Bad Säckingen
Ein Unfall, der die Stadt veränderte: Vor fünf Jahren raste ein Auto in zwei Strassencafés – und riss zwei Menschen in den Tod

Bei der Tragödie, die sich zum fünfte Mal jährt, verlor auch eine Fricktalerin ihr Leben. Neun Schwerverletzte und 18 Menschen mussten mit leichteren Verletzungen in Krankenhäuser gebracht werden. Ein damals 84 Jahre alter Autofahrer hatte auf dem Spitalplatz das Brems- und das Gaspedal verwechselt.

Dennis Kalt
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Auf dem Spitalplatz in Bad Säckingen erinnert nichts mehr an den schrecklichen Unfall. Wenn es Corona zulässt, sind die Strassencafés in den warmen Monaten gut gefüllt wie eh und je.

Auf dem Spitalplatz in Bad Säckingen erinnert nichts mehr an den schrecklichen Unfall. Wenn es Corona zulässt, sind die Strassencafés in den warmen Monaten gut gefüllt wie eh und je.

Stefan Ammann

Es war ein Tag, wie er schöner nicht hätte sein können: Keine einzige Wolke am strahlend blauen Himmel, fast schon hochsommerlich warme Temperaturen und an den Tischen in den voll besetzten Strassencafés in der Bad Säckinger Innenstadt ein Hauch von Urlaubsstimmung an diesem arbeitsfreien Samstag. Doch plötzlich ein Knall. Dann Schreie. Stühle, Tische und Menschen flogen durch die Luft. Ein Auto war in zwei voll besetzte Gartenlokale am Spitalplatz gerast. Zwei Menschen starben. Darunter auch eine Frau aus Bözen. Der Unfall jährte sich am 7. Mai zum fünften Mal.

Was an jenem Samstag um die Mittagszeit das Leben in Bad Säckingen veränderte, ist so präsent, als wäre es erst gestern passiert. Ein damals 84 Jahre alter Autofahrer hatte auf dem Spitalplatz offenbar das Brems- und das Gaspedal verwechselt. Der folgende Kick-down machte seinen Wagen mit Automatikgetriebe zu einer Rakete, die ungebremst in die voll besetzten Strassencafés krachte.

Die schreckliche Bilanz: Zwei Todesopfer, neun Schwerverletzte und 18 Menschen, die mit leichteren Verletzungen in Krankenhäuser gebracht wurden. Die psychischen Schäden bei Restaurantbesuchern, Passanten und Helfern sind nicht erfasst. Die Rhein-Jura-Klinik hatte unmittelbar nach dem Unglück ambulante psychiatrische Hilfe angeboten, die damals gut nachgefragt wurde.

In der Stadt heulten die Martinshörner

So schrecklich der Unfall, so einzigartig auch die Rettungsaktion, die unmittelbar danach einsetzte. Gut eine Stunde lang heulten die Martinshörner. Rettungswagen um Rettungswagen, Feuerwehrfahrzeug um Feuerwehrfahrzeug und Polizeiauto um Polizeiauto eilten in die Bad Säckinger Altstadt. Alarmiert wurden alle gerade verfügbaren Rettungswagen in den deutschen Landkreisen Waldshut und Lörrach und in den Aargauer Bezirken Fricktal, Baden und Laufenburg sowie den naheliegenden Kantonen Zürich und Basel-Landschaft. Die ­Spitäler in den beiden deutschen Landkreisen und im Aargau wurden darauf vorbereitet, schwer- und schwerstverletzte Unfallopfer behandeln zu müssen.

Die Rettungswagen warteten auf dem Münsterplatz und auf der Steinbrückstrasse darauf, Patienten aufzunehmen. Beim Feuerwehrgerätehaus standen mehrere Rettungshubschrauber, bereit, Verletzte in Kliniken zu fliegen. Die mitfliegenden Notärzte leisteten längst am Unfallort Erste Hilfe. Die Kantonspolizei Aargau schickte Streifenwagen über die Grenze. Unbürokratisch unterstützten die Schweizer Polizisten ihre deutschen Kollegen von Landes- und Bundespolizei und übernahmen im Ausland hoheitliche Aufgaben oder halfen bei der Verkehrsregelung. Auch das Technische Hilfswerk schickte Helfer und Fahrzeuge in die Altstadt.

Ein beherztes Zupacken vieler Helfer

Dass am Ende nicht noch mehr Opfer zu beklagen waren, darüber herrschte in der Stadt rasch Einigkeit, war auch diesem gross angelegten Rettungseinsatz und dem beherzten Zupacken vieler Helfer zu verdanken. Sie haben Menschen spüren lassen, dass sie nicht alleine sind. Es sei ein grossartiger Einsatz gewesen, befand Dekan Peter Berg.

Er war an jenem 7. Mai 2016 übrigens als einer der Ersten am Unfallort, wo er seelischen Beistand leistete. Auch dem Unglücksfahrer, den das Geschehen nachvollziehbarerweise arg mitgenommen hatte. Dieser bat später in grossflächigen Anzeigen in den Tageszeitungen um Vergebung; das Amtsgericht verhängte ein lebenslanges Fahrverbot und eine zur Bewährung ausgesetzte zweijährige Freiheitsstrafe.

Mit Blumen und Kerzen am Unglücksort trauerten die Menschen in Bad Säckingen nach dem Unfall am Spitalplatz.

Mit Blumen und Kerzen am Unglücksort trauerten die Menschen in Bad Säckingen nach dem Unfall am Spitalplatz.

Felix Held

Die Blumen und Kerzen, die als Zeichen der Trauer an der Unglücksstelle niedergelegt wurden, waren noch nicht weggeräumt, da begann die politische Aufarbeitung. Der zuvor als verkehrsberuhigter Bereich ausgewiesene Spitalplatz wurde nur kurze Zeit nach dem Unglück der Fussgängerzone zugeschlagen. Sehr schwer tat sich der Gemeinderat mit der rasch erhobenen Forderung, den Spitalplatz durch einen versenkbaren Poller zu sichern.

Poller zur Absicherung wird im Herbst eingesetzt

Es bedurfte etlicher Sitzungen und einer Bürgerinitiative, die mit einem Fest und dem Erlös aus anderen Aktivitäten das Geld für den versenkbaren Poller erwirtschaftete und der Stadt spendete, bis dann 2019 ein positiver Beschluss gefasst wurde. Im Zuge der Arbeiten der Stadtwerke fürs Nahwärmenetz, so die Entscheidung, sollte der Poller dann 2020 eingebaut werden. Die Arbeiten der Stadtwerke sind aktuell in vollem Gang. Wie Giuseppe Panetta, der Leiter des Tiefbauamts der Stadt Bad Säckingen, auf Anfrage mitteilt, kam man mit der Bauleitung der Stadtwerke überein, den Poller jetzt im Herbst einzusetzen.

Dass so ein Unglück auch anderswo geschehen kann, zeigte sich im April 2019. Da krachte ein Auto an der Kreuzung B34/Jurastrasse in den Spielturm auf der Aussenfläche des Mc-Donald’s-Restaurants, die zum Glück zu jener nächtlichen Stunde leer war.