Die Stimmung ist aufgeheizt, in jenen Juni-Tagen 1958. Wutentbrannt blicken viele Bauern über den Rhein, sehen die Rauchschwaden, die vom Aluminiumwerk in Badisch-Rheinfelden tagtäglich aufsteigen, wissen, dass die darin enthaltenen Fluoride den Böden und dem Wald im unteren Fricktal arg zusetzen – und fühlen sich hilflos. Die Fluoride entstehen bei der Elektrolyse der bis zu 60'000 Tonnen Aluminium, die in Badisch-Rheinfelden pro Jahr produziert wurden.

Sechs Jahre schleppen sich die Verhandlungen mit der Aluminium Industrie Aktien Ges. (AIAG), der späteren Alusuisse mit Sitz in Zürich, nun schon hin. Es ist ein stetes Auf und Ab. Die Taktik der Firma erweist sich dabei als ebenso berechnend wie wirkungsvoll: abstreiten, solange es geht; die Gutachten anzweifeln, so weit möglich; auf Massnahmen an den Anlagen verweisen, welche im Endeffekt nur wenig bringen; zahlen, wenn es gar nicht mehr anders geht – aber nicht als Eingeständnis einer Schuld, sondern als freiwillige Entschädigung ohne jeglichen Rechtsanspruch. Zu gross war die Angst in der Firmenzentrale in Zürich davor, dass bei einem Nachgeben die Dämme brechen könnten – im Wallis betrieb die AIAG zwei deutlich grössere Aluminiumwerke.

Verbrannte Blätter an den Bäumen

1954 schreibt die Firmenleitung in einem Brief an die Gemeinde Möhlin, dass ihr die gemeldeten Schäden gänzlich neu seien – und dies, obwohl bereits im Jahr zuvor erste Untersuchungen liefen; und dies, obwohl rund um das Aluminiumwerk in Chippis (VS) schon Jahrzehnte zuvor ähnliche Symptome beobachtet wurden: Blätter, die sich rostrot verfärbten und verbrannt aussahen; Kühe, die erkrankten und geschlachtet werden mussten.

Die Gemeindebehörden von Möhlin und Rheinfelden schlagen Alarm, holen den Regierungsrat an Bord, schreiben dem Bundesrat. Da die Emissionsquelle in Deutschland liegt, ist das Aussenministerium zuständig. Erste Zahlungen erfolgen – widerwillig. Die Gemeinden erhöhen den Druck, erreichen, dass die «Kommission zur Bekämpfung der Fluorschäden in Rheinfelden, Möhlin und Umgebung» ins Leben gerufen wird. Ihr gehören Behördenvertreter ebenso an wie Fachleute und Firmenvertreter. Präsidiert wird sie von Franz Metzger, Gemeindeammann von Möhlin. Bei seinem Rücktritt 1985 sagt er: «David hat langsam den Goliath ein wenig in die Knie gezwungen, aber das Problem ist nicht gelöst.»

Dass nichts mehr ging, lag auch an Bundesbern. Die Behörden sahen in der AIAG lange einen vertrauenswürdigen Verhandlungspartner – «durchaus eine Fehleinschätzung», wie Henri Leuzinger in seinem überaus lesenswerten Beitrag zum Fluorkrieg in den Rheinfelder Neujahrsblättern festhält. Oder, pointierter formuliert: «David hatte keine Schleuder.»

«Grosstierquälerei im Fricktal»

Derweil schleuderte Carl Stemmler-Morath, ein international renommierter Zoologe aus Basel, im Juni 1958 in einem Beitrag im «Tierfreund» verbale Pfeile gegen die «Grosstierquälerei im Fricktal» und berichtet von Menschen und Tieren, die seit bald sechs Jahren «im Giftregen der Aluminiumwerke von Rheinfelden vegetieren müssen». Der Pfeil sitzt; nationale Medien greifen das Thema auf und berichten über den «Fluor-Terror im Fricktal».

Zur selben Zeit, in jenen warmen Juni-Tagen 1958, erreicht der Protest im Fricktal seinen ersten Höhepunkt. Sämtliche politischen Parteien rufen zur Protestkundgebung nach Möhlin auf. «Wir erwarten den Aufmarsch aller Fricktaler zum Zeichen unseres unbeugsamen Willens, diesem rechtlosen Zustand endlich ein Ende zu setzen», heisst es im Aufruf. «Von 12.00 bis 12.05 Uhr wird in allen Gemeinden des Bezirks Rheinfelden Sturm geläutet.»

Mehr als 5000 Personen folgen dem Aufruf. Bauern besetzen nach der Demonstration mit ihren Traktoren die Rheinbrücke, wollen sogar vor die Tore der Firma ziehen. Sie lassen es auf Rat einiger Teilnehmer bleiben – zum Glück, denn die Belegschaft, die um ihre Arbeitsplätze bangt, hat Wind davon bekommen und steht bereit. «Es wäre zu einer wüsten Schlägerei gekommen», ist sich Leuzinger sicher.

Die Wut der Arbeitnehmer

Erstmals kommt nun – dank der Hartnäckigkeit der Fluorkommission und dank der Intervention von Bundesrat Max Petitpierre – Bewegung in die verworrene Situation. In einer Vereinbarung verpflichtet sich die AIAG, zusätzliche Absorptionsanlagen zu installieren und die Produktion um 30 Prozent zu drosseln. Die Quittung bekommen die Arbeitnehmer: Die AIAG streicht postwendend 370 Stellen, Badisch-Rheinfelden fehlen zudem 50'000 D-Mark Gewerbesteuern pro Monat. «Die Massnahmen dürften wohlkalkuliert gewesen sein», sagt Leuzinger. «Denn der Zorn im Badischen richtet sich nun voll auf die Fricktaler Bauern.» Der Gemeinderat in Badisch-Rheinfelden nennt es unverhohlen eine «Vernichtung der Lebensgrundlage eines wesentlichen Teils der Bevölkerung».

Es geht im gleichen Hick-Hack-Stil weiter. «Die AIAG hatte einen extrem guten Draht nach Bundesbern», weiss Leuzinger von seiner dreimonatigen Recherche. So gelingt es der Konzernleitung, einen geplanten TV-Beitrag über den Fluorkrieg zu stoppen.

Protestmarsch nach Zürich

In diesem verhärteten Klima geht wenig. Aufgebrachte Bauern aus Möhlin fahren deshalb mit ihren kranken Tieren im Dezember 1963 nach Zürich und marschieren mit ihnen durch das Seefeld in Richtung Konzernzentrale der Alusuisse. Diese erreichen sie nicht – die Polizei hat die Zentrale weiträumig abgeriegelt. Durch eine Indiskretion wusste sie vom Protestmarsch.

Proteste, Versprechen, Verhandlungen, (Pauschal-)Zahlungen. Noch bis 1991 zieht sich der Fricktaler Fluorkrieg hin. Mal gehen die Wogen hoch, mal ist es etwas ruhiger, weil die Schäden temporär zurückgehen. Anders als die Werke im Wallis wollte die Konzernleitung das Werk in Rheinfelden «nie ernsthaft sanieren», ist Leuzinger überzeugt. «Man spielte auf Zeit. Die Bauern zu entschädigen, kam günstiger.»

1991 wird die Elektrolyse-Produktion von Aluminium in Badisch-Rheinfelden eingestellt. Weit über 2500 Kühe und Rinder sind seit 1952 an den Folgen der Fluorid-Emissionen verendet.

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