Kaisten
Auf ein fabelhaftes folgt nun ein ganz normales Weinjahr

Weinbauer Roland Schraner hat zur Traubenlese geladen. Zwölf Freunde und benachbarte Weinbauern sind dem Aufruf gefolgt. Der Öchslegrad ist solid – aber nicht mehr. Denn das Wetter hat dieses Jahr nicht gut mitgespielt.

Ralph Stamm
Merken
Drucken
Teilen
Winzer Roland Schraner und seine Mutter bei der Weinlese.
10 Bilder
Faule und saure Beeren werden aussortiert.
Am Rebberg Esplen erhalten die Trauben genügend Licht.
Etwa vier Tonnen wird die gesamte Ernte betragen.
Wenn die Trauben gelblich werden, sind sie reif.
Weinbauer Roland Schraner hat zur Traubenlese geladen
Hier werden die Trauben entstielt.
Ab in die Presse.
Die französischen Barrique-Eichenfässer für die Lagerung des Pinot Noirs.
13 Sorten sind bereit zum Verkauf.

Winzer Roland Schraner und seine Mutter bei der Weinlese.

Ralph Stamm

Über dem Rebberg Esplen brauen sich die Wolken zusammen, doch der Regen bleibt aus. Roland Schraner ist froh, denn bei Regen müsste die Traubenlese abgeblasen werden. «Wir wollen ja den Wein nicht panschen», so der stolze Winzer aus Kaisten.

Am Mittwochnachmittag hat der 43-Jährige zur ersten Weinlese der Saison geladen. Zwölf Freunde und benachbarte Weinbauern sind dem Aufruf gefolgt. Auch Schraners Mutter steht am 35 Grad steilen Südosthang zwischen den Reben. In der linken Hand die Gartenschere, in der rechten eine Riesling-Sylvaner-Traube. Flink schneidet sie die faulen Beeren weg, ehe sie die saftige Frucht in die Kiste fallen lässt. Der Winzer selbst kaut derweil an einer Beere und nickt: «Das gibt zwar kein Jahrhundertwein, auf 75 Öchsle (siehe Kasten) sollten wir aber schon kommen.»

Das unberechenbare Wetter

Das Wetter hat dieses Jahr tatsächlich nicht optimal mitgespielt. Reine Sonnentage gabs deutlich weniger als im Vorjahr. Der Mehltau war eine Plage, dafür gabs keinen Hagel und kaum Wespen. «Die hat wohl der bissig kalte Winter dahingerafft», mutmasst Schraner.

Als Kind half klein Roland seinem Vater und Hobbywinzer eher widerwillig bei der Traubenlese. Trotzdem entschied er sich nach der obligatorischen Schulzeit für eine Lehre zum Weinbauer. Bereits im dritten Lehrjahr kaufte Schraner mit seinem Lehrlingslohn 500 Kilogramm Trauben und experimentierte erstmals mit der Weinherstellung nach eigenem Gusto. Schon im Jahr darauf pachtete er seine erste Parzelle für den Eigenanbau. Heute gedeihen auf einer Fläche von drei Fussballfeldern jährlich vier Tonnen Trauben.

Schon antike Völker hätten an der Hingabe des Junggesellen zu den Trauben ihre wahre Freude gehabt. Die alten Römer etwa ehrten ihren Weingott Bacchus dafür, dass er ihnen mit dem Wein die Sorgen vertrieb. Die Griechen ihrerseits priesen ihren Weingott Dionysos für das rauschbringende Getränk mit grossen Festen, an denen sich ausnahmsweise auch Frauen und Sklaven austoben durften. Schliesslich hatte auch der chinesische Moralphilosoph Konfuzius nichts gegen den edlen Traubensaft einzuwenden: «Am Rausch ist nicht der Wein schuld, sondern der Trinker.»

Das Aroma als Mass aller Dinge

So weit ist es bei Schraner und seinen fleissigen Helfern nach abgeschlossener Ernte noch nicht. Noch bleibt einiges zu tun. In vier grossen sogenannten Standen werden die Trauben zu Schraners Kelterei gekarrt, anschliessend gewogen, entstielt und gepresst. Erst wenn der kantonale Traubenkontrolleur den Öchslegrad gemessen haben wird - der dieses Jahr tatsächlich bei einem Wert von 75 liegt - gönnt sich die Arbeitsgemeinschaft den wohlverdienten Feierabend bei Rauchwürsten und einem Pinot noir mit Jahrgang 2011. «Fabelhaft», ist man sich einig. Die Qualität sei aber nicht einzig von der Sonne abhängig, erklärt Schraner. «Wir schneiden die Reben im August jeweils so zurecht, dass sie nur 800 Gramm Ertrag pro Quadratmeter einbringen können. Das macht sie besonders kräftig und aromatisch.»

Für Schraner geht die Arbeit indes schon tags darauf weiter. Zur Gärung wird er den Wein in die neu angeschafften Chromstahlbehälter abfüllen. Dank einem totalen Fassungsvermögen von 35 000 Litern kann er auch den Wein anderer Weinbauern keltern. In Flaschen oder in die französischen Barrique-Eichenfässer wird der Wein schliesslich erst im Frühjahr abgefüllt, wenn der Gärungsprozess abgeschlossen ist.

Internationaler Konkurrenzdruck

Schraners Investitionen liegen derweil quer zum Konsumverhalten der Schweizer Bevölkerung. Die nationale Alkoholstatistik belegt zwar einen stabilen Alkoholkonsum pro Kopf, zeigt aber auch auf, dass eine Verlagerung vom Wein zu Bier stattfindet. Ausserdem spürt der einheimische Wein den internationalen Konkurrenzdruck. Mittlerweile liegt sein Anteil am hiesigen Konsum nur noch bei 37 Prozent.

Schraner fühlt sich dennoch gewappnet. Der Geschäftsgang gebe ihm recht. Der Wein von 2010 sei bereits ausverkauft, auch der letztjährige Wein sei sehr gefragt, insbesondere bei Privaten und Restaurateuren der Region. Ausserdem decke er mit seinem Sortiment von 13 Weinen ganz unterschiedliche Geschmäcker ab. Eigne sich der kräftige Pinot Noir vom Eichenfass beispielsweise bestens zu einem Rindsfilet, komme das Chäller Träumli aus Riesling-Sylvaner-Trauben viel leichter und süsser daher. Mit seinen nur 7,5 Prozent Alkohol bereite dieser auch nicht so schnell Kopfschmerzen wie andere Weine, so der Winzer, als er sich selbst einen Schluck gönnt. «Sowieso aber», so seine Lektion, «ist immer alles eine Frage des Masses.»

Auch da spricht Roland Schraner erneut im Einklang mit einer bekannten chinesischen Volksweisheit: «Selbst der beste Wein vermag es nicht, wirkliche Sorgen zu vertreiben.»