Ärzte fühlen mit ihren Patienten mit. Sie freuen sich, wenn eine Therapie anschlägt, sie sind traurig, wenn sie einem Patienten nicht helfen können. Eine Studie der niederländischen Universität Tilburg zeigt nun: Jede zweite Ärztin und jeder vierte Arzt hat innerhalb eines Jahres mindestens einmal am Arbeitsplatz geweint. Ein Viertel weinte sogar vor dem Patienten.

Da stellt sich die Frage: Darf ein Arzt vor dem Patienten weinen? Oder ist das unprofessionell? Hagen Scheerle-Hofmann, Palliativmediziner am Gesundheitszentrum Fricktal, hält Weinen vor dem Patienten für heikel. Er ortet ein Manko in der Ausbildung und der Begleitung von Ärzten. Er warnt gleichzeitig: «Die Medizin entwickelt sich zusehends zu einer Gesundheitsindustrie, in der Fallzahlen alles sind. Das ist eine gefährliche Entwicklung.»

Herr Scheerle, mussten Sie schon vor einem Patienten weinen?

Hagen Scheerle-Hofmann: Nein, glücklicherweise nicht.

Weshalb glücklicherweise?

Das würde mir zu schaffen machen, denn ich hätte das Gefühl, dadurch die Contenance zu verlieren und ein grosses Stück Professionalität aufzugeben.

Dann haben Sie kein Verständnis dafür, wenn ein Arzt vor einem Patienten weint?

Es liegt nicht an mir, das zu werten. Auch mir ist es schon passiert, dass mir die Tränen in die Augen schossen, dass ich einen Kloss im Hals bekam.

Wie reagieren Sie in solchen Momenten?

Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Ich rufe mich selber zur Raison, sage mir: «Du bist Arzt, das geht nicht.»

Das klappt?

Ja, ich hatte mich bislang jedes Mal nach wenigen Sekunden wieder im Griff.

Verstehen Sie, dass dies nicht allen gelingt?

Absolut. Ich habe das Glück, dass ich als Palliativmediziner Menschen begleite, die oft ihr Leben schon gelebt haben. Ein Kinderonkologe hat es da bedeutend schwerer. Hier ist die seelische Belastung nochmals um einiges höher. Ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich Eltern sagen müsste: Ihr Kind stirbt in einigen Wochen.

Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Darf ein Arzt vor dem Patienten weinen? Schliesslich ist es ja der Patient, der die schlechte Diagnose bekommt und Beistand braucht.

Wenn einen die Betroffenheit übermannt, können schon einmal einige Tränen fliessen. Dafür habe ich Verständnis. Was jedoch nicht passieren darf: Dass der Arzt den Gefühlsausbruch nicht unter Kontrolle bringt, dass er zu schluchzen beginnt. Das ist für das Gegenüber mehr als problematisch. Denn so muss der Patient in die Rolle des Therapeuten schlüpfen und weiss nicht, wie er reagieren soll. Als Patient wäre auch ich in einer solchen Situation überfordert.

Sie haben sich gut im Griff. Weshalb gelingt das nicht allen?

Zum einen haben nicht alle ihre Gefühle gleich gut im Griff. Man sagt ja nicht umsonst: Jemand ist nahe am Wasser gebaut. Zum anderen sind Gefühlsausbrüche vor Patienten meist ein Indiz dafür, dass man zu dicht am Patienten dran ist. Dass man sich zu sehr auf ihn einlässt und sich selber dabei verliert. Oder man projiziert seine eigenen Probleme in den Patienten. Beides ist unprofessionell.

Wie halten Sie die nötige Distanz zum Patienten?

Das ist eine Gratwanderung. Auch ich lasse Empathie zu, doch ich habe stets auch mich im Auge und hinterfrage mich, weshalb ich in dieser oder jener Form reagiere. Sobald ich merke, dass eine gewisse Grenze erreicht ist, bremse ich ab.

Jeder trägt auch einen persönlichen Rucksack mit sich. Kann man den ganz wegstellen?

Ich kann es nicht. Aber ich erlebe es nicht als emotional belastend, sondern als Ressource. Die Erfahrungen, die ich im Leben gemacht habe, helfen mir, das Gegenüber zu beraten.

Was raten Sie einem Kollegen, wenn er von Gefühlen überwältigt wird?

Das Gespräch zu unterbrechen und dem Patienten offen zu sagen: Das Gespräch macht mich betroffen und ich kann es im Moment nicht so weiterführen, wie ich das als Ihr Arzt möchte. Ich komme in ein paar Minuten zurück. So kann es gelingen, den professionellen Abstand wieder herzustellen, den es braucht. Als Patient würde ich das verstehen, weil es eine ehrliche Antwort ist.

Ein emotionaler Moment ist, wenn Sie einem Patienten die Diagnose überbringen müssen: «Für Sie gibt es keine Therapie mehr.» Wie gehen Sie damit um?

Ich bereite mich intensiv vor und mache mir Gedanken, wie ich das Wichtige im Gespräch rüberbringen will. Ich versuche auch, mögliche Fragen und Reaktionen des Patienten zu antizipieren. Im Gespräch selber versuche ich herauszufinden: Wie viel will der Patient hören? Alles, was ich weiss, oder nur das Nötigste? Ich überlasse also in dieser Frage dem Patienten die Zügel. Er kann sagen, wie es für ihn stimmt.

Wie weit lassen Sie den Patienten an sich heran?

Das ist bei mir sehr intuitiv. Ich achte auf die Körpersprache und reagiere darauf. Wenn jemand den Kopf wegdreht, will er vermutlich in diesem Moment nichts mehr hören. Wenn seine Augen nach Halt rufen, dann gebe ich sie ihm. Das können Worte sein, das kann ein Händehalten sein – je nachdem, was der Patient braucht.

Wie merkt man, was der Patient braucht?

Das spürt man – oder besser: Das lernt man mit der Zeit zu spüren.

Belastet Sie das Schicksal Ihrer Patienten?

Sie beschäftigen mich, sehr sogar.

Wie gehen Sie mit der Belastung um?

Ich versuche, sie über Sport zu kompensieren. Ich habe zudem das Glück, dass meine Frau ebenfalls Ärztin ist. So kann ich über das, was mich beschäftigt, offen reden – ohne dass ich einen Schutzschild hochfahren muss. Das tut mir gut.

Reden Sie auch mit Ärztekollegen im Spital?

Ja, aber selten. Solche Gespräche kommen leider im hektischen Spitalalltag viel zu kurz. Es gibt keine Supervision, wir werden in schwierigen Fällen auch nicht betreut.

Ein Manko?

Ja und das beginnt schon im Studium. Ich habe an der Universität Tübingen studiert und hatte nie eine Ausbildung in Gesprächsführung, geschweige denn darin, wie man schlechte Nachrichten überbringt. An anderen Universitäten, zum Beispiel in Basel, ist die Gesprächsführung ein Teil der Ausbildung. Das ist gut – und muss unbedingt Schule machen.

Stösst ein junger Arzt, der nie gelernt hat, schlechte Nachrichten zu überbringen, nicht schnell an seine Grenzen?

Doch und das passiert leider viel zu oft. Ich habe immer wieder junge Kolleginnen oder Kollegen weinen sehen, weil sie mit der beruflichen Belastung Mühe haben. Sie werden nicht darauf vorbereitet, dass sie im Berufsalltag körperlich und seelisch an ihre Grenzen stossen können.

Fehlt die Begleitung auch im Klinikalltag?

Für meinen Geschmack, ja. Ich begreife nicht, weshalb wir keine Fallbesprechung mit Supervision haben. Es bräuchte eine Begleitung, auch psychologisch oder seelsorgerisch. Aber klar: Das kostet. Aber das wäre gut investiertes Geld – in die Gesundheit der Ärzte und in die Betreuung der Patienten.

Wie profitiert der Patient?

Wenn man selber ansteht, kann man die Patienten weniger gut betreuen. Man macht den Job nicht mehr so gut.

Wie reagieren Sie, wenn Sie sehen: Einem Kollegen geht es schlecht?

Dann gehe ich auf ihn zu und biete ihm an, darüber zu reden. Die meisten nehmen das Angebot gerne an.

Bekamen Sie als junger Arzt diese Hilfe auch?

Leider viel zu selten. Ich stiess öfters an meine Belastungsgrenze und musste alleine damit klarkommen. Das war nicht angenehm. Auch aus dieser Erfahrung heraus helfe ich anderen, wenn ich kann.

Was belastet Sie heute am meisten?

Wenn ich für die Patienten zu wenig Zeit habe, weil mich andere Aufgaben absorbieren. Unter Zeitdruck kann man selten gute Entscheidungen treffen, von denen für den Patienten aber oft sehr viel abhängt. Ich versuche, mir die nötigen Zeitfenster zu schaffen und anderes, beispielsweise Administratives, zurückzustellen. Bislang ist mir das zum Glück gut gelungen.

Wie?

Indem ich schwierige Gespräche in die Randzeiten verlege. So finde ich die nötige Ruhe, um mich auf den Patienten einlassen zu können und das «Wie weiter» zu besprechen.

Sie sagen: Wir Ärzte haben oft wenig Zeit für unsere Patienten. Ist das nicht fatal? Läuft da nicht das System in die falsche Richtung?

Ich persönlich bin überzeugt: Das System läuft falsch. Die Medizin entwickelt sich zusehends zu einer Gesundheitsindustrie, in der Fallzahlen alles sind. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Im Zentrum muss der Patient stehen und hier kann nicht alles und jedes mit Zeit abgegolten werden. Wenn ich eine Stunde am Bett des Patienten sitze, kann ich dies nicht verrechnen. Nur: Diese Stunde ist für den Patienten ebenso wichtig wie die Viertelstunde, in der ein anderer im OP mit hochtechnologischen Geräten behandelt wird.

Verliert die Zeit zusehends an Wert?

Leider, ja. Solange die Zeit am Patienten nicht gleich verrechnet werden kann wie die technischen Eingriffe, verliert die Zeit an Wert. Unsere ureigenste Tätigkeit als Arzt – mit dem Patienten zu sprechen, ihm zuzuhören – geht so verloren. Wir laufen Gefahr, unseren Ursprung zu verlieren, unseren Auftrag zu vergessen. Das ist für mich eines der grössten Probleme im Gesundheitswesen.

Sie plädieren für die Antithese, nämlich, sich für den Patienten Zeit zu nehmen. Halten Sie es für realistisch, dass die Zeit im Spitalalltag wieder mehr Beachtung findet?

Nein, solange das System so läuft wie heute, wird der Zeitfaktor nicht höher gewichtet. Das kann er auch nicht, denn jedes Spital will ja überleben – und das geht in Zeiten der Fallpauschalen nur mit verrechenbaren Leistungen.

Haben die Fallpauschalen das Zeitlos-Denken noch akzentuiert?

Deutlich sogar. Wir verbringen heute viel Zeit damit, Diagnosen so zu formulieren, dass sie einen materiellen Gegenwert bringen. Diese Zeit geht uns vom Patienten ab.

Gibt es ein «Zurück zum Patienten»?

Das ginge nur mit drastischen Einschnitten. Man müsste das Versicherungsmodell grundsätzlich überdenken und ein ganz anderes Anreizmodell schaffen.

Kommt es je so weit?

Ich bin skeptisch. In den nächsten Jahren sicher nicht.