Nun blicken sie einem wieder tief in die Augen, die Damen und Herren Nationalratskandidaten. Von unzähligen Kandelabern herab äugen sie in jedes Auto und rufen dem Fahrer zu: Nimm mich! Pardon: Wähl mich!

Versüssen soll einem die Wahl ein (mehr oder weniger) sinnstiftender Slogan, als optische Wahlhilfe präsentiert sich jeder Kandidierende mit dem schönsten Lächeln, das er zu bieten hat. Dass bei den blankweissen Beisserchen bisweilen Meister Photoshop nachgeholfen hat, dass manche ergrauten Haarprachten, Simsalabim, in alter Frische glänzen – ein Detail ists.


Ein Entrinnen vor der Plakatflut gibt es bis am 20. Oktober, dem Wahltag, nicht. Man muss damit, nolens volens, noch fünf Wochen lang auch in Gesichter blicken, die man vielleicht nicht sonderlich mag. «Wenn mich jemand nicht mag und er mich tagtäglich anschauen muss, tut mir das leid», sagt Christoph Riner.

Der SVP-Grossrat lächelt einem mit kariertem Hemd und Krawatte, «ächt bodenständig» eben, von rund 100 Kandelabern und von 70 Strassenplakaten her zu. Er habe in allen elf Bezirken plakatiert, sagt er. Dies, «weil mir überall Grundeigentümer und Landwirte Plakatplätze angeboten haben». Riner hat viele der Plakate eigenhändig aufgehängt – «zusammen mit meinem Vater und guten Freunden». Dies handhaben die anderen Fricktaler Kandidaten ähnlich. Die meisten können beim Plakatieren zudem auf ein Wahlteam und die Ortsparteien zurückgreifen.

Riner gehört mit seinen rund 170 Schau-mir-in-dieAugen-Momenten zu den Vielplakatierern unter den Fricktaler Kandidaten. Ähnlich oft trifft man auf das Konterfei von Bruno Tüscher (FDP). Der Gemeindeammann von Münchwilen hat dabei stark auf seine Wohnregion fokussiert und die meisten Plakate in einem Radius von rund acht Kilometern aufgehängt. Aber auch im Raum Aarau und Brugg kann man im Auto das eine oder andere Mal rufen: «Tschau Bruno».

Von Bierdeckeln, Blachen und Reserve-Plakaten

Augenfällig sind die Plakate seiner Parteikollegin Gaby Gerber. Sie sind rund und erinnern an einen Bierdeckel. Dies mit gutem Grund: Gerber arbeitet bei Feldschlösschen und war die erste Biersommelière der Schweiz. 110 Bierdeckel, pardon: Wahlplakate hängen an den Kandelabern, 30 Plakate stehen am Strassenrand.

Diese müssen auch kontrolliert werden, denn der eine oder andere Möchtegern-Picasso pflegt sich mit Filzstift und anderen Malutensilien an den Plakaten zu verwirklichen. Die Plakate von Gerber kontrollieren vor allem die Ortsparteien. Wo dies nicht der Fall ist, «habe ich Leute gefragt, die in der Nähe arbeiten und dort regelmässig vorbeifahren», so Gerber.

Die GLP setzt auf wiederverwendbare Blachen. 22 Banner sind laut Béa Bieber im Einsatz, die das Team im ganzen Fricktal an Verkehrsknotenpunkten und in grösseren Ortschaften aufgestellt hat. Verschmierte oder entwendete Blachen hat die GLP im Fricktal bislang nicht zu beklagen. In früheren Wahlkämpfen sei jedoch schon mal eine Blache weggekommen, sagt Bieber. Diese seien wohl von Leuten entwendet worden, die daraus Taschen genäht haben.

Ihr Parteikollege Michael Derrer hat zusätzlich rund 120 Kandelaberplakate aufgehängt – «klimaneutral produziert», wie er betont. Die Hälfte hängt im Fricktal, der Rest über den Kanton verteilt. Wie fast alle Kandidaten hat auch Derrer für den Fall der Verwüstungs-Fälle vorgesorgt und mehr Plakate als nötig drucken lassen. Rund 50 habe er in Reserve, sagt er. «Da ich den Text auf dem Plakat bewusst allgemein gehalten habe, sind sie nicht verloren», betont er.

Die Grünen haben ihre Plakate «koordiniert durchmischt», sagt Grossrat Andreas Fischer. Seine Plakate hängen damit auch in anderen Regionen, «wie meine Mit-Grünen auch im Bezirk Rheinfelden hängen». Gemeint sind, bleibt zu hoffen, die Plakate. Fischer selber hat im Bezirk Rheinfelden rund 120 Plakate der Grünen aufgehängt, diesmal weniger an Hauptverkehrsachsen als in den Quartieren, bei den Bahnhöfen und entlang von Velowegen.

Im oberen Fricktal hat seine Partei- und Ratskollegin Gertrud Häseli 25 Kandelaber mit Grünen-Wahlwerbung beglückt. «Pro Dorf ein Kandelaber, in Zentren zwei bis drei», sagt sie. Sie ist überzeugt: «Das Plakatieren hilft vor allem der Psyche der Kandidaten und Parteien.» Was wirklich zähle, sei die politische Arbeit während des ganzen Jahres.

80 Mal lächelt einem von einem Kandelaber CVP-Grossrat Werner Müller entgegen, 30 Mal hüpft er vom Strassenrand aus ins Auto. Er habe vor allem im Fricktal plakatiert, sagt er. In allen anderen Regionen hängen zudem einige wenige Müller in der Luft.

Das Hoffen auf umweltbewusste Diebe

Carole Binder-Meury (SP) hat rund 90 Plakate an Kandelabern aufgehängt. Hinzu kämen rund 70 am Strassenrand, die sie gemeinsam mit Rolf Schmid zeigen. Sie hatte beim Plakatieren Hilfe von «zwei fleissigen Parteikollegen», sagt sie. Probleme mit Vandalismus kennt Binder bislang ebenso wenig wie Schmid. Falls ein Plakat verschandelt würde, würde er es entsorgen, sagt er. «Falls sie entwendet wurden, hoffen wir, dass die Diebe sie korrekt entsorgt haben.»

SVP-Grossrätin Désirée Stutz verzichtet ganz auf Kandelaber-Plakate. Auf die Rechtsanwältin trifft man an rund 40 Orten in den Bezirken Rheinfelden, Laufenburg, Muri, Bremgarten und Zurzach. Noch einen Schritt weiter geht SVP-Nationalrat Maximilian Reimann. Er tritt in diesem Jahr mit seiner eigenen Liste, Team65+, an und verzichtet komplett auf Plakate an Kandelabern und an Strassenrändern. Einzig einige Team-Plakate werden ab dem 23. September auf den Werbetafeln der Allgemeinen Plakatgesellschaft aufgezogen.

Reimann, der den Vorbeifahrenden bei den letzten fünf Wahlkämpfen ebenfalls von Kandelabern herab in die Autos geäugt hat, ist es diesmal leid. Es liegt nicht daran, weil der Jurist so allerlei Verbotenes mitansehen müsste, wie das Telefonieren am Steuer, sondern daran, dass er die «wilde Verplakatierung» von Kandelabern und Strassenrändern zunehmend als öffentliches Ärgernis empfindet, «das sich eher kontraproduktiv erweist», und er sich deshalb davon distanziere.

Noch fünf Wochen strahlen einen CVP-Grossrat Alfons P. Kaufmann & Co. an, rufen einem unablässig zu: Ich bin Dein Typ. Also rein wahltechnisch. Ob einem von ihnen auch am Wahltag zum Strahlen zumute sein wird? Man wird sehen.