Gansingen
Auch im Winter summen die Bienen, nur leiser

Wer glaubt, im Winter hätten Imker nichts zu tun, der irrt sich. Thomas Senn über die Arbeit mit Bienen im Winter.

Susanne Hörth
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Regelmässig kontrolliert Imker Thomas Senn seine Bienenvölker. Dank dieser Kontrolle erkennt er frühzeitig einen Varroa-Befall und kann reagieren. Susanne Hörth

Regelmässig kontrolliert Imker Thomas Senn seine Bienenvölker. Dank dieser Kontrolle erkennt er frühzeitig einen Varroa-Befall und kann reagieren. Susanne Hörth

Susanne Hörth

Der Atem wird in der kühlen Luft als weisse Wolke sichtbar. Unter den Füssen knirscht der Schnee. Das Thermometer zeigt nur wenige Plusgrade an. Ein feines Summen ist zu hören. Ein paar Bienen krabbeln aus braunen Kisten, fliegen noch etwas torkelnd in der Februarsonne umher und verschwinden wieder in den Boxen. «Es ist eigentlich noch zu kalt für sie», sagt Thomas Senn. Erst ab zirka 8 Grad, bei trockenen und sonnigen Bedingungen beginnt das Bienenflugwetter. Machen die Bienen einen Winterschlaf? Der Gansinger Imker verneint, erklärt aber, dass die Insekten ihre Betriebstemperatur während der kalten Monate deutlich reduzieren und die Stöcke nicht verlassen.

Thomas Senn steht etwas oberhalb von Gansingen in einer doch noch sehr winterlichen Landschaft vor zahlreichen Kisten, 27 genau. «Als ich 1979 mit der Imkerei begonnen habe, hatte ich noch ein Bienenhäuschen. Um nicht gestochen zu werden, muss man in diesen immer viel Rauch machen. Das störte mich und deshalb habe ich auf die Kisten umgeschwenkt.» Der Trend, weg von den Bienenhäuschen und hin zu den einfacher verstellbaren Kisten, ist bei den Imkern seit einiger Zeit vorhanden.

Kontrolle im Bienendreck

Thomas Senn bückt sich und zieht unter der ersten Kiste eine Schublade hervor. Auf dem weissen Boden ist feiner rotbrauner Dreck zu erkennen. «Sie leben», so Senn und grinst ob des Erstaunens seiner Begleitung. Ab Oktober, dann macht der Gansinger seine Bienenvölker für den Winter bereit, werden die Kisten nicht mehr geöffnet. Die Insekten ernähren sich in dieser Zeit von einer Zuckerlösung, die der Imker im Innern der Kiste angebracht hat. Senn konzentriert sich wieder auf den leicht körnigen Bienendreck auf der Schublade.

«Da hat es eines, da noch eines.» Er zeigt auf ein ovales, dunkelbraunes Körnchen, nicht mal einen halben Millimeter gross. «Das ist von der Varroamilbe». Der Imker findet noch ein drittes Korn. Er trägt die Zahl in eine Tabelle ein. Das Prozedere wiederholt sich von Kiste zu Kiste. Da und dort findet er im Bienendreck auch noch anderes. Mäusekegel. «Die Mäuse klettern auf der Schublade herum, in die Kisten kommen sie aber nicht. Die sind von unten mit einem Gitter zugemacht.»

«Null», freut sich der Imker gleich mehrfach. Diese auch während der Wintermonate alle zwei bis drei Wochen nötige Kontrolle zeigt ihm an, wann er ein Mittel gegen die Varroamilbe einsetzen muss. Senn ist zufrieden. Gegenüber einer Kontrolle am 20. Januar habe es jetzt quasi keine Varroamilbe in den Bienenstöcken. Eine Biene sitzt im Schnee, versucht zu starten. «Die kommt nicht mehr heim», so ein lakonischer Senn. Das kann doch nicht sein! Die Schreibende hilft dem Tierchen, nimmt es mit dem Bleistift auf und setzt es bei seiner Kiste ab. Später bei sich zu Hause erzählt ein schmunzelnder Thomas Senn seiner Frau Monique: «Sie hat zwei Bienen das Leben gerettet.»

Monique Senn würde das nicht tun. Nicht, weil sie Bienen nicht mag, sondern weil sie allergisch auf Bienenstiche reagiert. Sie wie auch andere Familienmitglieder helfen beim Schleudern der Waben und Abfüllen des Honigs in die bereitgemachten Gläser. Zudem müssen die Waben – elf pro Kiste – gereinigt werden, neuer Bienenwachs eingebracht und vieles mehr. Es gibt viel zu tun.

Messstation

Kiste Nummer 27 ist verkabelt. Die Kabel führen zu einer wenige Meter entfernten Stange, an der eine kleine Box befestigt ist. «Eine Waage», erklärt Senn. Er ist einer von zirka 20 Imkern, für den der Verband deutschschweizerischer und rätoromanischer Bienenzüchter eine solche Messstation führt. Alle zwei Stunden zeichnet die Station das Gewicht (inklusive Kiste, Schnee, Wasser oder Dreck darauf) und die Temperatur auf. Jeweils um neun Uhr abends erhält Thomas Senn die Auswertung seiner Box per Mail. «Ich kann anhand dieser Daten Veränderungen feststellen», erklärt Senn. Er erfährt so auch, wann der Honig für die Ernte bereit ist.

«Kein Jahr ist wie das andere. Zurzeit sieht es witterungsbedingt gut für die Bienen aus. Im letzten Jahr hingegen war es im Februar sehr warm und schön. Das schuf ideale Bedingungen für die Varroa-Milbe, sie hat sich dann sehr schnell entwickelt.»

Die Milbe frisst sich in die Bienenbrut und ist dafür verantwortlich, dass nicht überlebensfähige Bienen schlüpfen. Senn ist froh, dass er im Jahr 2014 keine grossen Schäden vermelden musste. Gleichwohl weiss er aus Erfahrung, was es heisst, ganze Bienenvölker durch Krankheiten zu verlieren. «Wenn die Bienen aussterben, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben», sagte einst Albert Einstein. Bienen gibt es seit vielen Millionen Jahren. Damit die fleissigen Insekten trotz der vielen sie bedrohenden Krankheiten gute Zukunftsaussichten haben, braucht es Imker, die bereit sind, viel Zeit und viel Arbeit zu investieren. Was aber, wenn solche Leute fehlen?

Thomas Senn kann hier Entwarnung geben. Spätestens seit dem 2012 erschienenen Dokumentarfilm «More than Honey» von Michael Imhoof gebe es wieder viele Jungimker.

Die Kisten mit den Bienenvölkern stehen nur in den Wintermonaten immer an der gleichen Stelle. Im Frühling bringt Thomas Senn sie in die Nähe von blühenden Wiesen, ab Mitte Sommer dann in den Wald. Der Standort macht auch die Geschmacksrichtung des Honigs aus.

«Bienen sind spannend, interessant und herausfordernd. Du weisst nie, was im Jahresablauf alles passiert», sagt Thomas Senn über sein grosses Hobby, das ihn auch nach fast 40 Jahren motiviert und fleissig wie ein Bienchen sein lässt.

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