Frick
Ausgedient, entsorgt und vergessen

Kaum ein vorbeigehender Passant würdigt mich eines Blickes. Ich bin fehl am Platz, ich weiss. Könnte ich, so würde ich mich verkriechen, mich der peinlichen Situation entziehen. Wenn ich könnte. Doch ich kann nicht.

Susanne Hörth
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Deponieren verboten: Möbel neben der Fricker Brockenstube.

Deponieren verboten: Möbel neben der Fricker Brockenstube.

Susanne Hörth

Oder haben Sie schon je ein Wohnzimmerbuffet gesehen, das sich einfach so ganz selbstständig auf und davon macht. Sicher nicht, werden Sie jetzt sagen. Und ich, als ein solches, leider schon sehr in die Jahre gekommenes Möbelstück weiss doch nur zu gut, dass das nicht geht. Aber mal ganz ehrlich, was habe ich denn an meinem momentanen Standort verloren? Nichts, überhaupt nichts. Hier, einfach lieblos auf den kalten Betonplatten neben der Fricker Brockenstube abgestellt, gehöre ich nicht hin. Dazu kommt, dass hinter mir an der Wand gross geschrieben steht: « Deponieren verboten». Wie wenn ich mich hier verbotenerweise selbst deponieren würde. Als genüge das alles noch nicht, kleben sie mir einen Zettel auf, vermerken: «hier ist kein Entsorgungsplatz».

Wie gut kann ich mich erinnern, einst mit viel Liebe zum Detail ausgesucht und gekauft worden zu sein. In der guten Stube hat man mir den besten Platz gegeben. Mein Inneres bot Platz für die schönsten Schätze. Das gute Porzellanservice. Jenes, das schon von Generation zu Generation übergegangen war. Oder die mit Goldrand verzierten Kristallgläser.

Ja und dann die mir angediehene Pflege. Mit einem flauschigen Staubwedel sorgte die Hausherrin fast täglich dafür, dass kein noch so kleiner Fusel auf mir liegen blieb. Gott sei Dank bin ich nicht kitzelig. Sonst hätte ich jedes Mal bei der Prozedur laut herauslachen müssen. Und dann erst noch das fein duftende Mittelchen, mit welchem meine Oberfläche glänzend und rissfrei gehalten wurde. Wie heisst es doch so schön, Pflege ist die halbe Miete oder so.

Von wegen Miete und sein dürfen. Irgendwann war das alles vorbei. Das Geschirr war zu wenig modern, die Gläser waren nicht spülmaschinenfest. Also weg damit. Und meine Wenigkeit war auch nicht mehr willkommen. Altmodisch, sperrig hiess es. Von der Stube gings in den kalten Keller. Stauraum braucht es immer, sagten sie, als sie mich unsanft die Treppe hinunterschleiften. Selbst im Keller war ich irgendwann unerwünscht. Feuchte und Modrigkeit hatten längst ihre hässlichen Spuren bei mir hinterlassen. Sie schleppten mich hinaus in die dunkle Nacht. So stehe ich nun seit Tagen in Frick quasi auf der Strasse. Ausgedient, entsorgt und vergessen.

Anmerkung der Red.: Die Gedanken sind frei erfunden, das abgestellte Möbelstück nicht.