Fricktal

Ausgebüxte Hirsche abgeschossen: Aargauer Jäger reichen Beschwerde gegen Kanton ein

Ist ein Rothirsch, der aus dem Gehege ausbricht, ein Haus- oder ein Wildtier? An dieser Frage scheiden sich im Fricktal derzeit die Geister.

Ist ein Rothirsch, der aus dem Gehege ausbricht, ein Haus- oder ein Wildtier? An dieser Frage scheiden sich im Fricktal derzeit die Geister.

Wann ist ein Wildtier wild? EIne Jagdgesellschaft reicht wegen des Abschusses von zwei ausgebüxten Rothirschen Beschwerde beim Kanton ein.

Ende März haben Mitarbeiter des Kantons im Grenzgebiet zwischen Gipf-Oberfrick und Schupfart zwei Rothirsche geschossen, die Ende Februar aus einem Gehege ausgebüxt waren. Es handelte sich um ein jüngeres männliches und ein älteres weibliches Tier. Der Fall erregt die Gemüter, denn ein Jäger monierte, dass der Abschuss während der Schonzeit für Rotwild erfolgt sei. Wie die az nun weiss, hat die Jagdgesellschaft Schupfart mittlerweile sogar Beschwerde gegen die Mitarbeiter des Kantons, die den Abschuss vorgenommen haben, eingereicht.

Nutztiere haben keine Schonzeit

Als Knackpunkt im Verfahren dürfte sich die Frage erweisen, wann ein Wildtier als Haustier gilt und wann es zum Wildtier wird. Thomas Stucki, Leiter der Sektion Jagd und Fischerei beim Kanton Aargau, erklärte bereits gestern in der az: «Bei den beiden Tieren handelt es sich um Haustiere, die aus dem Gehege ausbrechen konnten, und nicht um Wildtiere.» Die Schonzeit gelte aber nur für Wildtiere.

Auf erneute Anfrage präzisierte Stucki seine Aussage gestern: «Die Rothirsche wurden nicht als Wildtier gehalten, sondern als Nutztier. Dieser Status ändert sich nicht, wenn es ausbricht.» Nicht alle teilen diese Auffassung. Erich Schmid, Geschäftsführer des Aargauischen Jagdschutzvereins, kennt den aktuellen Fall nur aus der Presse. Er sagt aber: «Ich habe mal gelernt, dass ein Wildtier, dass aus einem Gehege ausbricht, wieder als Wildtier gilt.»

Bedeutet herrenlos wild?

Einen Gesetzesparagrafen, der die Frage behandelt, ob und wann ein Haustier, das ausbüxt, wieder zum Wildtier wird, gibt es wohl nicht. Er habe jedenfalls keine Kenntnis von einem solchen Paragrafen, sagt Thomas Stucki. Und auch Vera Beerli, Rechtskonsulentin des Aargauischen Jagdschutzvereins, die den Fall ebenfalls in der Presse verfolgt, aber keine Kenntnis vom Wortlaut der Beschwerde hat, sagt, ihr sei kein solcher Paragraf bekannt. «Deshalb bin ich selber sehr gespannt, wie sich diese Angelegenheit weiterentwickelt», so Beerli. Der Fall sei jedenfalls «hoch interessant» und «vielschichtig». Klar ist für sie: «Wenn die ausgebüxten Hirsche als Wildtiere gelten, dann zählt die Schonzeit.»

Die Beschwerdeführer ziehen den Artikel 719 des Zivilgesetzbuches (ZGB) heran. Darin heisst es: «Gefangene Tiere werden herrenlos, wenn sie die Freiheit wieder erlangen und ihr Eigentümer ihnen nicht unverzüglich und ununterbrochen nachforscht und sie wieder einzufangen bemüht ist.» Doch ist «herrenlos» automatisch mit «wild» gleichzusetzen? «Nein», sagt Vera Beerli. Denn: «Im erwähnten ZGB-Artikel geht es einzig um das Eigentumsverhältnis.» Thomas Stucki sagt angesprochen auf Artikel 719, dieser habe keinen Einfluss auf die Abschussbewilligung gehabt.

Vermischung verhindern

Wichtig sei beim Abschuss gewesen, dass sich die entflohenen Tiere nicht mit wilden Tieren vermischen, betont Stucki. Denn die genetische Herkunft der beiden Tiere sei unklar und sie seien «an den Menschen und eine entsprechende Fütterung» gewohnt gewesen. «Genetische Überlegungen werden immer wieder als Gründe für einen Abschuss angeführt. Ob diese aber einen Abschuss auch in der Schonzeit rechtfertigen, kann ich nicht beantworten», sagt Rechtskonsulentin Beerli.

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