Klippenspringen
Andreas Marchetti macht Schrauben und Salti aus 20 Metern

Andreas Marchetti aus Magden organisierte die EM der Klippenspringe im Tessin. Der 40-Jährige aus Magden im Fricktal organisierte nicht nur, er macht selbst auch mit. Er belegte in Ponte Brolla im Maggiatal den dritten Rang.

Philippe Wenger
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Klippenspringer Andreas Marchetti hat Mut
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Andreas Marchetti
Andreas Marchetti
Andreas Marchetti

Klippenspringer Andreas Marchetti hat Mut

Keystone

Andreas Marchetti schliesst die Augen. In seinem Kopf läuft nun sein Sprung wie ein Film ab, während er ruhig auf dem kleinen Betonplateau steht. Vor ihm geht es 20 Meter hinunter in die tiefgrüne, etwa 17 Grad kühle Maggia. Leicht und scheinbar endlos langsam kippt er nach vorne und plötzlich zuckt der durchtrainierte Körper und setzt sich in Bewegung: Zweifacher Rückwärtssalto, einer gehockt, einer gestreckt und schon taucht er mit einem leichten Knall mit den Füssen voran ein.

Er ist noch nicht wieder richtig aufgetaucht, verwandelt sich das mit rund 400 Zuschauern besetzte Maggiatal bei Ponte Brolla in ein jubelschwangeres Sprungbecken. Eindeutig, Marchetti hat am meisten Fans dabei. Oder die Lautesten. Als einziger Springer freut sich der extrovertierte Marchetti beim Auftauchen auf eine sicht- und hörbare Weise. Mit 90,25 Punkte ist das die vorläufige Führung in der ersten Runde. Geschlagen wird er nur noch von seinem Kollegen Andreas Hulliger.

Treffen unter Freunden

Marchetti und Hulliger waren dieses Jahr das erste Mal die Organisatoren der Europameisterschaft im Highdiving, die vergangenes Wochenende im Tessiner Maggiatal stattfand – wie jedes Jahr. Highdiving – auf Deutsch: «Aus grosser Höhe ins Wasser springen» – ist kein Sport für jedermann: Aus etwa 20 Metern Höhe springen durchtrainierte Menschen mit mehr oder minder komplizierten Sprüngen von Klippen, bevor sie mit knapp 80 Kilometern pro Stunde auf das Wasser treffen.

Was mit «Europameisterschaft» gewichtig klingt, ist faktisch ein Treffen unter Freunden, die ihrer Leidenschaft frönen. Man applaudiert sich gegenseitig, gibt konstruktive Kritik. «Alle Highdiver auf der Welt kennen sich. Zumindest indirekt», sagt die Deutsche Anna Bader, die einzige Frau am Start.

Im Tessin gibts dann auch kaum etwas zu holen, die Preisgelder sind bescheiden. Das Budget für die EM ist dann mit ein paar Tausend Franken nicht der Rede wert und Freiwilligenarbeit hält den Sport am Leben. Das sei auch gut so, meint Marchetti: «Ich weiss nicht, ob die Freundschaft unter den Springern noch so toll wäre, wenn Geld im Spiel ist.»

«Bin noch nicht soweit»

Kaum 20 Minuten nach seinem ersten Sprung steht Marchetti wieder oben. Dieses Mal sei er nicht mehr so nervös wie beim ersten Sprung, bei dem seine ungewohnt grosse Fan-Schar und die Anwesenheit der Familie auf ihn gewirkt hatten. Trotzdem holt er mit 74,25 Punkten nicht mehr so viel heraus und er fällt auf den fünften Zwischenrang zurück. Der Grund dafür: Trotz sehr guter Noten war der Sprung zu einfach, um Bestwerte zu erzielen: Ein gestreckter Auerbachsalto. Eigentlich wollte Marchetti einen neuen Sprung zeigen, doch blies das kurzfristig ab: «Ich bin noch nicht so weit.»

Im Highdiving (wie auch im Turmspringen) ergibt die Multiplikation des Schwierigkeitsgrades mit der Summe der drei mittleren Werte der Punktrichter (die beste und schlechteste Wertung wird gestrichen) die Punktzahl. In drei Durchgängen muss ein Springer drei verschiedene Sprünge zeigen.

Sport als Lebensinhalt

Wer Highdiver wird, hat bereits ein Leben voller Sport hinter sich, dem viel geopfert wird und der 40-jährige Marchetti, der in Magden wohnhaft ist, ist dabei einer der Wenigen, die kein Kunstturnen gemacht haben. Er hat in jungen Jahren im Kampfsport alles gegeben: Schweizermeister im Judo, Europa- und Vizeweltmeister im Thaiboxen. Sein grösster Erfolg im Highdiving war der Europameistertitel im Jahr 2005.

Mit der Leidenschaft für Sport und der Suche nach extremen Erfahrungen enden aber häufig die Gemeinsamkeiten von Highdivern. Einzig gewisse Eitelkeiten ziehen sich durch das ganze Wochenende: Grundsätzlich enthaarte Oberkörper oder jemand, der bei der Anmeldung etwas flunkert, was das Alter angeht, machen die sehr unterschiedlichen Menschen sympathisch.

Den deutlichsten Gegensatz findet heuer, wer generell nach dem Sport fragt: Während Marchetti offen und mit Lust über jede Facette seiner Leidenschaft spricht, kommen die Antworten bei Anna Bader widerwillig und zurückhaltend: «Der Sport verliert an Reiz, wenn man alles analysiert und zerredet.» Allerdings muss festgehalten werden, dass Bader häufiger als andere Auskunft geben muss, da sie für die Medien schon nur deshalb interessanter ist, weil sie eine der sehr wenigen Frauen im Sport ist. Zu den Unterschieden gehört auch das Alter. Der jüngste Teilnehmer heisst Kai Kirbs, ist 23 Jahre alt und kommt aus Deutschland, der älteste – Peter Roseney – hat die Sechzig hinter sich gelassen und blieb an diesem Wochenende einen Platz hinter seinem Sohn Curdin.

Für Marchetti geht es das letzte Mal in diesem Wettkampf nach oben. Konzentriert blickt er gerade nach vorne, über die Zuschauer hinweg. Ein letztes Mal springt er nach vorne, klappt sich zusammen, packt die ausgestreckten Beine. Dreifacher Vorwärtssalto gehechtet mit halber Schraube und der Knall am Schluss: 102,5 Punkte und damit Platz drei in der Gesamtwertung und somit folgt doch noch ein weiterer Sprung: Der aufs Treppchen. Marchetti ist überglücklich.

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