Rheinfelden/Zeiningen

Behindertensport-Legende Franz Nietlispach: «Die Zeit nach dem Unfall war die härteste meines Lebens»

© Dennis Kalt

14 Mal holte Franz Nietlispach Paralympics-Gold: Nun hat er Schülern aus seinem Leben erzählt, von jenem verhängnisvollen Unfall, als er 15 Jahre alt war, wie er zum Behindertensport kam und wie seine Kinder mit der Querschnittslähmung umgingen.

Franz Nietlispach aus Zeiningen gilt als einer der erfolgreichsten Behindertensportler weltweit. Über zwei Jahrzehnte lang mischte er die internationale Rennrollstuhlszene auf und ergatterte sich insgesamt 14 Goldmedaillen bei den Paralympics und 20 Weltmeistertitel. Zum Anlass einer Spezialwoche an der Kantonalen Schule für Berufsbildung (ksb) beantwortete der erfolgreiche Rollstuhlsportler Fragen von Schülern der zehnten Klasse der ksb Rheinfelden.

Herr Nietlispach, was war der Grund für ihre Behinderung?

Franz Nietlispach: Als ich 15 Jahre alt war, ist bei der Kirschenernte ein Ast gebrochen, auf dem ich stand. Ich bin zwar nicht tief gefallen, jedoch so unglücklich, dass ich mir den ersten Lendenwirbel gebrochen habe. Seitdem habe ich eine inkomplette Querschnittslähmung – ich habe zwar noch ein wenig Gefühl in den Beinen, zum Laufen reicht es aber nicht mehr.

Wie konnten Sie sich nach dem Unfall motivieren, Sport zu machen?

Die Zeit direkt nach dem Unfall war die härteste in meinem Leben. Damals konnte man meinen Wirbelbruch noch nicht operieren, man konnte ihn nur richtig lagern. Dies bedeutete, dass ich drei Monate still im Bett liegen musste. In dieser Zeit bin ich auf 40 Kilogramm abgemagert. Es gab eine Reihe von Komplikationen und ich stand auf der Kippe. Deswegen habe ich mich in diesen drei Monaten auf den Rollstuhl gefreut, um mich in diesem wieder bewegen zu können. Ich habe mich zunächst an eine Tischtennisplatte gesetzt, um zu spielen. Als ich dann mit 16 Jahren ins Paraplegiker-Zentrum kam, habe ich gemerkt, dass um mich herum alle schwerer behindert waren. Ich war sozusagen der Einäugige unter den Blinden. Ich habe den Sport zu diesem Zeitpunkt gebraucht, weil er mir Selbstwertgefühl gegeben und mir den Zugang zurück in die Gesellschaft erleichtert hat.

Was war ihr grösster Sieg?

Der Sieg beim Boston Marathon 1995 war zwar nicht mein grösster, aber mein schönster Sieg. Ich habe auf diesen Marathon ein Jahr hingearbeitet, weil ich wusste, dass Bill Clinton die Sieger ins Weisse Haus einlädt. Es war grossartig, weil es mir das Gefühl gegeben hat, dass auch der Rollstuhlsport auf Wertschätzung stösst.

Wie ist ihre Familie am Anfang mit ihrer Behinderung umgegangen?

Meine Mutter hat kurz nach meinem Unfall sicher am meisten durchgemacht. Wie sie damals gelitten haben musste, konnte ich aber erst nachvollziehen, als ich selber Vater geworden bin – jetzt fällt mir eine Geschichte ein, die ich unbedingt erzählen muss: Als ich meinen ersten Marathon gefahren bin, wollte ich unter zwei Stunden bleiben – der Weltrekord lag damals bei 1 Stunde und 52 Minuten. Die Marathon-Strecke führte zwei Mal um den Sempachersee. Vor dem Marathon bin ich die Strecke abgefahren. Ich habe weniger als eine Stunde für die Runde gebraucht. Ich habe dies dann voller stolz meiner Mutter erzählt und sie sagte: «Was, ist der See nicht grösser?» Meine Mutter hat mich zu Beginn einfach nicht als Sportler wahrgenommen.

Wie haben Sie ihre Frau kennen gelernt?

Das ist bei mir sehr typisch gewesen, denn viele Rollstuhlfahrer haben eine Physiotherapeutin oder Krankenschwester geheiratet. Ich habe meine Frau im Paraplegiker-Zentrum kennen gelernt, als ich dort Tischtennisunterricht gegeben habe. Es ist so, dass Leute, die häufig Umgang mit Rollstuhlfahrer haben, den Rollstuhl nicht mehr sehen, sondern viel mehr die Person, die im Rollstuhl sitzt. Wenn ein Mensch keinen Kontakt zu einem Rollstuhlfahrer hat, dann kann sich dieser wahrscheinlich auch niemals vorstellen, mit einem Rollstuhlfahrer zusammen zu sein. Ich denke, dass ein Mensch dazu einen Rollstuhlfahrer sehr lange kennenlernen muss. Und da ist es natürlich für mich vorteilhaft gewesen, im Paraplegiker-Zentrum zu arbeiten.

Wie sind ihre Kinder mit ihrer Querschnittslähmung umgegangen?

Für meine Kinder bin ich nie der «Papi» im Rollstuhl, sondern einfach der «Papi» gewesen, weil sie damit aufgewachsen sind. Problematisch ist es geworden, wenn ich mich auf die Couch gehockt habe, um Fernsehen zu schauen. Da konnte ich hinterher oft meinen Rollstuhl suchen, weil sie diesen als Spielzeug verwendet haben. Wenn meine Frau und ich mit den Kindern spazieren gegangen sind, dann haben wir selten einen Kinderwagen mitgenommen. Ich habe die Kleinen einfach bei mir auf den Schoss genommen.

Ist es gut so, wie es ist?

Es klingt zwar makaber, aber meiner Behinderung habe ich meine Erfolge zu verdanken – meine Paralympics-Siege und Weltmeistertitel, meine Tätigkeit bei Novartis im Sportsponsoring, die Gründung meiner Firma und die Entwicklung von hochmodernen Handbikes. Ich war niemals verbittert. Meine Philosophie ist es, nicht den Türen nachzutrauern, die zugegangen sind, sondern mich auf diejenigen zu konzentrieren, die vor mir aufgehen. Mein Ziel ist es, immer wieder Neues zu erleben.

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