Au Backe. «Es ist wie beim Zahnarzt», erklärt Isabella Hossli, die seit sieben Jahren den kirchlichen regionalen Sozialdienst oberes Fricktal (KRSD) leitet. «Man sucht uns erst auf, wenn der Schmerz kaum mehr zum Aushalten ist. Dann will man die Lösung jedoch sofort.» Das geht beim Zahnarzt. Vielleicht. Bei den Problemen, denen Hossli tagtäglich begegnet, aber fast nie. «Viele kommen mit äusserst komplexen Problemen», erzählt die 54-jährige Sozialarbeiterin. Schulden, soziale Probleme, familiäre Probleme, Angst um den Arbeitsplatz. «Der erste Schritt ist dann, die Probleme nach Dringlichkeit zu sortieren und Stück um Stück anzugehen.»

Das braucht Zeit. 61 der Klienten, die Hossli im letzten Jahr betreut hat, kamen in eine Langzeitberatung. 157 Probleme konnten mit einer einmaligen Kurzberatung gelöst werden. «Die Fallzahlen sind seit Jahren konstant», bilanziert Hossli.
Wie aber hat sich Armut im Fricktal entwickelt? Was hat sich verändert? Was gibt Mut? Antworten auf acht Behauptungen.


1. Die Armut ist ein Tabuthema.

«Daran hat sich leider in den letzten Jahren nichts geändert», sagt Hossli. Nach wie vor gilt: Wer arm ist, versteckt es – solange, wie es irgendwie geht. «Wer zum Sozialdienst seiner Gemeinde geht, ist oft verzweifelt.» Natürlich gebe es auch Sozialschmarotzer, räumt Hossli ein, «aber deren Anteil ist verschwindend klein». Ihr fällt ein Stadt-Land-Gefälle auf. Während man Armut in der Anonymität der Stadt eher zeigt und auch sieht, versteckt man sie umso mehr, je ländlicher eine Gemeinde ist. Doch auch auf dem Land gilt: «Armut ist keine Randerscheinung, sondern ein fester Bestandteil der Gesellschaft.»

2. Das Verständnis ist gewachsen.

«Das Gegenteil ist der Fall», sagt Hossli. «Das Klima ist rauer geworden, der Verteilkampf geht immer häufiger auf Kosten der Armen.» Was sie stört, ist die Schere zwischen Arm und Reich, die zusehends aufgeht. «Die Kantone locken Reiche mit Steuergeschenken an – und holen das Geld bei den Normalverdienenden herein. Das ist ein gesellschaftspolitischer Unsinn.»

3. Das Alter ist eine der grössten Armutsfallen.

Das stimmt. Heute hat man aber das «Risiko Alter» besser im Griff. «Ein grosses Problem ist die Familienarmut», weiss Hossli. Besonders oft armutsbetroffen sind alleinerziehende Mütter. Kommen weitere Risikofaktoren wie etwa ein tiefes Bildungsniveau oder eine tiefe soziale Schicht hinzu, «kommen die Betroffenen in eine Spirale, aus der es kaum ein Entrinnen gibt». Für Hossli ist deshalb klar: «Will man die Armut bekämpfen, muss man bei den Risiken anfangen.»

4. Das Armutsrisiko steigt bei Lebensübergangsphasen.

«Das kommt häufig vor», weiss Hossli. Ein Risiko stellt beispielsweise die Gründung einer Familie dar. «Alleine oder zu zweit kommt man zurecht, aber wenn der Nachwuchs da ist, wird es eng.» Eine häufige Reaktion: Man bezahlt Ende Monat so viele Rechnungen, wie man kann – und verschiebt den Rest auf den nächsten Monat. «Das geht selten gut.»

5. Regionale Sozialämter arbeiten professioneller.

Rund 13 Prozent von Hosslis Klienten beziehen Sozialhilfe. «Oft kommen sie, weil sie mit den Leistungen ihres Sozialamtes nicht zufrieden sind.» Nicht immer zu Recht: «Die Vorstellung der Klienten, was von den Sozialämtern bezahlt werden sollte, und die Realität, was bezahlt werden muss, liegen oft weit auseinander.» Hossli spricht sich klar für eine Regionalisierung der Sozialämter aus. «Diese haben ein höheres Know-how und arbeiten deshalb professioneller und auch effizienter.» Sie begrüsst es, wenn die Gemeinden sogenannte Sozialinspektoren des Kantons zur Überprüfung der Fälle beiziehen. Zum einen verhindere dies Mussbrauch. Zum anderen: «Es gibt immer wieder Fälle, in denen den Sozialhilfeempfängern mehr Leistungen zustehen und die Inspektoren dies entdecken.» Die Zusammenarbeit mit den Sozialämtern erlebt Hossli «in der Regel als sehr gut».

6. Bildung ist das Sprungbrett aus der Armutsfalle.

Für Hossli ist die Bildung das Sprungbrett in die Ausbildung und damit in einen existenzsichernden Beruf. «Wer etwas gegen die Armut tun will, muss in die Bildung investieren.» Dazu gehören für sie auch zahlbare familienergänzende Betreuungsstrukturen. «Heute können sich Tagesstätten oft nur Gutverdienende leisten.» Das sei widersinnig, denn gerade die ärmeren Paare sind oft auf zwei Einkommen angewiesen. «Wenn aber ein Lohn fast ganz für die Kindertagesstätte draufgeht, dann lohnt sich der Zweitjob nicht.»

7. Die Schuldenproblematik nimmt zu.

«Es suchen heute mehr Leute die Beratung auf, die Schuldenprobleme haben», sagt Hossli. Knapp die Hälfte kommt auf die Beratungsstelle, weil sie Schulden hat oder mit den Finanzen nicht klar- kommt. Jeder Dritte hat rechtliche Fragen, jeder Achte hat soziale Probleme.


8. Die Gesellschaft nimmt keinen Anteil an den Schicksalen.

«Das ist zum Glück nicht der Fall», sagt Hossli. Auf der Beratungsstelle kommen immer wieder Menschen vorbei, überreichen Hossli ein Couvert mit Geld und sagen: «Helfen Sie damit Menschen, die es nötig haben.» Diese Zeichen der Solidarität seien wertvoll, sagt Hossli. «Sie machen Mut.»