Es ist ein herber Schlag für die Wirtschaftsregion Fricktal. Von den 1670 Stellen in Stein streicht Novartis 700 – das sind satte 42 Prozent aller Stellen. Novartis betont zwar, dass das Unternehmen gleichzeitig in Stein eine Produktionsanlage für eine neuartige Zelltherapie aufbauen und so in den nächsten Jahren bis zu 450 Stellen schaffen werde. Aber selbst wenn man die Milchbüchleinrechnung anstellt, also die neuen mit den wegfallenden Stellen verrechnet, gehen netto mindestens 250 Stellen verloren. Das sind immer noch 15 Prozent.

Betroffen vom Stellenabbau sind nicht nur die Standortgemeinde und das Fricktal. Viele, die bei Novartis in Stein arbeiten, sind Grenzgänger aus dem südbadischen Raum. Wie viele genau, sagt Novartis nicht. Das Unternehmen publiziert nur Zahlen für die ganze Schweiz. Über alle Schweizer Novartis-Standorte hinweg haben danach 67 Prozent der Mitarbeitenden ihren Wohnort in der Schweiz, 18 Prozent in Frankreich und 15 Prozent in Deutschland. In Stein dürfte der Anteil jener, die in Deutschland wohnen, deutlich höher als der Durchschnittswert von 15 Prozent sein. Noch eine zweite Zahl im «Novartis Pass», wie der Konzern die Informationsbroschüre «Novartis in der Schweiz» nennt, lässt aufhorchen: Nur 30 Prozent der 13 000 Personen, die Novartis in der Schweiz beschäftigt, sind Schweizer.

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

Novartis will in der Schweiz rund 2150 Stellen innerhalb von vier Jahren abbauen. Dieser Schritt sei Teil eines Programms, um Novartis effizienter und agiler zu machen, sagt Novartis-CEO Vasant Narasimhan im Interview.

Zu den 70 Prozent Nicht-Schweizer gehören auch die Grenzgänger aus Bad Säckingen und dem badischen Umland. Die einen reisen mit dem Auto an, andere mit dem Zug. Vom Bahnhof geht es dann über die alte Holzbrücke an die Arbeit. Die beiden Kommunen, Bad Säckingen und Stein haben auch schon einen Ortsbus geprüft. Das Vorhaben scheiterte aber, weil der Bus beim Grenzübergang zu viel Zeit verlieren würde und nicht über die alte Holzbrücke fahren kann.

Die Betroffenheit ist denn auch auf deutscher Seite gross. Von einem Schock spricht Alexander Guhl, Bürgermeister von Bad Säckingen, von einem herben Schlag, den man zuerst verdauen müsse. Guhl nimmt dabei kein Blatt vor den Mund: «Weil man mal eben eine neue Strategie ersonnen hat, werden mit einem Federstrich grosse Teile der Belegschaft an die frische Luft gesetzt.» Störend findet Guhl auch den Umgang mit den Mitarbeitenden. Die Beschäftigten seien seit Tagen nur der brodelnden Gerüchteküche ausgesetzt gewesen, die Konzernleitung habe keinerlei Informationen preisgegeben. «So geht man nicht mit Mitarbeitenden um», urteilt Guhl.

Regionale Wurzeln aufgegeben?

Der Bürgermeister ist schwer enttäuscht von Novartis – nicht nur wegen der Kommunikation. Bisher habe er Novartis als einen Weltkonzern kennen gelernt, der sich seiner regionalen Wurzeln bewusst gewesen sei und auf den die Region – «auch wir Deutsche» – stolz war. «Diese regionale Verwurzelung scheint Novartis jetzt aufgegeben zu haben. Vielmehr ist jetzt alles jederzeit austauschbar.» Novartis agiere wie ein «anonymer Grosskonzern ohne jede Verbundenheit zu Standorten und Beschäftigten». Nicht verstehen kann Guhl auch die Firmenstrategie. «Erst investiert man Milliarden, nur um kurz darauf alles zusammenzustreichen.»

«Das Mindeste», was Guhl von Novartis nun erwartet, ist ein Engagement bei der Aufstellung und Umsetzung eines Sozialplans. «Es muss darum gehen, Härten für Betroffene, so weit es geht, abzufedern.» Skeptisch ist er, was die Zahl der Umschulungen auf die neue Produktionsanlage für Zelltherapie betrifft. Die neuen Stellen würden, angesichts des geforderten Qualifikationsniveaus, wohl häufig keine Perspektive für jene Menschen darstellen, die ihre Stelle verlieren. Ihnen wünscht er, «durch diesen Schicksalsschlag nicht den Mut zu verlieren».

Ein Lichtblick am Horizont ist für Guhl die aktuelle Wirtschaftslage. Der Verlust so vieler Arbeitsplätze auf einen Schlag sei zwar immer schwer zu verdauen. «Allerdings haben wir das Glück, dass die wirtschaftliche Gesamtsituation nach wie vor sehr gut ist.» Das lasse hoffen, «dass wir mit einem blauen Auge davonkommen und sich für die Angestellten zeitnah Alternativen auftun».