Fricktal
«Ah, der Sozialhilfe-Empfänger»: ein Leben am Rand der Gesellschaft

Sozialhilfe-Empfänger sind Sozialschmarotzer, heisst es oft. Ein Gegenbeispiel von einem Familienvater, der seinen Kindern nicht so viel bieten kann wie andere, den ein schlechtes Gewissen plagt und der hofft, dass die Schmerzen in der Hüfte bald ein Ende haben.

Thomas Wehrli
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Lebensmittel kauft Peter* beim Discounter, und auch der Gang zu «Tischlein Deck dich» gehört zum wöchentlichen Ritual (Symbolbild).

Lebensmittel kauft Peter* beim Discounter, und auch der Gang zu «Tischlein Deck dich» gehört zum wöchentlichen Ritual (Symbolbild).

Matthias Käser

«Es ist ein Scheissgefühl.» Peter*, 42, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er über seine Situation und jene seiner Familie spricht. Wieso auch?

Er steckt schon zu lange in diesem Strudel, der die vierköpfige Familie vor vier Jahren erfasst hat und sie seither nicht mehr loslässt, im Gegenteil, sie tiefer, immer tiefer nach unten zieht.

Gerade jetzt, sagt Peter mit einem Lächeln, das zwischen Hoffen und Verzweifeln mäandert, gerade jetzt ist wieder so ein lichter Moment, «allerdings nur, weil ich die Taschenlampe selber anknipse».

Im nächsten Moment ist das Licht wieder aus. «Wissen Sie», fragt er den Journalisten, «wissen Sie, wie es ist, durchs Dorf zu gehen und das Gefühl zu haben: Die schauen mich an und denken: ah, der Sozialhilfeempfänger?»

Eine Antwort erwartet er nicht, schüttelt den Kopf. «Wenn wir alle Rechnungen bezahlt haben, bleiben uns im Monat wenige hundert Franken zum Leben.»

Eingekauft wird bei Billigdiscountern, gekocht nach dem Budgetprinzip: Was billig ist und gut nährt, kommt auf den Tisch, «Kartoffeln und Teigwaren bis zum Abwinken».

Auch Früchte, ja, «aber die gehen schnell ins Geld». Jede Woche gehen sie bei «Tischlein deck dich» vorbei, decken sich mit Lebensmitteln ein, die «vor der Vernichtung gerettet» und an Bedürftige abgegeben werden.

Kleider aus zweiter Hand

Den beiden Kindern, sechs und siebeneinhalb, einmal etwas Grösseres schenken, wie es Eltern eben so tun, «das liegt nicht drin».

Doch zum Glück könne man auf Bekannte und Verwandte bauen, sagt Peter, steht auf, unter Schmerzen, denn Hüfte und Rücken quälen noch immer, geht ins Wohnzimmer, hängt ein Foto der beiden Töchter von der Wand, zeigt es stolz. «Ihnen fehlt es an nichts», betont er.

Kein Anspruch auf Invalidenrente

Im Oktober 2011 wird Peter* krankgeschrieben. Im November folgt die erste von drei Hüftoperationen. Schmerzfrei ist Peter bis heute nicht. Die Abklärungen bei der IV ergeben: Peter hat keinen Anspruch auf eine Rente, da die IV seine Einschränkung auf 27 Prozent schätzt; eine Viertelrente gibt es ab 40 Prozent. Sie attestiert, dass er seinen Job als Logistiker nicht mehr ausüben kann, hält aber einen Job «ohne Heben und Tragen von mittelschweren und schweren Lasten, ohne häufiges Bücken, ohne häufiges Knien» im Rahmen von acht Stunden pro Tag für zumutbar. Nur: «Einen solchen Job gibt es nur im Büro – und das liegt mir nicht.» 2013 schickt die IV Peter in eine vierwöchige Abklärung. Es läuft gut, bis in der dritten Woche der Rückschlag kommt. Peter wird wieder krankgeschrieben, die IV bricht die Massnahme ab und will sie erst fortsetzen, wenn klar ist, was Peter noch leisten kann. Dies könnte, so hofft Peter, im Dezember der Fall sein. (twe)

Er lacht, bitter. «Das einzig Gute an der ganzen Sache ist, dass die Kinder den Papa so ganz haben.»

Denn er ist seit vier Jahren der Hausmann, ist es gerne, putzt, kocht, wäscht ab. Seine Frau Heidi*, 37, arbeitet im Service, auf Abruf, mal 60, mal 100 Prozent. 3000 Franken kann sie so pro Monat beisteuern, manchmal etwas weniger, manchmal etwas mehr, dem Trinkgeld sei Dank.

Da sie den Job ohne Auto nicht machen könnte, zahlt die Gemeinde die Leasingraten für das Fahrzeug. Die absolute Ausnahme, weiss Peter, weiss es zu schätzen. «Manchmal macht mir das schon ein schlechtes Gewissen.»

Ein solches bereitet ihm auch sein Laster, das er nicht loswird: das Rauchen. «Ein Teufelskreis», sagt er. Je schlechter es einem geht, desto mehr raucht man, desto schlechter fühlt man sich.

Eineinhalb Päckli raucht er pro Tag, «die Allergünstigsten aus dem Discounter», zu Fr. 5.60 pro Packung. Das schlechte Gewissen raucht mit, Zug um Zug.

Die Kleider für die Kinder bekommt die Familie über seine Schwester, gleich säckeweise, alles secondhand, alles top. Ein Ausflug in den Zolli, ein teureres Geschenk – die Familie, der Götti, die Bekannten sind zur Stelle.

«Nicht selbstverständlich», weiss Peter, und bei diesen Worten röten sich seine Augen. Ein Schweigen erfasst den Raum, drückt ihn, ohne ihn zu erdrücken.

Ferien mit Folgen

Gerade eben, Reka sei Dank, konnte die Familie eine Woche Ferien machen, im Tessin. Der erste Urlaub seit 2009, zu einer Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Damals, in Ägypten, waren sie noch zu dritt und malten sich am Strand aus, was das Leben ihnen bringen wird. Es brachte anderes.

Die Tage im Tessin hätten der Familie gutgetan, auch der Beziehung, die unter der Not ebenfalls leidet, sagt Peter, sagt es mit einem Ton, dass man unweigerlich fragt: «Aber?»

«Auch wenn die Unterkunft bezahlt ist, Ferien kosten einfach mehr, als wenn man die gleiche Zeit zu Hause verbringt.»

Unter die Freude, ein paar Tage abschalten zu können, wieder mal eine andere Umgebung zu sehen, mischte sich das Gefühl, nein: das Wissen, dass «wir nachher den Gürtel umso enger schnallen müssen».

Auch, weil die Wohnung im Monat gut 1600 Franken kostet («das ist günstig für unser Dorf») und die Sozialhilfe «nur» 1500 Franken übernimmt. «Den Rest sparen wir uns vom Mund ab.»

Klagen will Peter nicht. «Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen», sagt er, «und manchmal ist weniger ja auch mehr.» Manchmal, ja, da mag das stimmen; als Dauerzustand eher nicht. Immer wieder sagt Peter im Gespräch: «Rückblickend gesehen». Meist folgt dann etwas, das nicht so gut lief. Etwa, dass er, der Naturbursche, der es gewohnt war, anzupacken, letztendlich zu wenig auf seinen Körper hörte. Er arbeitete auf dem Bau, als Chauffeur, als Lagerist – immer volle Kraft voraus. Die Warnsignale seines Körpers, die Schmerzen in Rücken und Hüfte, nahm er lange nicht ernst. «Das wird schon wieder.»

Es wurde nicht. 2011 streikt der Körper; statt Paletten durch die Halle zu ziehen, zog er von Arzttermin zu Arzttermin. Heute, drei Hüftoperationen später, hofft er, einmal mehr, dass es nun endgültig aufwärtsgeht. Bis im Dezember, so sagen die Ärzte, sollte er wieder einigermassen schmerzfrei sein.

«Rückblickend gesehen» verlief auch der Start mit der IV schlecht. «Ich fand den Draht zu meiner Beraterin nicht.»

Weil er sie als Standardprogramm-Abspulerin erlebte, weil er selber nicht wusste, was er wollte, weil er wollte, was er nicht mehr konnte, weil er aufs Amt ging mit der Einstellung: Da bin ich, helft mir. Die IV half auch, aber nicht so oder zumindest nicht so schnell, wie sich Peter das erhofft hatte.

Seit August – die letzte Operation war im März – fühlt sich Peter besser, seither kehrt das Vertrauen in die Hüfte langsam zurück. «Es ist ein Herantasten», noch immer unter starken Schmerzmitteln.

Peter, der durch den Bewegungsmangel und die psychisch bedingten Fressattacken seit 2011 an die 30 Kilogramm zugenommen hat, blickt auf das Foto seiner Töchter, sagt dann: «Den Punkt, an dem es einhängt, habe ich aus den Augen verloren.» Und: «Mein grosses Ziel ist es, wieder zu arbeiten.»

Ein Widerspruch, der keiner ist, der nur ausdrückt, wo Peter steht: zwischen Hoffen und Verzweifeln.

*Alle Namen geändert