Derrer und das Recht. Das bedeutet vor allem: Kampf dem Unrecht. Über die Region hinaus bekannt wurde der umtriebige Rheinfelder im Sommer mit seiner Medienkampagne gegen Kriminaltouristen. Via rumänische Medien klärte er Einbruchs-Jobanwärter darüber auf, dass sich die Reise in die Schweiz nicht lohnt. Denn: «Wer erwischt wird, kassiert happige Strafen.»

Zu Hause, am Bezirksgericht, spricht er diese im Fünfergremium selber aus – bisweilen auch gegen Kriminaltouristen. Rund zweimal pro Monat sitzt er «im Namen des Volkes» am Bezirksgericht, hört sich die Fälle an, hört viel Leidvolles, viel Erschütterndes, viele Lügen auch, diskutiert das Gehörte mit dem Gerichtspräsidenten und den drei Laienrichter-Kollegen, wägt ab, hinterfragt und kommt zu seinem Befund.

Oft sind sich alle fünf Richter einig, dann erübrigt sich eine Abstimmung. Sonst wird ausgemehrt. Manchmal setze er sich mit seiner Meinung halt nicht durch, sagt er. «Ob dann aus meiner Sicht Unrecht gesprochen wird?», wiederholt er die Frage, blickt durch das Fenster auf die Altstadt, die sich bereits in Dunkelheit hüllt. «Nein», fährt er fort, «es ist auch dann Recht. Nur setzt sich in diesen Fällen mein subjektives Gerechtigkeitsempfinden nicht durch.»

Mehr Mühe hat er mit Fällen, in denen für ihn klar ist, dass man jemanden verurteilen müsste – doch dies wegen eines Formfehlers bei den Ermittlungen oder bei der Anklageerhebung nicht tun kann. «Das frustriert», sagt er. «Zum Glück kommt das nur selten vor.»

Öfter dagegen kommt es vor, dass die letzte Gewissheit fehlt, denn im realen Leben gibt es nur selten Schwarz oder Weiss, meist schreibt das Leben Grautöne. Dieses Sein im Schein verstehen gute Anwälte zu nutzen, indem sie in ihren Plädoyers Realitäten schaffen, die stimmig tönen, die stringent daherkommen. Hier zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden, «den wahren Kern herauszuschälen», wie Derrer es nennt, ist Aufgabe des Fünferteams. «Genau das macht das Richteramt auch so spannend.» Er möchte den Job nicht mehr missen, sagt er, es sei sein Ding. Derrer zögert, nimmt das «grosse Wort» dann doch in den Mund: Gerechtigkeit. «Ich möchte mit meinem Gerechtigkeitssinn etwas zur Rechtsprechung beitragen.»

Schwer verdaubare Fälle

Dass er dies als Laie tut, also nicht Jus studiert hat, sieht er nicht als Nachteil. Im Gegenteil: «Wir Laienrichter bringen ein breites Berufsspektrum mit ein. Das hilft oft bei der Beurteilung des Falles.» Zudem: «Den rechtlichen Rahmen steckt der Berufsrichter ab», so Derrer. «Er gibt den Spielraum vor, in dem wir entscheiden können.»

Für Derrer sind Laienrichter kein Demokratie-Supplement, sondern integraler Bestandteil des Rechtssystems. Am Anfang habe ihn das Vertrauen, welches das System den Laienrichtern entgegenbringe, schon überrascht. In der Arbeit am Gericht merkte er dann schnell: «Ein Laienrichter kann sich stark einbringen.» Den immer wieder von Rechts kolportierten Vorwurf, in der Schweiz grassiere ein Kuscheljustiz-Virus, hält Derrer für absurd. «Die Urteile sind zwar nicht übermässig hart, aber sicher auch nicht zu lasch.»

Besonders betroffen machen ihn Fälle, bei denen ein schweres Kapitalverbrechen vorliegt. «Die Unterlagen zu lesen, die Bilder zu betrachten, fällt da nicht einfach», gesteht er. Doch das sei Teil des Jobs, genauso, wie bei der Urteilsfindung die Gefühle zu abstrahieren, «in den Dialog mit meinen Emotionen zu treten», wie er es nennt.

Im Namen des Volkes. Michael Derrer liebt es, in die Fälle einzutauchen, sich in Details zu verlieren, sich in Personen zu versetzen, Lügenkonstrukte nachzuspüren. Nur eines mag er ganz und gar nicht: überlange Plädoyers. «Manche dauern Stunden, obwohl der Sachverhalt glasklar ist.» Dann nicht abzuschalten, «ist fast das Schwierigste am Richteramt», meint er schmunzelnd.