Einmal wünschte sich ein Biker eine Lady ohne Höschen auf dem Töfftank», sagt Airbrush-Profi Martin Günter (61) schmunzelnd. «Obwohl ich meine Bedenken anmeldete, wollte der Kunde das unbedingt so haben.» Also machte sich Günter ans Werk.

Bei der Übergabe erschrak der harte Harley-Fahrer mit ZZ-Top-Bart dann doch. «Da haben wir einen schwarzen Transparent-Slip gebrusht. Je nach Lichteinfall trägt das Girl nun ein Höschen oder eben nicht.»

«Eine Harley ist ein ewiges Kunstwerk»

Manchmal muss Martin Günter innert kürzester Zeit mehrmals an den gleichen Harley ran: «Ein Biker hatte seine blonde Freundin auf dem Töff-Tank verewigt. Die Liebe hielt aber nicht lange, da musste ich aus der Blondine die aktuelle schwarzhaarige Freundin brushen», sagt der Airbrush-Profi. «Meist fängt es mit dem Tank an, dann kommen die Schutzbleche, später vielleicht noch der Helm», erklärt Günter. «Eine Harley ist ein ewiges Kunstwerk, eigentlich nie ganz fertig.»

«Ich wusste schon als 14-Jähriger, dass ich mal Airbrusher werden möchte.» In seinem Zimmer hingen Poster von lackierten US-Töffs mit langen Gabeln. Günter machte in Beringen (SH) eine Lehre als Autolackierer.

«Bereits in der Schnupperlehre hantierte ich mit der Spritzpistole, lackierte Flammen auf einen Töfftank.» In der Lehre träumte er vom legendären Honda-Senn-Chopper, kam erstmals nach Densbüren und lernte den Schweizer Harley-Pionier «Wädi» Senn kennen.

Seit 1982 ist Martin Günter bei «Moto Senn» aktiv – sozusagen als Haus-Airbrusher. «Eigentlich hat sich seither nicht viel verändert», meint Günter. Die Träume der Töfffahrer seien ähnlich geblieben wie vor 30 Jahren. «Born to be wild, born to be free – das Harley-Motto ist nach wie vor Kult.

Wer à la «Easy Rider» mit langer Gabel, wehendem Haar und röhrendem Motor über die Landstrassen wummert, lebt den «American Dream». Auch wenn er zwischen Gontenschwil und Holderbank unterwegs ist statt auf einem Highway in den Rocky Mountains. Und zu den Träumen von endlosen Prärien und Strassen gehören US-Adler, Stars-and-Stripes-Flaggen oder sexy Pinup-Girls.

Piratenkopf oder Indianerhäuptling?

Jeder Biker will ein Unikat als Motorrad. Interessant: «90 Prozent der Kunden haben am Anfang keine konkrete Idee, was sie wollen.» Mit viel Fingerspitzengefühl und anhand Günters Motiv-Alben wird ein geeignetes Motiv gesucht: Passt zum Kunden ein Piratenkopf mit gekreuzten Säbeln oder eher ein rothäutiger Apatschen-Häuptling mit Federschmuck?

Airbrushing ist auch Vertrauenssache - die Kunden vertrauen Martin Günter ihre oft ziemlich teuren Motorräder an. «Ab einem gewissen Zeitpunkt müssen mich die Kunden auch einfach machen lassen.» Bisher sei es immer gut herausgekommen, meint Martin Günter.

Seine Künste haben sich weit herumgesprochen. Sogar aus dem Tessin und dem Wallis oder aus Deutschland bringen Töff-Fans ihre Motorräder nach Densbüren. «Oft wollen Biker mit sogenannt seriösen Metiers wie Banker und Juristen die wildesten Motive wie furchteinflössende Adler oder Totenköpfe», sagt Günter. «Auf dem Motorrad will man den ‹tough guy›, den harten Biker, markieren.»

Ab 2500 Franken für Töfftank mit zwei Schutzblechen ist man dabei. Der Preis ist weniger entscheidend. Wichtig ist den Bikern, ein persönliches, individuelles Unikat zu besitzen. «Wenn mir dann ein Kunde sagt: ‹Jetzt ist das wirklich mein Töff›, dann ist das ein schönes Kompliment.»

H.R. Gigers Alien auf Wohnmobil

Seit 32 Jahren ist Martin Günter Spezialist in Sachen «Custom Painting». Bilder, Grafiken, Effekt-Lackierungen und Schriften werden an Motorrädern und Autos angebracht. Airbrushen lässt sich fast alles – selbst Wohnmobile. «In den 80er-Jahren wollte ein Kunde Alien-Motive des Künstlers H.R. Giger auf seinem US-Motorhome haben.

Ich fragte bei H.R. Giger an, ob ich seine Sujets verwenden darf.» Giger, der für seine Kunstwerke selbst die Spritzpistole verwendete, meinte am Telefon: «Machen Sie das. Aber es muss gut aussehen. Und Sie müssen mir das zeigen.» Bei der «Fahrzeug-Abnahme» war H.R. Giger dann sehr zufrieden: «Giger erklärte mir, er sehe keine Unterschiede zu seinen Werken.

Dann sagte er: ‹Ich bi de Hansruedi›.» In der Folge durfte Günter die surrealen und oft düsteren Motive des Künstlers auf Töff-Tanks und Autos spritzen. «Es fahren noch einige Biker mit Alien-Sujets durch die Schweiz.»

Auch Modellflugzeuge und Helikopter gehören zu Günters Repertoire. Seit einigen Jahren fliegt er selbst einen Kampfjet F/A-18 mit echten Düsen-Triebwerken in Miniatur. «Mein F/A-18 fliegt bis zu 300 km/h schnell. Das Fliegen habe ich im Simulator gelernt. Das Flugzeug habe ich selbst zusammengebaut und im Swiss Design gespritzt.»

Indianer sind beliebte Motive.

Indianer sind beliebte Motive.

Etwas verleidet sind Günter Totenköpfe. «Wenn ich den gefühlt 587. Totenkopf auf einen Tank brushe, frage ich mich manchmal schon: ‹Muss das jetzt wirklich sein?›», sagt er lachend. «Aber der Kunde ist König.»

Und auch wenn die Mehrzahl seiner Auftraggeber Harley-Davidson-Fahrer sind, betont er: «Jede Motorrad-Marke hat ihre eigene Faszination.» Martin Günter selbst besitzt nach 10-jähriger Töff-Abstinenz seit einigen Jahren eine Agusta MV.

«Die Agustas sind reinrassige italienische Rennmotorräder aus Varese. In den 60er- und 70er-Jahren gewannen Agusta-Fahrer viele Europa- und Weltmeistertitel. Eine andere Lackierung als das klassische Rot-Silber ist für mich nicht denkbar», sagt der gebürtige Schaffhauser.

Doch Airbrush-Profi Martin Günter wäre nicht Martin Günter, wenn er da nicht ein paar Ideen zur Individualisierung seines Töff-Traums gehabt hätte. Und so entstand ein sehr aufwendiges Rennflaggen-Design in verschiedenen Silber-Schattierungen. «Der Untergrund wurde in verschiedene Richtungen gezielt geschliffen, dann silbrig eingefärbt.» Je nach Lichteinfall schillern die Silber-Töne anders. «Das ergibt einen Hologramm-Effekt.» Ein Meisterwerk für den Meister selbst.