Fricktal

Aufmüpfige Seelsorger kämpfen um Erhalt der Dekanate

Das Fricktal besteht künftig aus fünf Pastoralräumen. Eine Dekanatsebene (gesamtes Fricktal) wird es nicht mehr geben.

Das Fricktal besteht künftig aus fünf Pastoralräumen. Eine Dekanatsebene (gesamtes Fricktal) wird es nicht mehr geben.

Das Bistum schafft die Dekanate ab. Die Seelsorger halten dies für falsch – und gründen eine Pastoralkonferenz.

Die Fricktaler sind ein eigenwilliges Völklein. Das musste Bischof Felix Gmür schon mehrmals feststellen. Bei der Errichtung der Pastoralräume etwa, wo einige Fricktaler Pfarreien zu den pointiertesten Gegnern der Strukturreform gehören. Die Kirchgemeinde Kaiseraugst untersagte ihrem Gemeindeleiter sogar, für den Pastoralraum tätig zu werden. «So gross wie in Kaiseraugst ist der Widerstand nirgends», räumte Bischofsvikar Christoph Sterkman im Sommer in der AZ ein.

Oder jetzt, bei der Auflösung der Dekanate. Bischof Felix Gmür will sie im Sommer 2018 aufheben, weil es diese Ebene seiner Ansicht nach mit den neuen Pastoralräumen nicht mehr braucht. Es geht dem Bistum darum, Führungsstrukturen zu vereinfachen. Im Pfarrblatt «Horizonte» räumt Generalvikar Markus Thürig derweil unumwunden ein, dass sich das Bistum von der Aufhebung der Dekanate auch einen «psychologischen Druck» auf die Pfarreien verspricht, bei den Pastoralräumen vorwärtszumachen.

«Die Dekanatsauflösung führt zu einer Vereinzelung. Das ist der falsche Weg, die falsche Richtung.»

Bernhard Lindner, Gemeindeleiter in Oeschgen

«Die Dekanatsauflösung führt zu einer Vereinzelung. Das ist der falsche Weg, die falsche Richtung.»

Denn vielerorts schleppen sich die Arbeiten dahin; auch im Fricktal sind erst zwei der fünf Pastoralräume auf der Zielgeraden. Im Brief an die Mitarbeiter zur Neustrukturierung schreibt der Bischof im September: «Gewohnheiten abzulegen gelingt nur mit Anstrengung und bleibt in hohem Mass emotional belastend.» Nur: Im Fricktal hält man es für falsch, die Dekanats-Gewohnheit abzulegen – und kontert mit der Gründung der «Fricktaler Pastoralkonferenz». Sie wird eine ähnliche Funktion haben wie heute das Dekanat, einfach unter neuem Namen und als Verein organisiert.

Keine Reaktion aus Solothurn

Ein Halleluja-Seufzer dürfte dem einen oder anderen Gottesmann in der Bistumsleitung entfahren sein, als er von den Plänen der Fricktaler hörte. Reagiert hat Solothurn bislang jedoch nicht. Bernhard Lindner, Gemeindeleiter in Oeschgen und einer der treibenden Kräfte hinter der neuen Pastoralkonferenz, rechnet auch nicht mit einer Reaktion. «Denn wir kämpfen ja nicht aktiv gegen die Auflösung des Dekanats, sondern wollen einfach die für unsere Arbeit wertvollen Elemente weiterführen.» Das sind für Lindner primär die Zusammenarbeit und der Austausch über die Grenzen der eigenen Pfarrei hinaus.

Das Argument der Bistumsleitung, diesen Austausch ermöglichten künftig die Pastoralräume, hält er «für zu kurz gegriffen». Das Fricktal bilde ein Dekanat, aber künftig fünf Pastoralräume. «In jedem Pastoralraum arbeiten nur wenige Personen. Es braucht eine übergeordnete Ebene», ist Lindner überzeugt. Er verweist auf die Jugendseelsorge, den kirchlich regionalen Sozialdienst und kirchliche Traditionen wie die Dekanatswallfahrt, die allesamt regional organisiert seien.

«Die Dekanatsauflösung führt zu einer Vereinzelung», warnt Lindner. Das sei der falsche Weg, die falsche Richtung. «Gerade in Zeiten, in denen das Personal immer weniger wird, sind Kooperationen umso wichtiger.» Für ihn ist klar: Die ersatzlose Streichung der Dekanate, wie sie das Bistum möchte, ist «kirchenpolitisch bedenklich und schwächt die Regionen». Lindner verstummt, überlegt kurz, fügt dann an: «Natürlich gibt es im Aargau Regionen, in denen die Aufhebung der Dekanate kein Problem ist.»

Eine solche Region ist für ihn Brugg; hier ist der Pastoralraum fast deckungsgleich mit dem Dekanat. «Aber in ländlichen Regionen mit kleinteiligen Pastoralräumen wie dem Fricktal braucht es eine zusätzliche Ebene für den Austausch. Das regionale Denken ist ein Wert, den wir hochhalten und weiter pflegen wollen.»

Nahtloser Übergang

Dass die «Fricktaler Pastoralkonferenz», anders als das Dekanat heute, keine Entscheidungsbefugnis mehr haben wird, stört ihn nicht. Es gehe darum, das Miteinander zu wahren, und nicht darum, kirchlich-hierarchische Aufgabenkompetenzen zu erhalten.
Beschlossen hat die Dekanatsversammlung die Lancierung der «Fricktaler Pastoralkonferenz» bereits im Mai – einstimmig.

Die Macher verstehen sie dabei als Pendant zur bereits existierenden Aargauer Pastoralkonferenz, die Bernhard Lindner co-präsidiert. Die Aargauer Konferenz war auch Namenspate. Das Wort «Konferenz» drücke genau das aus, was man sein wolle, sagt Lindner. Zudem beugt man mit dem neuen Namen einem Streit mit der Kirchenleitung vor. «Das Bistum will den Namen Dekanat verschwinden lassen», so Lindner. «Und daran halten wir uns.»

Mitglied der «Fricktaler Pastoralkonferenz» wird automatisch jeder, der mit mindestens 50 Prozent im kirchlichen Dienst arbeitet. Zweckgebundene Gelder sollen in den neuen Verein überführt werden und dessen Kasse künftig via Mitgliederbeiträge gefüllt werden. Derzeit sei man daran, die Statuten auszuarbeiten, so Lindner. Erster offizieller Auftritt wird die Gründungsversammlung sein. Diese ist im August 2018 vorgesehen, denn die Pastoralkonferenz soll «nahtlos» an die Aufhebung des Dekanates anknüpfen. Danach will die Pastoralkonferenz drei bis vier Mal im Jahr tagen.

Bernhard Lindner kann sich gut vorstellen, dass das Fricktaler Projekt auch in anderen Regionen Sinn macht. Chancen sieht er «überall dort, wo die Dekanate grossräumiger als die neuen Pastoralräume sind». Als Beispiel nennt er das Freiamt. Ihn jedenfalls würde es freuen, wenn das Fricktaler Beispiel Schule macht. Mit oder ohne bischöflichen Halleluja-Seufzer.

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