Bad Säckingen
Obdachlose haben wegen Corona noch mehr Sorgen als sonst

In Bad Säckingen an der Schweizer Grenze gibt es mehrere Menschen ohne festen Wohnsitz. Die Covid-19-Pandemie erschwert ihre Lage noch. Nun setzt sich der Zusammenschluss «Wir helfen Obdachlosen» für sie ein.

Annemarie Rösch
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Jacko Reiff, Lindsay Brunzel mit Baby und Obdachlosenhelferin Sabrina Steuck (v.l.) in der Bad Säckinger Bahnhofshalle.

Jacko Reiff, Lindsay Brunzel mit Baby und Obdachlosenhelferin Sabrina Steuck (v.l.) in der Bad Säckinger Bahnhofshalle.

Annemarie Rösch

Wer sie sieht, käme nie auf die Idee, dass sie auf der Strasse lebte: Die hochgewachsene Frau schiebt einen Kinderwagen in die Bahnhofshalle in Bad Säckingen, das Haar hat sie zu einem Dutt gebunden, ihre Wimpern sind getuscht. Lindsay Brunzel heisst sie, 28 Jahre ist sie alt und stammt aus der US-amerikanischen Stadt Las Vegas.

Wegen der Liebe kam sie an den Hochrhein. Als sich ihr Mann von ihr trennte, fand sie keine Wohnung. «Ich habe überall Hilfe gesucht, es war aber schwer», sagt sie. Sie übernachtete draussen, wärmte sich mal in der Bahnhofshalle, mal im Eingangsbereich einer Bank oder in einer Obdachlosenunterkunft.

«Lindsays Fall zeigt, wie schnell jemand in die Obdachlosigkeit abrutschen kann», sagt Sabrina Steuck. Sie hat im November zusammen mit Mitstreitern den Zusammenschluss «Wir helfen Obdachlosen» gegründet. Jeden Samstag verteilen sie eine Mahlzeit an Bedürftige. Gerade in Zeiten von Corona hätten es Menschen am unteren Rand der Gesellschaft besonders schwer. Streuck sagt:

«Wir können die Welt nicht retten, aber wenigstens ein paar Menschen helfen.»

«Im Moment haben in Bad Säckingen alle Wohnsitzlosen ein Dach über dem Kopf», sagt Steuck. «Michael wohnt aber immer noch draussen», wendet Jacko Reiff (56) ein. «Ja, das meine ich auch», sagt Chrys Mayer (75). Beide lebten lange auf der Strasse und haben jetzt ein Zuhause. «Ich muss da aber bald raus», sagt Reiff.

Viele schlafen aus Angst vor Corona lieber draussen

Die Stadt Bad Säckingen betreibt zwei Unterkünfte für Wohnungslose: eine nur für Männer und eine für Frauen und Familien. In der für Männer gibt es zehn Plätze für Flüchtlinge und 15 für Obdachlose. In der Frauenunterkunft leben etwas über zehn Menschen, wie Markus Haag vom Ordnungsamt berichtet. «Voll sind die Unterkünfte noch nicht. Wir sind froh, wenn wir Spielraum haben», sagt Haag.

Gerade in Zeiten von Corona kommt es in den beengten Unterkünften zu Problemen. «Vor Weihnachten hatten wir im Männerheim Coronafälle», berichtet Haag. Mehr möchte er dazu aus Datenschutzgründen nicht sagen. Die Unterkunft wurde unter Quarantäne gestellt. Der deutschen «Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose» zu Folge sind zahlreiche solcher Fälle bekannt. Geschäftsführerin Werena Rosenke sagt:

«Manche Obdachlose schlafen dann lieber draussen, was ihre Lage im Winter verschlimmert.»

In Bad Säckingen wollte der Hausmeister wegen der Coronafälle nicht mehr in die Unterkunft, weil er zur Risikogruppe gehört. Ob die Hygienebestimmungen eingehalten wurden, war deshalb nur schwer zu kontrollieren. «Wir sind deshalb froh, dass Frau Steuck sich in der Zeit um die Obdachlosen gekümmert hat», sagt Haag.

Die Aktion von «Wir helfen Obdachlosen» kommt dank Spenden zu Stande. «Ich finde es toll, wie viele Unterstützer wir haben», sagt Sabrina Steuck. Auch die Essensverteilung ist in Zeiten von Corona nicht einfach. Viele Wärmestuben für Obdachlose sind – wie Restaurants – geschlossen, um eine Ausbreitung der Pandemie zu verhindern. Das Ordnungsamt erteilte Sabrina Steuck eine Ausnahmegenehmigung. «Betteln lohnt sich jetzt auch nicht. Es ist ja niemand auf der Strasse», sagt Chrys Mayer.

Schon als Kind auf der Strasse gelebt

Lindsay Brunzel nimmt das Baby auf den Arm, stillt es. «Ich will eine bessere Mutter sein, als meine Eltern es waren», sagt sie. Dass sie auf der Strasse landete, mag damit zusammenhängen, dass sie in Deutschland nicht verwurzelt ist, aber auch ihre Vergangenheit wiegt schwer. «Als Kind habe ich mit meinen Eltern auf der Strasse gelebt. Sie hatten Alkoholprobleme, meine Mutter hat ein Borderlinesyndrom.»

Sie ist froh, dass sie in Bad Säckingen Hilfe und ein Dach über dem Kopf gefunden hat, als sie schwanger war – und ihrem Kind ein ähnliches Schicksal ersparen konnte. Mit dem Vater des Kindes will sie bald eine reguläre Wohnung beziehen. Die beiden suchen noch.

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