Rauchzeichen aus Deutschland

Heinrich Villiger pendelt gegen den Strom: Der 85-Jährige arbeitet in Waldshut und wohnt in der Schweiz.

«Hier kostet alles ungefähr die Hälfte, auch die Löhne»: Heinrich Villiger in der Lounge seiner Zigarrenfirma in Waldshut.

«Hier kostet alles ungefähr die Hälfte, auch die Löhne»: Heinrich Villiger in der Lounge seiner Zigarrenfirma in Waldshut.

Heinrich Villiger ist einer von wenigen, die gegen den Strom pendeln. Der Geschäftsführer der Zigarrenfirma Villiger wohnt in der Aargauer Gemeinde Full-Reuenthal und arbeitet in Waldshut, wo die Geschäftsleitung des Familienunternehmens sitzt. Seit 1958 arbeitet der heute 85-jährige bereits auf der anderen Seite des Rheins. Trotz seines Alters sitzt er immer noch häufig bis 22 Uhr in seinem Büro. «Wenn mich Leute fragen, warum ich noch arbeite, antworte ich jeweils, weil mir noch niemand gekündigt hat», schmunzelt er.

Die Firma Villiger hat auch einen Sitz in Pfeffikon im Kanton Luzern. Dort, im Wynental, wo Heinrich Villiger aufgewachsen ist, hat die Geschichte des Familienunternehmens begonnen. «Es war das Stumpenland. Als mein Grossvater 1888 das Unternehmen gegründet hat, florierte die Branche», erklärt er.

Den Sitz in Waldshut eröffnete dann seine Grossmutter nach dem frühen Tod des Grossvaters. «Wegen neuer Ausfuhrbelastungen erlag 1910 der Export von der Schweiz aus.» Noch heute spart die Firma Villiger dank dem Sitz in Deutschland erheblich Zoll beim Export in EU-Länder.

Auch sonst sind die Vorteile vor allem finanzieller Natur. «Hier kostet alles ungefähr die Hälfte, auch die Löhne.» Bei der Qualität der Mitarbeiter bemerkt er keine Unterschiede und als Mitglied des Rotary Clubs Waldshut-Tiengen hat er einen grenzüberschreitenden Freundeskreis.

«Die Mentalität der Leute ist die Gleiche. Sowohl Waldshut als auch Pfeffikon sind ländliche Orte und der Rhein ist eher eine zufällige Grenze. Ich könnte nicht sagen, wer besser oder produktiver arbeitet.»

Die Auflagen sind strenger 

Anders, als die Firma vor dem Zweiten Weltkrieg noch einen Sitz in München hatte. «In der Grossstadt können die Leute untertauchen, zum Beispiel wenn sie sich unbegründet krankmelden. Der Krankenbestand war doppelt so hoch wie hier.»

Als Heinrich Villiger 1958 in die Geschäftsführung einstieg, entschied er, dass es wenig Sinn hätte, in Pfeffikon am gleichen Pult wie sein Vater zu sitzen. Kurz nach seiner Heirat im gleichen Jahr suchten also seine Frau und er ein Haus nahe der Grenze zu Waldshut. «Nach Deutschland ziehen wollten wir wegen der Steuern nicht.» Dennoch kam er als Geschäftsleiter nicht um den Umgang mit den Behörden herum. «Wir müssen sehr eng zusammenarbeiten. Die Auflagen sind grundsätzlich strenger und die Behörden haben viel mehr Einfluss als in der Schweiz.»

Vor allem das Gesundheitsministerium setzt Villigers Branche unter Druck. «Die EU-Tabakrichtlinien mit den neuen Bildwarnhinweisen, die bald 65 Prozent der Packung einnehmen sollen, sind ein Graus», findet er. Der vierfache Vater bezeichnet sich als klarer EU-Gegner. «Die Administration ist schrecklich. Als Lobbyist war ich einmal in Brüssel und es dauerte ewig, bis ich die zuständige Stelle fand.»

«Stillstand ist Rückschritt»

Dass die Tabakbranche unter starkem Druck steht, macht ihm aber keine allzu grossen Sorgen. «Es gibt ja diesen Satz: ‹Stillstand ist Rückschritt›.» Obwohl er noch nicht weiss, wohin der Weg führt – Möglichkeiten sieht er.

«In Amerika haben ja nun diverse Staaten Marihuana legalisiert, wer weiss, vielleicht müssen wir dann mal umsteigen. Im Moment haben wir aber noch keine Absichten, mit Marihuana zu handeln», sagt er und lacht. Das könnte dann die Aufgabe einer Nachfolgerin sein. Heinrich Villiger hat zwei Enkelinnen, die infrage kommen. «Aber sie sind beide noch jung, Mitte zwanzig», erklärt er lächelnd.

Schweizer stehen auf subtilere Werbung

Ralph Schulz aus Waldshut-Tiengen war «Mister Germany» und führt seit 2002 ein Design- und Medienbüro in der Schweiz.

«Jede neue Technologie ist in der Schweiz früher da»: Ralph Schulz hilft mit seiner Firma, weltweit Waldgrundstücke zu vermarkten.

«Jede neue Technologie ist in der Schweiz früher da»: Ralph Schulz hilft mit seiner Firma, weltweit Waldgrundstücke zu vermarkten.

«Ich habe mich immer schon in der Schweiz wohlgefühlt.» Für Ralph Schulz aus der deutschen Grenzstadt Waldshut-Tiengen war es ein logischer Schritt, nach dem Studienabschluss als Kommunikations-Designer an der Fachhochschule Mannheim im Nachbarland zu arbeiten. In unterschiedlichen Funktionen als Art-Direktor, KreativDirektor und Mitglied der Geschäftsleitung war er ab 1998 zunächst für zwei Firmen in Zürich tätig.

Auch am idyllischen See dämmerte ein neues Zeitalter heran: Die Unternehmen zählten zu den Branchen-Pionieren, die an der Erschliessung des Internets für die kommerzielle Nutzung beteiligt waren. 

Als Ralph Schulz 2002 den Entschluss fasste, eine eigene Firma zu gründen, fiel die Wahl des Standortlands nicht schwer: «Ich kannte den Schweizer Markt ganz gut. Deswegen lag es für mich nahe, mich dort selbstständig zu machen», sagt der 42-jährige Geschäftsführer des Design- und Medienbüros Blueforest im Gespräch mit der az.

«Ein bisschen zurückhaltender»

Der anfängliche Ein-Mann-Betrieb, der seinen Sitz in Baden hatte, befasste sich zunächst mit der Gestaltung und Programmierung von Internet-Seiten. Bald ergab sich jedoch, passend zur Designer-Ausbildung des Jungunternehmers, die Erweiterung zur «Full-Service-Agentur». 

Schulz, der heute sechs Mitarbeiter beschäftigt: «Ich merkte, dass auch die Nachfrage nach Printmedien sehr gross ist.» Im Jahr 2005 gründete der verheiratete Vater zweier Kinder ein deutsches Blueforest-Büro in seiner Heimatstadt Waldshut-Tiengen. Vom Schweizer Firmensitz aus, der 2006 nach Bad Zurzach verlegt wurde, betreut das Unternehmen den helvetischen Markt.

Da gibt es durchaus Unterschiede zu beachten. Schulz: «Die Schweizer sind vom Naturell her ein bisschen zurückhaltender. In der Kundenansprache muss man etwas subtiler werben.» Doch die Eidgenossen haben auch ihre offensiven Seiten. Ralph Schulz: «Jede neue Technologie ist in der Schweiz früher da.»

Namhafte Firmen stehen auf der Referenzliste des Kreativ- und Kommunikations-Profis: Zum Beispiel der Klebeband-Hersteller Tesa Schweiz, das Weltunternehmen Swissport International, das als Flughafen-Bodendienstleister in über 48 Ländern tätig ist, und das Unternehmen Adecco Switzerland, nach eigenen Angaben weltweit führend bei Personaldienstleistungen. Der jüngste Kundenauftrag kommt von einer Schweizer Firma, die Waldgrundstücke aus aller Welt als Geldanlage vermarktet.

Bei den Radsporttagen dabei 

Dass Ralph Schulz bei den bekannten Radsporttagen in Gippingen jährlich zum Prominenten-Rennen eingeladen wird, hat mit einem speziellen Lebensabschnitt zu tun: 2003 wurde er zum Mister Germany und damit schönsten Mann Deutschlands gewählt.

Einen sportlichen Titel wiederum errang der begeisterte Ruderer bei den Eidgenossen: Vor über 20 Jahren wurde er Schweizer Vizemeister im Doppelvierer.