Frick
Bauboom: «Charakter eines Quartiers schützen»

Für Thomas Stöckli geht die innere Verdichtung zu weit – das Wachstum dagegen verteidigt der Baudirektor.

Thomas Wehrli
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«Es ist ein markanter, urbaner Dorfeingang. Das passt zu Frick»: Gemeinderat Thomas Stöckli gefällt das neue Quartier «Ob em Dorf».

«Es ist ein markanter, urbaner Dorfeingang. Das passt zu Frick»: Gemeinderat Thomas Stöckli gefällt das neue Quartier «Ob em Dorf».

Zur Verfügung gestellt

Frick wächst. Rasant. Um die Jahrtausendwende lebten knapp 4000 Personen im Dorf. Heute, 17 Jahre später, sind es bereits mehr als 5300. Und in fünf bis zehn Jahren, wenn die neuen Grossquartiere Lammet, Blaie und Zwidellen bezogen sind, wird Frick nochmals zwischen 1500 und 2000 Einwohner mehr zählen.

Zum Vergleich: Für den letzten Tausendersprung, jenen von 3000 auf 4000 Einwohner, brauchte es mehr als 20 Jahre: 1977 lebten 3003 Personen in Frick, die 4000er-Marke wurde 2001 geknackt.

Dieses Wachstum gefällt nicht allen. Zu schnell, lautet der eine Kritikpunkt, vorgebracht etwa von Markus Kunz, Confiseur, der als Gewerbetreibender am Wachstum durchaus mitverdient. Zu dicht, lautet der zweite Vorwurf, insbesondere mit Blick auf die drei geplanten Grossquartiere.

Thomas Stöckli, Bau-Gemeinderat und Gartenbau-Unternehmer, kann beiden Kritikpunkten wenig abgewinnen. «Die Gemeinde braucht Wachstum, sonst können wir die Infrastruktur nicht erhalten, geschweige denn weiter ausbauen», sagt er, lehnt sich in seinem Büro zurück, tippt mit dem Finger auf den Tisch. «Wachstum ist super, schrumpfen wäre verheerend.» Wie schnell Frick effektiv wachsen werde, sei zudem eine Frage des Marktes. «Kein Investor baut am Markt vorbei.»

Den Einwand, es gehe den Kritikern ja nicht um ein Schrumpfen, auch nicht um ein Nullwachstum, sondern nur um eine Abtempierung des Wachstums, wischt Stöckli vom Tisch. «Entscheidend ist für mich nicht die Frage, wie stark Frick wächst, sondern, ob dieses Wachstum ein qualitatives ist.» Und das sei so. Zudem: «Unsere Infrastruktur ist auf 6500 Einwohner ausgelegt und kann das Wachstum problemlos bewältigen. Wir brauchen weder neue Schulen noch Gemeindebauten.»

Ein Problem, das gibt Stöckli zu, verschärfe das Wachstum noch: der Verkehr. Der ist heute bereits massiv und, gerade in den Stosszeiten, grenzwertig respektive: Er stösst an seine Grenzen. «Den meisten Verkehr verursachen aber nicht die Fricker, sondern jene, die durch Frick hindurchfahren.» Und daran ändere sich nichts, ob Frick nun wachse oder nicht.

Hier müsse man Gegensteuer geben, sagt Stöckli. Das heisst für ihn: runter vom Gas. «Die einzige Möglichkeit, den Verkehrslärm einzudämmen, sind Temporeduktionen.» Ihm, dem Tempo-30-Vorkämpfer der ersten Stunde, schwebt noch immer vor, dass dereinst in ganz Frick – inklusive der Hauptstrasse – nur noch mit Tempo 30 gefahren wird. Er lacht. «Aber das ist Zukunftsmusik.» Andere sagen: Das ist Bullshit.

Das zweite Argument, jenes also, die neuen Quartiere würden zu dicht gebaut, kann Stöckli nicht nachvollziehen. «Die neuen Quartiere müssen dicht gebaut sein», findet er. Sie sollen ein ländlichurbanes Wohnen bieten und diese Wohnart bringe eine gewisse Dichte mit sich.

Zudem: «Wenn wir die neuen Quartiere dicht bebauen, nimmt das den Druck auf die Bestehenden.» Dies sei wichtig, so Stöckli, denn hier habe man in den letzten Jahren Fehler gemacht.

«Man», das ist für Stöckli weniger die Gemeinde Frick als der Kanton. «Er verordnete den Gemeinden, dass sie ihre Baugebiete nach innen verdichten müssen.» Dies sei per se nicht schlecht, findet Stöckli, «doch dabei ging vergessen, dass es auch den Charakter eines Quartiers zu schützen gilt».

Nicht um jeden Preis verdichten

Stöckli kann jeden Hausbesitzer verstehen, der sich wehre, wenn ihm in seinem Einfamilienhaus-Quartier plötzlich ein Mehrfamilienhaus vor die Nase gesetzt werden soll. «Für den Einzelnen geht da viel Lebensqualität verloren.» Die Einspracheverhandlungen bei inneren Verdichtungen «sind die schwersten, die ich zu führen habe». Zumal das Recht meist auf der Seite des Bauherrn liegt. Es gehe nicht um eine Privilegierung einzelner Liegenschaftsbesitzer, betont Stöckli. «Es geht darum, dort dicht zu bauen, wo es Sinn macht – und dort etwas Luft zu lassen, wo wir gewachsene Strukturen haben.»

Für Stöckli ist die Devise, um jeden Preis nach innen zu verdichten, falsch – und mitunter der Grund, dass das Wachstum als Dichtestress empfunden wird. «Ein Mehrfamilienhaus in einem Einfamilienhausquartier kann ein Gefühl von Zerstörung, von Heimatlosigkeit auslösen», ist Stöckli überzeugt, vor allem dann, wenn die Ausnützungsziffer voll ausgenützt wird. Und das ist heute eigentlich immer der Fall, denn schliesslich will der Bauherr seine Rendite maximieren.

Thomas Stöckli, Gemeinderat «Die Gemeinde braucht Wachstum, sonst können wir die Infrastruktur nicht erhalten, geschweige denn weiter ausbauen.»

Thomas Stöckli, Gemeinderat «Die Gemeinde braucht Wachstum, sonst können wir die Infrastruktur nicht erhalten, geschweige denn weiter ausbauen.»

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Mit seiner Forderung, bei der inneren Verdichtung zurückzubuchstabieren und die bestehenden Quartiere bei einer nächsten Zonenplanrevision besser zu schützen, wird Stöckli einen schweren Stand haben. Nicht nur beim Kanton, auch bei jenen, die in diesen Quartieren Liegenschaften oder Bauland besitzen. Denn rigidere Bebauungsvorschriften ziehen niedrigere Landpreise nach sich. Und das bedeutet für die Besitzer eine Wertminderung. «Diese muss man in Kauf nehmen», ist Stöckli überzeugt und sieht darin auch einen Vorteil: Alte Liegenschaften werden wieder bezahlbar. «Heute können es sich Familien kaum mehr leisten, eine Liegenschaft zu kaufen und zu renovieren.» Diese Entwicklung sei «nicht gut».

Öffentlichen Raum optimieren

Das Gefühl von Verloren-Sein, von Heimatlosigkeit auch, das bisweilen hinter der Wachstumskritik steht, kann Stöckli nachvollziehen – ordnet es aber einer anderen Ursache zu: dem öffentlichen Raum. Hier gebe es in der Tat Optimierungspotenzial, findet auch der Baudirektor. «Uns muss es insbesondere gelingen, die Hauptstrasse als Lebensraum aufzuwerten.» Daran arbeitet die Gemeinde; ein Konzept liegt vor (die AZ berichtete).

«Was macht Städte und Zentren attraktiv?», fragt Stöckli, um die Antwort gleich selbst zu geben: «Sie investieren in den öffentlichen Verkehr und den öffentlichen Raum.» Und, ja, dazu gehören für Stöckli, der von manch einem Fricker «de Bäumli-Gmeindrat» geschimpft wird, auch Bäume und Blumen im öffentlichen Raum. Insofern, das gibt er offen zu, reut es ihn auch, dass die Baumbuchten am Gänsacker entfernt werden. Wie das neue Quartier «Ob em Dorf» hingegen daherkommt, gefällt Stöckli. «Es ist ein markanter, urbaner Dorfeingang. Das passt zu Frick.»