Die Erinnerung. Roland Brogli gibt an der morgendlichen Besprechung letzte Anweisungen für ein Referat am Abend, packt die schwarze, bereits etwas abgenutzte Aktenmappe und eilt aus seinem Büro im 21. Stock des Telli-Hochhauses in Aarau. Regierungssitzung. Jacqueline Blanc, seine damalige Sekretärin, und ich, sein persönlicher Mitarbeiter, bleiben noch einen Moment am ovalen Sitzungstisch sitzen. «Kannst du dir eigentlich Roland ohne das Amt vorstellen», fragt mich Jacqueline da unvermittelt. «Heiland», entfährt es mir. «Nein, das gibt eine Katastrophe.»

Das war 2007. Heute, zehn Jahre später, steht Roland Brogli, 65, seit vier Monaten ohne ebendieses Regierungsamt da – und es wurde, dies vorab, keine Katastrophe.

Die Begegnung. Roland Brogli wirkt zufrieden und entspannt, wie ich ihn an einem Nachmittag in seinem Haus in Zeiningen besuche. Viel hat sich hier in den letzten zehn Jahren, in denen ich nicht mehr bei Broglis zu Hause war, nicht verändert. Neuer Hausanstrich, neue Polstergruppe.

Draussen gackern noch immer einige Hühner; das ist das Metier von Rosmarie Brogli. Roland verdreht die Augen. «Ins Haus hat sich zum Glück schon lange keines mehr verirrt», meint er, setzt sein schelmisch-verschmitztes Lächeln auf, bei dem wir im Departement stets wussten: Heute ist ein guter Tag. Und das waren fast alle Tage, denn es brauchte viel, um den Chef aus der Ruhe zu bringen.

Sein Entscheid, nach 16 Jahren als Regierungsrat zurückzutreten, hat kaum jemanden überrascht. Seine frühe Bekanntgabe hingegen doch einige. Bereits Mitte Januar 2016 sagte er: Ende Jahr ist Schluss. Damit wollte er seiner Partei, der CVP, genügend Zeit geben, Markus Dieth in Position zu bringen. «Es wäre parteitaktisch ungeschickt gewesen, den Verzicht erst im Sommer zu kommunizieren», sagt er. Susanne Hochuli hat es so gehandhabt – und ihre Partei auf dem linken Fuss erwischt.

Ein Seitenhieb an Frau Hochuli? Nein, das ist nicht Broglis Ding. So wie er sich auch nicht zur Arbeit von Markus Dieth, seinem Nachfolger als Finanzdirektor, äussert. «Jetzt ist er am Zug. Er muss seine Vorstellungen umsetzen.» Er habe sich vorgenommen, sich «ein paar Monate» nicht zur Politik zu äussern. Wer Roland Brogli, dieses Sinnbild eines Homo politicus, kennt, weiss: Das fällt ihm nicht leicht. «Ich bin ja nicht mehr Teil der Regierung», fügt Brogli an. «Man muss jetzt die hören, die in der Verantwortung stehen.»

Roland Brogli: «Das ist kein Beruf wie jeder andere.» (7. Dezember 2016)

Roland Brogli blickte in der Sendung «TalkTäglich» mit Moderator und az-Chefredaktor Christian Dorer auf seine Amtszeit zurück. Die wichtigsten Momente im Zusammenschnitt.

Frontalangriff aussitzen

Und wenn Markus Dieth einen Frontalangriff auf seine Amtsführung machen würde, so, wie es Franziska Roth bei Hochuli tat? «Das ist nicht sein Stil», ist Brogli überzeugt, fügt dann mit seinem spitzbübischen Lächeln hinzu: «Ich wäre dann einfach beim Schweigen noch mehr gefordert.»

Der Rücktrittsentscheid war «ein rein rationaler Entscheid», sagt Brogli. Zeit, sich innerlich auf das Danach einzustellen, «hatte ich das ganze Jahr über nicht». Vielleicht wollte er es auch nicht, denn er ist sich gewohnt, bis zum letzten Tag Vollgas zu geben. Dann war er da, der Tag X. Schlüsselabgabe. Händeschütteln. Abschiedsfeier. Eine letzte Fahrt im Staatswagen, jenem Gefährt, das er am Anfang seiner Laufbahn als Regierungsrat gar nicht mochte. Im ersten Amtsjahr fuhr er auch bei offiziellen Empfängen selber in seinem, sagen wir es diplomatisch: angejahrten Golf vor.

Das erste Aufwachen als alt Regierungsrat. «Das war gar nicht so anders», sagt er. «Komisch war einzig, dass ich keine Akten lesen musste.» Durfte, wäre treffender.

Das Loch kam nach Weihnachten. «Ich fühlte mich leer und plötzlich in allem auf mich alleine gestellt.» Wieder lacht er verschmitzt. «Das merkte ich gerade bei der Technik. Das ist nicht mein Ding.» Wir müssen beide herzhaft lachen, wie wir uns an die etlichen Momente zurückerinnern, in denen er mich ins Chefbüro rief, weil sein Computer nicht die Daten ausspuckte, die Roland wollte.

Alleine in Costa Rica

Dieses Auf-sich-selbst-gestellt-Sein testete Roland Brogli, dem in den letzten 16 Jahren zu Hause wie im Büro alles organisiert und hingelegt wurde, im Januar in extensis aus. Er reiste für knapp einen Monat nach Costa Rica, alleine, auch ohne Rosmarie. «Ich wollte bewusst Abstand vom Amt gewinnen», sagt er. Traumhaft sei es gewesen, schwärmt er, holt sein Smartphone hervor, zeigt Bilder von Stränden, Krokodilen, Papageien.

Die erste Zeit war er mit einer fünfköpfigen Reisegruppe unterwegs, zusammen mit zwei Ehepaaren. Gleich zu Beginn sagte eine der beiden Frauen zu ihm: «Ui, du musst gehörig herunterkommen.» Das kam er auch. Wieder grinst er, spitzbübisch. «Die Frauen merkten beim Fotografieren schnell, dass ich von Technik kaum Ahnung habe. Mit der Zeit musste ich aufpassen, dass sie mich nicht zu stark bemutterten.»

Im Rückblick ist Brogli überzeugt: Die Reise war «eminent wichtig», um das Amt loslassen zu können. «Ich musste mich auf ein ganz anderes Leben einlassen, als ich es mich gewohnt war.»

Krankheit machte ihn stark

Das Leben. Es hat Roland Brogli auch gezeichnet und geprägt. Vor allem jene Zeit, 2003, als er schwer erkrankt war. Tumor. Wir haben in diesen Monaten viel über das Leben diskutiert. Roland war stets Optimist, glaubte an seine Chance, kämpfte mit Verve und einer Energie, die uns immer wieder aufs Neue verblüffte, für diese Chance. «Die Krankheit hat mich zuerst schwach gemacht», sagt Brogli im Rückblick. «Dann, noch während der Krankheit, machte sie mich unglaublich stark.»

Was er auch selbst während der Chemotherapie und der Bestrahlung nicht konnte: Däumchen drehen. Selbst nach den happigen Behandlungen am Unispital Zürich brachte ihn Rosmarie ins Büro. Hier war es ihm am wohlsten. Hier war sein Alltag, seine Aufgabe, seine Ablenkung.

Däumchen drehen kann er bis heute nicht. «Ich kann nicht einfach dasitzen und nichts tun», sagt er. Ich weiss, denke ich bei mir, wie ich mich an all die Male zurückerinnere, in denen er mich aus seinen Ferien anrief, nur um nachzufragen, ob wirklich alles im grünen Bereich sei.

Tageweise in einer Kanzlei

Tageweise arbeitet er heute in jener Anwaltskanzlei mit, in der er vor Jahrzehnten schon sein Praktikum absolvierte. Er habe da keine juristische Funktion im eigentlichen Sinne, sagt er, «dafür bin ich zu lange weg von der Juristerei». Seine Aufgabe umschreibt er als einen Mix aus Beratungs- und Botschafterfunktion.

Als Botschafter wirkt Roland Brogli auch in mehreren Stiftungen. Übernommen hat er in diesem Jahr zudem das Präsidium der Fricktaler Bühne. «Die Kultur war schon immer eine meiner grossen Leidenschaften», sagt er. Wie das Reisen, die Geschichte, die Philosophie. «Jetzt habe ich endlich Zeit, nicht mehr nur Regierungsakten zu lesen, sondern auch historische Bücher.»

Und Lexika. Wieder wandern meine Gedanken in die Zeit zurück, als ich ihn bei den Reden unterstützt habe. Oft schleppte er Lexika oder Fachbücher herbei, die es zu berücksichtigen galt. Und wehe, der eine Satz, der aus seiner Sicht essenzielle, war nicht im Skript. Dann kam er mit dem Text zurück ins Büro, blieb vor mir stehen, blickte mich durch seine damals noch grosse und runde Brille an, zog die Stirn hoch, sodass ich gleich selber sagte: «Ja, ich weiss.»

«Details sind wichtig», sagte er mir jeweils. Und er war und ist ein Mann, der Details liebt. Was er macht, betreibt er mit viel Akribie. Und einem sturen Kopf. Während seiner Krankheit fing er mit Liegestützen an, um seinen geschwächten Körper zu stärken. 10, 20, 50, 100, 200, 500. Jeden Tag, immer am frühen Morgen.

200 Liegestütze pro Tag

Heute sind es nur noch 200. Er lacht, verschmitzt. «Meine Sturheit hat mir im Leben und in der Politik oft geholfen.» Er konnte hart debattieren, auf stur stellen, verlor aber gleichzeitig doch nie den Konsens aus den Augen. Man könnte auch sagen: Brogli agierte mit viel Bauernschläue.

Mit den Bauern verband Roland Brogli auch der Job. Als Landwirtschaftsdirektor war er oft bei den Bauern – und er war es gerne. Er liebte es, unter den Menschen zu sein. Manches Mal sagte ich zu ihm: «Willst Du dieses Grusswort wirklich auch noch annehmen?» Sein Blick sagte: Dumme Frage.

Heute wird er nicht mehr überall von Amtes wegen eingeladen. Dieses Moment des Unter-den-Leuten-Sein, das gibt Brogli unumwunden zu, vermisse er schon etwas. Und was nicht? Brogli muss nicht lange überlegen. «Die vielen Sitzungen.»

Loslassen schwieriger vorgestellt

Er steht auf, führt mich an den gackernden Hühnern vorbei in den Garten, erzählt von seinen Kirschbäumen, die in diesem Jahr nicht ein Chriesi hergeben werden. «Der Frost hat alles vernichtet.» Er blickt lange über das Land, atmet tief durch. So entspannt wie in diesem Moment habe ich meinen Ex-Chef nicht oft erlebt. Man spürt: Er ist im Leben nach dem Amt angekommen.

«Es ist einfacher, als ich dachte. Ich hatte mir das Loslassen schwieriger vorgestellt», sagt er dann. Man hört die Erleichterung in seinen Worten.