Wegenstetten
Aus der «Trotte» soll ein Flederhaus werden

Pro Natura Aargau möchte ein altes Haus renovieren und damit die bedrohteste Fledermaus der Schweiz vor dem Aussterben retten. Die Fledermäuse in Wegenstetten sind nämlich eine Rarität.

Nadine Böni
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Im «Trottehuus» sollen bald Feriengäste und Fledermäuse wohnen.

Im «Trottehuus» sollen bald Feriengäste und Fledermäuse wohnen.

Nadine Böni

Lange Zeit wussten Ida und Emil Hürbin nicht, was da für ein Schatz im Dachstock ihres Bauernhauses in Wegenstetten haust. Das Geschwisterpaar liebte die Fledermäuse im «Trottehuus». Dank deren Kot gedeihten in den Blumenkästen der Hürbins die schönsten Geranien weit und breit. Dass es sich bei den Tieren um eine seltene und vom Aussterben bedrohte Art handelt, kam erst heraus, als der Fledermausspezialist Andres Beck die Kolonie entdeckte.

Ferien mit Fledermäusen

«Die Fledermäuse in Wegenstetten sind eine absolute Rarität. Von der Grossen Hufeisennase gibt es in der ganzen Schweiz nur drei Wochenstuben», sagt Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau (siehe Kontext). Die Organisation hat nun ein Projekt angeschoben, dessen Ziel es ist, die Kolonie und das Haus zu erhalten. Aus dem Bauernhaus – einst eine Soldatenstube und Weintrotte – soll ein «Flederhaus» werden.

Grosse Hufeisennase

Vom Aussterben bedroht

Die Grosse Hufeisennase ist auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten. In den 1990er-Jahren galt sie im Aargau gar als ausgestorben. Heute ziehen die Fledermäuse an drei Orten in der Schweiz ihre Jungen gross: In Wochenstuben in den Kantonen Graubünden und Wallis sowie in Wegenstetten. Sie jagen in den umliegenden Wiesen, Ufergehölzen und Hochstammgärten nach Insekten. Ihre Jagdflüge unternehmen sie durch das ganze Wegenstettertal, nach Wittnau und bis in den Kanton Solothurn. Den Winter verbringen die Säuger in
unterirdischen Räumen wie Felsspalten, Höhlen und Stollen. (nbo

Nach dem Tod der Geschwister Hürbin ging die Liegenschaft 2006 an die christkatholische Kirchgemeinde. Seither stand sie leer. Die Idee von Pro Natura Aargau: Das Haus mit Baujahr 1803 sanft renovieren, die Gebäudeumgebung fledermausfreundlich aufwerten und im Wohnteil des Hauses zwei Ferienwohnungen einrichten. Geplant ist, dass diese durch «Ferien im Baudenkmal» bewirtschaftet werden. Die Stiftung wurde 2005 vom Schweizer Heimatschutz gegründet und vermietet historisch wertvolle Bauzeugen als Ferienwohnungen.

In der Scheune könnte ausserdem eine Ausstellung zu den Fledermäusen eingerichtet werden – mit Videostream aus der Wochenstube im Dachstock und dem vermuteten Winterquartier in der Gipsgrube in Kienberg.

Fledermäuse und Haus erhalten

«Einerseits können wir mit dem Projekt viel für eine höchst bedrohte Fledermausart tun», sagt Jenny. Er glaubt, dass die Kolonie von heute um etwa zehn Tiere vergrössert werden könnte. «Andererseits erhalten wir mit der Renovation ein Gebäude von grosser kulturhistorischer Bedeutung für die Nachwelt», so Jenny.

Die Planungen für das Projekt sind fortgeschritten. Am Freitag wurde es an der Generalversammlung von Pro Natura Aargau vorgestellt. Und am Sonntag hat die christkatholische Kirchgemeinde Wegenstetten-Hellikon-Zuzgen dem Projekt zugestimmt.

Verhandlungen mit Sponsoren

Für das Projektteam geht es jetzt darum, die Finanzierung zu festigen, Spender und Sponsoren zu finden. Aktuell rechnet Pro Natura Aargau mit Kosten in der Höhe von rund 1,4 Millionen Franken. «Wir sind überzeugt, bis im Sommer über die notwendigen Mittel zu verfügen, um dann auch den Erwerb des Grundstückes sicherstellen zu können», sagt Jenny.

Die weiteren Schritte würden dann in Zusammenarbeit mit dem Fledermausbeauftragten des Kantons, Andres Beck, abgesprochen. Läuft alles nach Plan, beginnen im Herbst 2017 die Umbauarbeiten. «Natürlich erst, wenn die Fledermäuse den Dachstock in Richtung Winterquartier verlassen haben», sagt Jenny. Dies, um die sensiblen Tiere nicht zu verscheuchen. Im Frühling 2018 sollen sie dann in ein Flederhaus zurückkehren.