Rheinfelden/Laufenburg

An der Turbine vorbei: Die ungenutzte Kraft des Hochrheins

Wenn zu viel Strom im Netz ist, fliesst das Wasser manchmal beim Kraftwerk Laufenburg durch, ohne dass damit Strom produziert wird.

Wenn zu viel Strom im Netz ist, fliesst das Wasser manchmal beim Kraftwerk Laufenburg durch, ohne dass damit Strom produziert wird.

Warum die beiden Kraftwerke in Rheinfelden und Laufenburg in letzter Zeit das Wasser öfter mal einfach fliessen lassen.

Es scheint verschwenderisch, das Wasser einfach so rheinabwärts fliessen zu lassen, einfach so, ohne Strom daraus zu machen. Dennoch kommt es neuerdings immer wieder vor, dass die Wasserkraftwerke in Rheinfelden und Laufenburg kurzzeitig ihre Leistung reduzieren. 

Dies geschieht, wenn zu viel Strom im Netz ist. Dann bleibt die Kraft des Wassers ungenutzt, während zugleich andernorts Kohlekraftwerke laufen, die sehr viel klimaschädigendes Kohlendioxid (CO2) ausstossen. Wäre es in solcher Situation nicht sinnvoller, die CO2-Schleudern zu drosseln, statt ausgerechnet die klimafreundliche Wasserkraft auszubremsen? Theoretisch ja, doch das System ist komplex.

Regelleistung bringt Geld

Seit Dezember 2014 bietet die Betreiberfirma Energiedienst (ED) aus den beiden Wasserkraftanlagen am Rhein sogenannte Regelleistung an. Solche muss ständig verfügbar sein, um das Stromnetz stabil zu halten, um Angebot und Nachfrage zu jedem Zeitpunkt ins Lot zu bringen und die Netzfrequenz bei exakt 50 Hertz zu halten. Die Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland halten fortwährend etwa 4000 Megawatt positiver wie negativer Regelleistung unter Vertrag. Mit positiver Regelleistung ist gemeint, dass schnell mehr Strom ins Netz fliessen kann, mit negativer ist gemeint, dass schnell Stromerzeuger ausgeschaltet werden, um das Netz zu entlasten. Die Wasserkraft bietet negative Regelleistung an.

In der Vergangenheit wurde diese Dienstleistung ausschliesslich von konventionellen Kraftwerken und Pumpspeicherwerken erbracht. Inzwischen drängen auch die Betreiber von Anlagen der erneuerbaren Energien auf diesen Markt, weil er Zusatzerlöse verspricht. Das ist energiepolitisch erwünscht, weil die Erneuerbaren mit zunehmendem Anteil am Strommix auch mehr Verantwortung für die Systemstabilität übernehmen müssen. Sie werden sozusagen erwachsen.

Das erfordert vor allem regulatorische Neuerungen. Bei den Wasserkraftwerken am Hochrhein verlangte bisher die Konzession, dass die gesamte Wassermenge zur Stromerzeugung genutzt wird. Inzwischen darf Energiedienst die Produktion auf die Hälfte der aktuell möglichen Leistung reduzieren, wenn es das Netz erfordert. Das ist dann im Moment zwar ein bitterer Verlust an sauberem Strom, doch weil solche Einsätze nur kurzzeitig erfolgen, ist die verlorene Strommenge übers Jahr betrachtet wiederum gering; in der Summe darf Energiedienst maximal drei Prozent des Stroms zugunsten der Systemstabilität opfern.

Zwölfmal die Produktion gedrosselt

Etwa ein dutzend Mal sei seit der Genehmigung vor etwas mehr als einem Jahr bisher Regelleistung abgerufen worden, sagt ein Firmensprecher von Energiedienst. Dann habe man für 15 oder auch mal 30 Minuten die Erzeugung gedrosselt. Neben Rheinfelden und Laufenburg könnte auch das Kraftwerk Wyhlen Regelleistung liefern, es nimmt an diesem Markt aber noch nicht teil, weil in dem deutsch-schweizerischen Doppelkraftwerk (Augst-Wyhlen) die Verhältnisse komplizierter sind.

Werden die Kraftwerke zur Netzausregelung angefordert, können sie binnen einer Minute ihre Leistung um fünf bis sechs Megawatt senken und später wieder im gleichen Umfang erhöhen. Technisch sind noch schnellere Eingriffe möglich, was aber mit Rücksicht auf die Wasserführung des Rheins nicht praktiziert wird.

Auch die Windkraft arbeitet darauf hin, als Lieferant von Regelleistung antreten zu dürfen. Kurz vor Weihnachten wurde definiert, welche Anforderungen Windparks erfüllen müssen, um Regelleistung anbieten zu können. Zahlreiche Akteure, wie Anlagenbauer und -betreiber, Wetterdienstleister und Stromvermarkter hatten sich in den vergangenen Jahren für eine solche Festlegung starkgemacht.

Wenn nun bei einem akuten Stromüberangebot Wasser- und Windkraftwerke kurzzeitig gedrosselt werden, nicht aber die Kohleblöcke, heisst das vor allem eines: Die erneuerbaren Energien können diese Dienstleistung billiger erbringen, als es die Kohle vermag. Denn die Regelenergie funktioniert streng nach Marktlogik: Die nötigen Kapazitäten werden ausgeschrieben. Wer dem Netz die nötige Flexibilität am billigsten bieten kann, erhält den Zuschlag.

Das Dilemma, dass die Erneuerbaren ihre Leistung drosseln, während fossile Erzeuger in Betrieb sind, könnte sich also verschärfen. Dennoch dürfte dieser Schritt zumindest mittelfristig der Energiewende zugutekommen, ist man bei Energiedienst überzeugt. Bislang erzielen Kohlekraftwerke noch gute Einnahmen auf dem Regelenergiemarkt. Machen die Erneuerbaren ihnen nun auch diese streitig, dürfte das für einige Kohlekraftwerke ein schnelleres Ende bedeuten.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1