Kundenmosterei
Alte Tradition wird von Jungen wieder geschätzt

Besuch bei den Kundenmostereien, wo die Packpressen wieder auf Hochtouren laufen.

Claudia Meier
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Samstagmorgen. In der Kundenmosterei der Familie Hauser in Oberzeihen herrscht reges Treiben. Ein Kunde leert seine angelieferten Obstharrassen fortlaufend in den Waschtrog. Ein Förderband, das die frisch gewaschenen Früchte zum Mühletrichter hochtransportiert, rattert. Äpfel, manchmal gemischt mit einem geringen Anteil Birnen und Quitten, werden gemahlen.

Durch den Trichter kommt die Maische auf den mit einem Mosttuch belegten Holzrost. Priska Hauser und ihr Sohn, Heinz Hauser, verteilen die Masse innerhalb eines Holzrahmens und bedecken sie flink mit den Tuchecken. So wird Holzrost um Holrost vorbereitet. Der ganze Turm wird dann unter die Presse geschoben, wo der naturtrübe Süssmost innert weniger Minuten gewonnen wird. Dank der Packpresse ist die Saftausbeute mit über 75 Prozent besonders hoch. Zurück bleibt der Trester, welcher später den Kühen verfüttert wird.

Kunden auch aus Zürich

Die Verarbeitung von einheimischen Äpfeln zu Most hat im Fricktal Tradition. In Oberzeihen werden pro Jahr zwischen 40000 und 50000 Liter Süssmost gewonnen. Während der rund zweimonatigen Betriebsdauer ist die Presse jeden Werktag im Einsatz. Die Kunden stammen vorwiegend aus dem Fricktal. Es gibt aber auch Zürcher, die die 25-jährige Erfahrung von Priska Hauser zu schätzen wissen. Pasteurisiert wird der frische Most – auf Wunsch – vor Ort mit Tauchsiedern in 25-Liter-Ballonflaschen bei 78 Grad Celsius. Nach 20 Minuten ist der Konservierungsvorgang abgeschlossen und der Süssmost kann in Plastikbeutel abgefüllt werden. In der Regel nehmen die Kunden ihren Most wieder mit. Zum Teil vermarktet die Familie Hauser den Most aber auch direkt. Zu den Abnehmern gehört auch das Restaurant Ochsen auf der gegenüberliegenden Strassenseite.

Einen Teil des frischen Süssmosts lässt Priska Hauser im Eichenfass mit 600 Liter Fassungsvermögen gären. Für diesen Gärsaft erhielt sie beim Qualitätswettbewerb 2009 des Verbands Aargauer Obstveredler als Einzige eine Gold-Auszeichnung. Der saure Most hat sich bei den Oberzeihern als Geheimtipp herumgesprochen und so ist es nicht verwunderlich, dass der «Goldsaft» schon längst ausverkauft ist. Die nostalgische Mostpresse mit Riemenantrieb läuft bereits seit über 70 Jahren in Oberzeihen. Heinz Hausers Leidenschaft für die alte Mechanik der Packpresse ist mitverantwortlich, dass die Mostpresse überhaupt noch in Betrieb ist. Das Aufspüren von Ersatzteilen stellt für ihn immer wieder eine spannende Herausforderung dar.

Mitten im Dorf befindet sich die Kundenmosterei der Familie Birri, welche 1942 die erste Korbpresse erstand. Sechs Jahre später erfolgte der Wechsel auf die effizientere Packpresse. Ruedi und Daniela Birri haben 2003 die im Jahr 2000 erworbene moderne Packpresse von Anton Birri übernommen. Ein Durchlauferhitzer im Nebenraum sorgt für das effiziente Pasteurisieren bei 78 Grad Celsius. Pro Stunde können bis zu 200 Liter konserviert werden. An der Postgasse werden im Durchschnitt pro Jahr ca. 20000 Liter Süssmost gepresst. Daniela Birri stellt fest, dass die junge Generation den frischen Most wieder vermehrt schätzt. «Der Most ist gegenüber Süssgetränken ein günstiges und hochwertiges Getränk», hält Ruedi Birri fest.

Die Kundschaft bezahlt zwischen 25 und 28 Rappen pro Liter frisch gepressten Süssmost. Frischer Süssmost muss innerhalb von etwa drei Tagen konsumiert werden. Durch das Pasteurisieren ist der Most mindestens ein Jahr haltbar. Dieser Konservierungsvorgang sowie Plastikbeutel und Kartonschachteln werden separat verrechnet. Das kantonale Amt für Verbraucherschutz kontrolliert die Kundenmostereien regelmässig. Eigentlich schade, dass sich das hochwertige Getränk beim lokalen Gastgewerbe nicht besser absetzen lässt.