Dora, 18, lernt Peter kennen, ist fasziniert von dem gut aussehenden, aber zwielichtigen Mann – und geht mit ihm ins Bett. Mutter Kirstin ist schockiert, denn Dora ist geistig behindert. Sie verbietet ihr den Umgang, Dora schert sich nicht darum, wird schwanger. 

Dora heisst eigentlich Victoria Schulz und mimt in «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern», einem Spielfilm, der in diesen Wochen in den Kinos anläuft, den behinderten Teenager.

Der Film, der auf einem Theaterstück von Luks Bärfuss fusst, unterhält, entführt den Zuschauer in die Denkwelt von Dora, regt zum Nachdenken an und stösst manchmal auch vor den Kopf. Vor allem aber: Er verliert sich nicht in der Fiktion, sondern bildet ein Stück Realität ab. «Die Sexualität ist auch bei Menschen mit Behinderung ein grosses Thema», weiss Katharina Hinnenberger, Leiterin Wohnen – Ateliers/Agogik der Stiftung MBF in Stein. Sie sehnen sich nach Zärtlichkeit und Geborgenheit, nach Nähe und Intimität, nach Sex und manchmal auch nach Kindern. Wie jeder Mensch.

Diesen Wunsch hatten die Menschen mit Behinderung auch vor 20, 30 Jahren. Nur damals hiess das Rezept von Eltern, Betreuern und Öffentlichkeit: Wir hören nichts, sehen nichts, ergo gibt es das nicht. Heute ist das anders, heute geht man in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung offen mit dem Thema um, ja, steht den Bewohnern beratend und unterstützend zur Seite.

«Wir wollen, dass jeder Klient die Sexualität so ausleben kann, wie er das will und braucht», sagt Jean-Paul Schnegg, Geschäftsleiter der Stiftung MBF. Für den einen ist dies ein Den-anderen-Herzen, für einen Zweiten sind es Streicheleinheiten, für einen Dritten ist es Selbstbefriedigung und für einen Vierten eben Sex. «Wir stossen die Sexualität nicht an, aber lassen viel zu, es sei denn, der Klient werde ausgenutzt.» Zur Offenheit gehöre auch der Blick auf den Schutz. Schnegg bezeichnet es als «sensibles Hinschauen».

Sexualassistenten sind kein Tabu

Partnerschaften innerhalb der Stiftung MBF sind für Schnegg ebenso wenig ein Problem, wie wenn die Partnerin im Zimmer eines Klienten übernachtet. Auch dann nicht, wenn die Partnerin ein Partner ist, wenn der Behinderte also homosexuell ist. «Wir legen grossen Wert darauf, die Intimsphäre unserer Bewohner zu achten», sagt Hinnenberger und Schnegg ergänzt: «Sexualität hat so viele Facetten, wie es Menschen gibt.» Zu spüren, wo ein Klient steht, was er braucht und wo er ansteht, darauf werden die Betreuer geschult.

Moralische Grenzen mag der Geschäftsleiter nicht ziehen. Für ihn geht es auch in Ordnung, wenn ein Mensch mit Behinderung den Dienst einer Sexualassistentin in Anspruch nimmt. «Eine partnerschaftliche Beziehung können viele unsere Klienten nicht leben. Wenn sie die Sexualität ausleben wollen, ist dies eine Alternative.» Hier bietet die Stiftung auch Hand und begleitet Klienten, so sie dies wünschen. Besuche bei Prostituierten «werden toleriert, aber nicht unterstützt».

Dass der offene Umgang mit dem Thema einigen Angehörigen zu weit geht, dass ihnen die Vorstellung, ihr Kind könnte Sex haben, Mühe bereitet, versteht Hinnenberger. «Wir suchen das Gespräch, reden über die Ängste, aber auch über die Bedürfnisse ihres Kindes.» Oft ist es eine Gratwanderung zwischen zwei diametral entgegengesetzten Befindlichkeiten. Oft auch eine Generationenfrage. Wobei: «Bisweilen sind Ältere sogar progressiver eingestellt als Junge.»

Eine Angst, die oft geäussert wird, ist jene vor einer (ungewollten) Schwangerschaft. Man messe der Aufklärung und Sexualberatung einen grossen Stellenwert bei, so Hinnenberger, aber eben: Passieren kann es immer. In ihrer beruflichen Karriere war es in einer anderen Einrichtung bislang einmal der Fall, bei einer Frau mit einer Lernbehinderung. Sie hat das Kind bekommen – und ist eine gute Mutter. «Menschen mit einer Behinderung sind keine schlechteren Eltern», ist Hinnenberger überzeugt, «sie können emotional viel geben.» Überfordert sind sie, allenfalls, finanziell oder kognitiv.

Kinderwunsch ist nicht selten

Ob eine Schwangerschaft abgebrochen wird oder nicht, liegt in der Verantwortung der Frau oder ihres Beistandes. Dass Frauen mit einer geistigen Behinderung nicht mehr, wie früher, fast automatisch unterbunden wurden, begrüsst Hinnenberger. «Dies ist ein ernsthafter Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und muss gut abgewogen werden.»

Einen Kinderwunsch haben nicht wenige Behinderte. «Die meisten sind aber auch realistisch genug und wissen, dass das nicht geht.»

Was geht und was nicht, wo die Grenze zwischen tolerabler Nähe und einseitiger Ausnutzung liegt, beschäftigt die Betreuer ebenfalls stark. Man kläre auf, so Schnegg, und höre vor allem gut zu. «Zentral ist, dass die Klienten Vertrauen in ihre Betreuer haben und auch kommen, wenn sie ein Problem haben.» Er sagt aber auch: «Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht.»

Erst recht nicht heute, wo virtuelle Plattformen wie Facebook, Twitter, Chats oder Singlebörsen Freundschaften (und mehr) versprechen. Hier sind Menschen mit Behinderung «Freiwild»; sie suchen Wärme und finden Ausnützung, erleiden Missbrauch. «Die Risikoeinschätzung ist für viele Menschen mit Behinderung zu abstrakt», weiss Schnegg.

Das «böse» Netz. Ein Bewohner der Stiftung MBF wurde bislang belästigt, gestalkt, erpresst. Vier Weitere «nur» belästigt. Dass das in Zeiten, wo auch fast jeder Mensch mit Behinderung einen Facebookaccount hat, nur die Spitze des Eisberges ist, davon geht Schnegg aus. «Die Dunkelziffer ist sicher höher.» Aufklären und sensibilisieren ist das eine Gegenmittel. Aufmerksam zuhören das andere.

Doras Mutter sagt im Film: Peter hat meine Tochter vergewaltigt. Dora selber sagt: Es war schön. Der Film zeigt: Das erste Mal war brutal. Drei Welten in einer.