«Jetzt schaue ich in die Röhre», sagt Rolf Dörflinger. Er arbeitet seit 27 Jahren bei der Jakem AG in Münchwilen. Am Montagabend haben er und seine rund 80 Arbeitskollegen die Nachricht erhalten, dass die Firma ihre Geschäftstätigkeit einstellt (wir berichteten). Zwei Tage später ist die Stimmung im Betrieb betrübt, die Sorgenfalten in den Gesichtern sind nicht zu übersehen.

Die Fricktaler Firma Jakem AG muss wegen zu grosser Konkurrenz den Betrieb schliessen.

Geschäftsführer Markus Amsler möchte nun für seine Angestellten da sein, ihnen zusammen mit der kantonalen Stelle Unterstützung bieten, die Lage erklären. Er weiss, es geht nicht nur um die Arbeitsstelle und den Lohn.

Jakem beschäftigt viele langjährige Mitarbeiter, man hat viele Hochs und Tiefs gemeinsam erlebt, steht einander nahe. «Wir sind wie eine Familie. Es ist eine Industriekultur, die verloren geht. Das ist eigentlich das Tragische.» Die Betroffenheit ist Amsler ins Gesicht geschrieben. Der Blick bleibt gesenkt, den Sätzen folgt ein resigniertes Schnauben – «Es ist tragisch», sagt er mehrfach.

Schwere Brocken: Die Jakem AG ist auf hochwertige Stahlbauten spezialisiert. Unter anderem hat die Firma am Expo-02-Monolith (Foto), am Beyeler-Museum in Riehen und an der Messe Basel mitgearbeitet.Key

Schwere Brocken: Die Jakem AG ist auf hochwertige Stahlbauten spezialisiert. Unter anderem hat die Firma am Expo-02-Monolith (Foto), am Beyeler-Museum in Riehen und an der Messe Basel mitgearbeitet.Key

Die Enttäuschung ist gross

Die Angestellten sind betrübt, traurig, orientierungslos. Wütend hat aber niemand reagiert. Matthias Döring, der seit 17 Jahren bei Jakem beschäftigt ist, sagt: «Um wütend zu sein, müsste ich wissen, wer den Karren in den Dreck gefahren hat. Ich kenne ja die genauen Gründe nicht. Enttäuscht bin ich viel eher als wütend.» Dieses Gefühl kennt auch Rolf Dörflinger. Er erinnert sich: «Mir wurde mal gesagt, so lange ich hier bin, werde ich Arbeit haben. Ich frage mich, ob die Firmenorganisation etwas falsch gemacht hat.» Nach 27 Jahren wird ihm der Abschied schwerfallen. «Ich würde mir wünschen, hier weiterzuarbeiten. Ich habe mein halbes Leben hier verbracht, fahre jeden Tag mit dem Velo zur Arbeit. In drei Jahren hätte ich die 30 voll – pünktlich zur Pensionierung.»

500 Tonnen fliegen durch die Luft: Beim Bau der Passarelle von Schafisheim war die Jakem AG auch beteiligt.

Die Schliessung schmerzt auch Samanda Cipolla. Sie sagt von sich selber «Ich bin hier im Betrieb aufgewachsen.» Ihre Mutter putzt seit vielen Jahren bei Jakem. Samanda Cipolla hat eine Lehre als Konstrukteurin im Betrieb absolviert, ist danach für ein Fachhochschulstudium nach Chur, hat ihre Praktika in Münchwilen verbracht und ist erst seit Januar fest bei Jakem angestellt. Sie hat sich gefreut, wieder ins Fricktal, in ihr Elternhaus nach Oeschgen zu ziehen. «Jetzt muss ich wahrscheinlich wieder umziehen, in der Region gibt es wenig Auswahl.» Und nicht nur für sich selbst muss sie Ausschau halten. Auch ihre Mutter wird sie bei der Stellensuche unterstützen. Die letzten zwei Tage seien schwierig gewesen, aber sie versucht, optimistisch zu bleiben. «Jetzt muss man nach vorne schauen.»

Bewerbungen schreiben

«Nach vorne schauen», das versuchen alle. Ali Elbudak ist seit fünf Jahren bei Jakem, verheiratet und zweifacher Familienvater: «Ich bin gut bei meiner Arbeit. Ich bin überzeugt, wer arbeiten will, der findet auch Arbeit.» Am Freitag bringt er seine erste Bewerbung persönlich bei einer Firma vorbei, wo ein Freund von ihm arbeitet. Matthias Döring sagt: «Ich werde jetzt die Nächte damit verbringen, Bewerbungen zu schreiben. Ich hoffe, dann klappt ein nahtloser Übergang.»