Effingen

Arno Camenisch: Starke Lesung aus einem starken Buch

© Louis Probst

Mit seiner Lesung aus dem Buch «Der letzte Schnee» hat Arno Camenisch das Publikum begeistert.

«Orapronobis, der Alte hoch oben im Himmel lässt sich dieses Jahr aber Zeit; Cofferteckel wenn etwas Schnee fallen würde, wäre das nicht verkehrt»: Schon mit dem ersten Satz aus seinem Buch «Der letzte Schnee», der Geschichte um «den» Georg und «den» Paul und ihrem Skilift, gelingt es Arno Camenisch, das Publikum in der alten Trotte in seinen Bann zu ziehen. Der «Camenisch-Sound» – wie sein Vortragsstil mittlerweile genannt wird – und die eindrückliche Begleitung durch den Gitarristen Roman Nowka tragen das ihrige dazu bei. Man glaubt jedenfalls, sie plastisch vor sich zu sehen, «den» Paul und «den» Georg und ihr Skilift-Hüttli.

«Es ist schön, in Effingen zu sein», stellt, nach der Begrüssung durch Stefan Höchli von der Kulturkommission Effingen, Arno Camenisch strahlend fest. «Roman Nowka und ich sind beide noch nie in Effingen gewesen.» Dann nimmt er sein Publikum mit zu «dem» Paul und «dem» Georg, den beiden Philosophen im Schnee, wie er sagt, «deren grösste Sorge das Ausbleiben dieses Schnees ist, aber auch der Klimawandel, der ihnen den Schnee und damit die Existenz unter den Füssen wegfrisst».

Vom Ende und Verschwinden

Mit seinem Buch «Der letzte Schnee», so der Klappentext, «berichtet Arno Camenisch auf seine unverkennbar eigenwillige Art vom Ende und Verschwinden in einem Tal im Wandel der Zeit, während der Schlepplift im Hintergrund regelmässig rattert wie der Lauf der Welt». Damit dürfte «Der letzte Schnee» auch an Arno Camenischs Buch «Ustrinkata» anknüpfen, in dem das doch irgendwie beruhigende Fazit gezogen wird: «Es geht alles zu Ende, aber so lange einer noch erzählt, ist das letzte Glas nicht ausgetrunken.»

Und er erzählt, «der» Arno Camenisch. Nicht nur im Buch. Auch in der Alten Trotte in Effingen. Dabei lässt er seine beiden Philosophen sprechen, die – wie Becketts Estragon und Vladimir – auf ihren Godot, auf den Schnee, warten und dabei Geschichten erzählen. Wie etwa die vom Sohn des Pfarrers, der doch der Sohn des Pfarrers sein muss, weil beide im Dorf die einzigen sind, die feuerrote Haare haben. Oder die Geschichte vom unglücklichen Linus mit dem lieben Blick, der auf dem Gletscher verschwunden ist, von dem man nur die Fliegerbrille gefunden hat, den man aber vielleicht doch noch wird begraben können – dann, wenn sich der Gletscher davonmacht.

Liebesgedichte als Zugabe

Immer wieder unterbricht Arno Camenisch mit schalkhaftem Lächeln den Vortrag aus dem Buch. Sei das nun, um an seine eigenen Blizzard-Skis anzuknüpfen oder das Publikum fürsorglich zu fragen: «Miracla? Varschtooht ma das z Effiga?»

Es ist eine starke Lesung aus einem schmalen, aber starken Buch. Und als Zugabe trägt Arno Camenisch – von einem Bündel abgegriffener Blätter – Spoken-Word-Texte vor. Darunter zwei Liebesgedichte. «Das eine so traurig wie das andere», meint er. Aber vielleicht mag es ja trösten, wenn er sagt, «dass etwas mit dem Ende noch lange nicht fertig ist». So lange jedenfalls, als da noch einer erzählt.

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