Amsler ist zuversichtlich, denn Fachkräfte seien gesucht. Wie es für den Vater von zwei Kindern persönlich weitergeht, weiss er nicht. «Jetzt gilt es zuerst, das Ganze sauber herunterzufahren. Alles Weitere wird sich weisen.»

Die Hoffnung von Unia-Sekretär Pascal Pfister auf einen Sozialplan zerschlägt Amsler im Gespräch mit der az. Das Aktienkapitel – laut Firmenwebsite 1 Million Franken – sei aufgebraucht und der Verkauf der Immobilien müsste dafür eingesetzt werden, die Firma ordentlich zu liquidieren. Die Unia, die über die Schliessung nicht vororientiert war, will in den nächsten Tagen den Kontakt zu den Mitarbeitenden herstellen und sie bei Bedarf unterstützen.

Schockiert über das Aus und den Verlust der rund 80 Arbeitsplätze ist auch Willy Schürch, Gemeindeammann von Münchwilen. «Es ist tragisch, dass die Firma aufgeben muss.» Die Gemeinde verliert damit den zweitgrössten Arbeitgeber (nach Syngenta). Der Steuerausfall beträgt laut Schürch zwischen 60 000 und 70 000 Franken pro Jahr, was rund 2 Steuerprozenten entspricht.

Auch Hansueli Bühler, Gemeindeammann der Nachbargemeinde Stein und Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio, wurde von der Schliessung der Jakem AG «völlig überrascht». Er hofft, wie sein Amtskollege Schürch und Geschäftsführer Amsler, dass die Mitarbeitenden «möglichst schnell wieder einen Job haben».