Frick
«Alle Rekorde der letzten 20 Jahre werden gebrochen»

Philipp Weiss über ein bombastisches Kinojahr 2015, holografische Visionen und die Zukunft des Landkinos.

Thomas Wehrli
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Film ab: Philipp Weiss und Martina Welti sind überzeugt, dass die Fricktaler auch 2030 noch ins Kino gehen. Thomas Wehrli

Film ab: Philipp Weiss und Martina Welti sind überzeugt, dass die Fricktaler auch 2030 noch ins Kino gehen. Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Herr Weiss, seit gut zwei Jahren setzt Fricks Monti auf die Digitaltechnologie. Wo wären Sie heute, wenn Sie damals nicht auf den Digital-Zug aufgesprungen wären?

Philipp Weiss: Überfahren. Es gibt heute keine 35-mm-Kopien mehr. Wir könnten noch Reprisen zeigen, aber dafür kommt kaum jemand ins Kino.

Das tönt, als hätten Sie den Zug beinahe verpasst.

Wir erreichten ihn auf dem letzten Zwick. Wir waren nicht eines der letzten Kinos, das auf 3-D umgestellt hat, aber für uns war es einer der letzten Momente, in denen ein Umstieg noch möglich war.

Als 3-D aufkam, sprach die Filmbranche vollmundig von einer Revolution. Hat man den Mund zu voll genommen oder ist 3-D wirklich revolutionär?

Eine Revolution war vor bald 100 Jahren der Tonfilm. Aber 3-D? Nein, das war ein technischer Fortschritt wie vom Schwarz-Weiss- zum Farbfilm. Die Geschichten werden genau gleich erzählt, einfach mit mehr Effekten und Möglichkeiten. Gerade in Animationsfilmen werden diese ganz bewusst ausgereizt; man fügt eine Verfolgungsjagd in die Story ein, nicht, weil es sie zwingend braucht, sondern weil sie sich in 3-D gut macht.

Verändert 3-D die Filmdramaturgie?

Ja, aber nicht massiv. Die Handlungen bekommen zum Teil etwas andere Akzente und Sidelines.

3-D hat sich im Kino innert kurzer Zeit etabliert. Stirbt 2-D aus?

Nein, es wird immer beides geben. Von den neuen Filmen sind fünf Prozent in 3-D. Sie machen aber über 20 Prozent der Einnahmen aus, denn es sind meist grosse und aufwendig produzierte Filme. Bei den Animationsfilmen stammen sogar 74 Prozent der Einnahmen aus 3-D-Produktionen. Für mich als Kinobetreiber heisst das: Den Grossteil des Umsatzes mache ich mit den Blockbustern in 3-D. Das wird sich noch akzentuieren.

Rund 100 Jahre war der 35-mm-Film das Mass aller Kinodinge. Dann fegte 3-D wie ein Sturm über die Kinos. Geht es in diesem Tempo weiter?

Die Technologie wird sich weiter entwickeln. Eine Richtung ist die Holografie. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Zuschauer in einigen Jahren quasi Teil des Films sein wird und die Akteure scheinbar durch den Kinosaal laufen. Für den Kinobetreiber heisst es so oder so: Auch ohne neuen technologischen Fortschritt muss er den Projektor nach zehn Jahren amortisiert haben. Die Kosten sind für ihn deutlich höher als im analogen Zeitalter.

Kann sich das ein Kino auf dem Land, wie es das «Monti» ist, noch leisten?

Das ist für jeden von uns eine grosse Herausforderung – auch für die grossen Kinobetreiber. Umso mehr in einem Jahr wie diesem.

Kein guter Kinojahrgang?

Überhaupt nicht. Die grossen Blockbuster fehlten, das Wetter spielte in der Open-air-Saison nicht mit und die Fussball-WM zog ebenfalls Publikum ab.

Mag alles sein. Aber ist der Schweizer nicht einfach auch Kino-müde?

Nein. Allerdings hat sich das Publikum verändert. Früher war das Kino das Medium für die Jungen. Heute gehen Jung und Alt ins Kino. Das Filmangebot ist heute vielfältiger.

Wenn sie denn gehen.

Da habe ich keine Angst. Das nächste Jahr wird ein bombastisches Jahr. Es kommen derart gute Filme ins Kino, dass alle Rekorde der letzten 20 Jahre gebrochen werden.

Eine gewagte Ansage.

Nein, überhaupt nicht. Der neue James Bond wird ein Selbstläufer sein und auch Minions oder «Fifty Shades of Grey» werden Massen ins Kino locken.

Ich behaupte gleichwohl: Im Zeitalter des Heimkinos und der «mein Smartphone ist auch ein Kino»-Hysterie hat das Lichtspielhaus auf dem Land langfristig keine Zukunft.

Da wette ich dagegen. Kino hat sogar eine grosse Zukunft. Das zeigt sich allein schon daran, dass derzeit vielerorts neue Kinosäle eröffnet werden.

Richtig, doch die meisten dieser neuen Säle sind in urbanen Zentren. Hat Kino auch am Standort Frick Zukunft?

Das steht für mich ausser Frage. Wichtig ist, dass man als Kinobetreiber wachsam bleibt und rechtzeitig auf Änderungen reagiert.

In Schöftland eröffnet in den nächsten Tagen das «Cinema 8», ein Kinokomplex mit fünf Sälen, mehreren Restaurants und einem Hotel. Wäre ein solcher Komplex auch im Fricktal möglich?

Ein derart grosser Komplex kaum, denn das Konsumverhalten ist doch stark auf die Zentren konzentriert. Aber ein zweiter Saal wäre sicher möglich.

Sie setzen nicht auf einen zusätzlichen Saal, dafür auf ein 3-K-Konzept: Kino, Kultur, Kulinarik. Braucht es dieses Multitasking, um in einer Region wie dem Fricktal Erfolg zu haben?

Es hilft sicher, denn die Bereiche greifen synergetisch ineinander. Jeder Bereich profitiert vom anderen. Auf die Mischung kommt es an. Und die stimmt so für uns.

Sie sagen, das Kino hat Zukunft. Doch seit Jahrzehnten wird es alle paar Jahre wieder medial zu Grabe getragen. Weshalb überlebt es allen Unkenrufen zum Trotz?

Weil die Menschen ein Bedürfnis haben, auszugehen, andere Menschen zu treffen, etwas miteinander zu erleben. Wieso gibt es das Theater noch? Wieso geht man ins Restaurant? Weil das Ausgehen Teil unserer Kultur ist.

Im Restaurant muss ich nicht kochen und dies buche ich als Mehrwert ab. Dieses Plus bietet mir das Kino nicht mehr: Mit einer teuren TV-Anlage kann ich auch zu Hause ein Kino-ähnliches Gefühl erzeugen.

Ohne Frage. Aber zu Hause kommt nicht nur die soziale Komponente zu kurz, auch das Ausgeh-Feeling fehlt. Man zieht sich um, geht raus, trifft Leute, sieht einen guten Film, trinkt noch etwas zusammen. Ich habe überhaupt keine Angst um das Kino. So lange gute Produktionen lanciert werden, wird es auch Besucher geben. Wer weiss, vielleicht ist das Kino in einigen Jahren wieder das Medium der Jugend.

Wie wird das Kino 2030 sein?

Technisch wird es in eine neue Dimension eintauchen; vielleicht werden dann die Figuren dank holografischen Effekten wirklich durch den Raum laufen, vielleicht wird der Schein zum Sein. Was aber auch dannzumal nicht anders sein wird als heute: Es braucht eine gute Geschichte, um Erfolg zu haben.