Was bedeutet es, für Menschen mit Behinderung zu bauen? Schmid Ziörjen Architekten in Zürich wurden von der Stiftung MBF mit dem Neubau von zwei Wohnhäusern und einem Atelierhaus in Stein beauftragt (die az berichtete). Für Rafael Schmid lässt sich dieses Projekt mit ähnlichen Bauten wie etwa Altersheimen vergleichen.

In beiden Fällen prägen besondere Anforderungen und Wünsche vonseiten der Bauherrschaft das Bauprojekt. «Unser Ziel in der Planungsphase war, mit dem Grundkonzept so nahe wie möglich den Charakter von einem Wohnungsbau zu übernehmen und keinen Heimcharakter entstehen zu lassen», sagt Rafael Schmid. Trotzdem mussten zahlreiche Auflagen vonseiten der Stiftung MBF für ein behindertengerechtes Bauen berücksichtigt werden.

Lärmsituation simuliert

Der Projektstandort befindet sich am Rande der Siedlungsstruktur der Gemeinde, geprägt von einer heterogenen Bebauungsstruktur. Im Norden befindet sich das kleinmassstäbliche Wohnquartier, im Osten die grossflächigen Werk- und Industriebauten. Im Süden wird die Parzelle durch die Zürcherstrasse und die Autobahn begrenzt. «Angesichts dieser verschiedenen Einflüsse und Vorgaben war es nicht einfach, einen geeigneten Baukörper zu finden und ihn in die bestehenden Strukturen einzubetten», so Rafael Schmid.

Als besondere Herausforderung nennt der Architekt den Schutz der Gebäude vor dem Autobahnlärm, ohne deshalb Lärmschutzwände aufstellen zu müssen. «Mit der Grundrissgestaltung werden alle lärmempfindlichen Räume vollständig gegen die lärmabgewandte Orientierung angeordnet. Wir haben mithilfe von Simulationen bereits im Wettbewerb die Bewilligungsfähigkeit der Raumanordnungen untersucht und auf die Lärmsituation hin optimiert», schildert Schmid.

Das Neubauvolumen wird auf drei Gebäudekörper aufgeteilt, die rechtwinklig zur Zürcherstrasse stehen. Durch diese Anordnung der Baukörper wird sämtlichen Wohngruppen eine Ost-West-Ausrichtung ermöglicht. Die Neubauten knüpfen mit den Kurzseiten an das angrenzende Wohnquartier an, und in der Längsausrichtung orientieren sie sich an den bestehenden beiden Bestandsbauten «Buchenweg» und «Rüchlig» der Stiftung MBF. «Die Neubauten komplettieren das Ortsbild und die städtebauliche Verzahnung bildet einen südseitigen Abschluss für das angrenzende Wohnquartier.»

Ein Tag mit den Bewohnern

Damit sich die Architekten ein Bild vom Leben und der Arbeit in der MBF machen konnten, verbrachten sie einen Tag im Wohnheim und in den Ateliers. Dort begleiteten sie die Bewohnerinnen und Bewohner wie auch ihre Betreuungspersonen. «Diese Erfahrungen rund um den Tagesablauf dieser Menschen brachten uns wertvolle Impulse für die Planung der Gebäude», erzählt Schmid. So wurden in der Detailplanung der Gebäude Anpassungen vorgenommen, um noch mehr auf die Bedürfnisse der Bewohner und Betreuer einzugehen.

Die drei neuen Häuser werden nach Nutzungen getrennt organisiert. Zwei Wohnhäuser und ein Atelierhaus schaffen eine klare Trennung von Wohnen und Arbeiten. Ein zentraler Aspekt des Baukonzepts ist der erdgeschossige Aussenraumbezug für einen grossen Anteil der Nutzflächen. Dies kommt laut Schmid der Mobilität der Klientel entgegen. Die verschiedenen Höfe sind begrünt. Ein Brunnen und ein schattenspendendes Baumdach mit Staudenbeet empfangen die Besucher. Die Wohnhöfe dienen den Bewohnern als Aufenthaltszone und es wird ein übersichtlicher Freiraum der Begegnung geschaffen.

Rückzugsorte und Orientierung

Im Obergeschoss entstehen ebenfalls grosszügige Aussenräume, die den Bewohnern und Mitarbeitern unterschiedliche Rückzugsorte bieten. Neben begehbaren Terrassenräumen sind kräftig begrünte Dachflächen vorgesehen. Viele Bewegungsfreiheiten gewähren im Innenraum die fliessenden Grundrisse. Um die Orientierung der Bewohner zu unterstützen, werden die Räume und Gebäude jeder Wohngruppe mit einer eigenen Farbe gekennzeichnet. Bewusst setzen die Architekten dabei auf dezente Farben.

Im Aussenbereich wurde Holz und Faserzementplatten für die Fassade gewählt. «Wir hatten von der Bauherrschaft die Auflage, Materialien zu wählen, die auch bei starker Sonneneinstrahlung nicht heiss werden», begründet Rafael Schmid. Die neuen Atelier- und Wohngebäude bewahren ihren individuellen Charakter, ohne den Bezug zur Umgebung zu verlieren. «Der Umgang mit den zum Teil schwierigen Anforderungen und die Eingliederung der Gebäude in die bestehende Umgebung war für uns Architekten herausfordernd und reizvoll zugleich», zieht Schmid Bilanz. Demnächst werden Bauherrschaft und Planer die Baueingabe vornehmen. Gemäss Rafael Schmid soll im Frühling 2017 mit dem Bau begonnen werden.