Ein auch in der Schweiz seltenes Exemplar, das laut wissenschaftlichen Recherchen aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammen muss. Der frühere Stadtpfarrer Roland Lauber hatte die Bedeutung dieses bedeutenden Relikts aus längst vergangenen Zeiten in einem kleinen Heftchen zusammengefasst, das heute noch am Infostand rechts nach dem Eingang zum Gotteshaus aufliegt. Seit 1995 ist das Hungertuch jeweils in der Fasten- und Passionszeit in der Kirche aufgehängt.

Ein wahrer Schatzfund

Ein reiner Zufall förderte die Kostbarkeit zutage. 1977, im Rahmen einer Zivilschutzübung, untersuchte der Restaurator Bruno Häusel die Rückwand des Hochaltars. Eingenagelt zwischen Brettern, entdeckte er graublauen Stoff, der um Haaresbreite sogar auf dem Müll gelandet wäre. Doch beim Aufrollen und näherem Hinschauen reifte in den «Entdeckern» die Erkenntnis, hier doch etwas Besonderes im Gotteshaus gefunden zu haben, wohin eigentlich kaum Leute kommen. Neue Vermutungen gehen dahin, dass dieses Tuch aus der Zeit der Entstehung des Hochaltars, also etwa um 1600, stammen muss. Weil es sich dort exakt einpasst und aufhängen lässt.

Der Geschichtsforscher, Maler und heutige Stadtführer Kurt Rosenthaler hatte 2009 in einem Artikel für die az Aargauer Zeitung nach intensiven Recherchen festgehalten: «Durch die bilderfeindliche Reformation wurden viele Hungertücher vernichtet, aber auch die bilderfreudige Barockzeit mochte die traurigen Schmachtlappen, wie sie mitunter auch despektierlich genannt wurden, nicht mehr besonders. Ausserdem litten die Hungertücher während der Aufbewahrung, da sie zusammengefaltet oder gerollt in irgendwelchen Ablagen dahindämmerten.»

Uralte Hungertücher

Und Rosenthaler weiter in seiner Studie: «Heute existieren weniger als hundert historische Hungertücher. Das älteste aus dem Jahr 1421 hängt im Historischen Museum Altdorf. Noch gerade fünf Hungertücher gibt es aus dem beginnenden 17. Jahrhundert und zu diesen gehört die Rheinfelder Kostbarkeit. Neben Rheinfelden wird nur noch in Unterägeri ein historisches Tuch verwendet.» Also weiterhin eine viel bewunderte Attraktion für die Stadtkirche in der Zähringerstadt.

Vor elf Jahren hatte Pfarrer Roland Lauber in einer kleinen, aber tiefschürfenden Dokumentation die Bedeutung der Fastentücher dargestellt. «Sie zählen zu den merkwürdigsten und denkwürdigsten Kirchengebräuchen des Mittelalters», hatte Lauber festgehalten; mit spürbarer Freude, dass es in Rheinfelden noch solch ein Dokument gibt.