Afghanistan
23-jähriger Afghane hat Angst um seine Familie: «Es ist die schlimmste Zeit meines Lebens – schlimmer noch als die Flucht»

Hossein Musavi floh vor sechs Jahren aus Afghanistan in die Schweiz. Hier hat er Fuss gefasst und konnte vor zwei Jahren eine Lehre beginnen. Jetzt hat er grosse Angst um seine Familie in Afghanistan. Sie zieht auf der Flucht vor den Taliban von Stadt zu Stadt. Er hofft, die Familie irgendwie aus dem Land bringen zu können.

Thomas Wehrli
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Da war die Welt noch in Ordnung: Hossein Musavi freut sich im Juli 2019 zusammen mit Rolf Schmid von der Kontaktgruppe Asyl Frick, dass er in Zeihen eine Lehre beginnen kann.

Da war die Welt noch in Ordnung: Hossein Musavi freut sich im Juli 2019 zusammen mit Rolf Schmid von der Kontaktgruppe Asyl Frick, dass er in Zeihen eine Lehre beginnen kann.

Thomas Wehrli (24. Juli 2019)

Es liegen Welten zwischen dem Treffen im Juli 2019 und dem Telefonat im August 2021. Damals, vor zwei Jahren, strahlte Hossein Musavi, wie auf dem Foto mit Rolf Schmid vom Verein Netzwerk Asyl, war überglücklich, sagte, sein grösster Traum sei in Erfüllung gegangen.

Der Traum war, dass der Afghane, der 2016 vor dem Krieg in seiner Heimat floh, als Flüchtling in die Schweiz kam und heute den Status als «vorläufig Aufgenommener» hat, in Zeihen eine Lehrstelle als Montageelektriker fand.

Heute ist alles anders. Nicht im Leben von Musavi, aber in Afghanistan – und damit doch auch im Leben des 23-Jährigen. «Es geht mir gar nicht gut», sagt er im Gespräch mit der AZ. Er mache sich grosse Sorgen um seine Familie in Afghanistan, sei nervös, wisse nicht, was tun.

«Das Schlimmste ist, dass ich nichts machen kann.»

Wo seine Familie sich derzeit aufhält, möchte Musavi nicht sagen – aus Angst um ihre Sicherheit. Die Familie sei nie lange am gleichen Ort, sagt er. Sie ziehe von einer Stadt zur anderen, immer weiter, aus Furcht vor den Taliban. Musavi stockt kurz, fügt dann an: «Ich kann nicht begreifen, wie schnell die Taliban das Land unter Kontrolle gebracht haben.» Es komme ihm vor, als ob die Regierung und der Westen ihnen das Land geschenkt hätten.

Familie hat grosse Angst

Das macht ihn wütend. Und besorgt zu gleich. «Für meine Familie ist das megaschlimm. Sie hat grosse Angst», sagt Musavi, der sich schnell und gut in der Schweiz integriert hat, der lernfähig ist, wissbegierig auch, und inzwischen bestens Deutsch spricht.

Was hält er von den Taliban? Wenig, das wird im Gespräch schnell klar. «Die Frauen werden unterdrückt und die Taliban sind in ihrem Handeln schlicht nicht einschätzbar.» Für ihn ist es kein Rechtsregime, das nun an der Macht ist.

Für ihn ist deshalb klar: «Zwar war das Leben in Afghanistan auch vor der Machtübernahme durch die Taliban nicht super, aber doch besser.» Die Familie sei da wenigstens in Sicherheit gewesen.

«Ich konnte sie unterstützen, indem ich ihnen immer etwas Geld geschickt hatte. Nun kann ich gar nichts tun.»

Hossein Musavi möchte seine Familie auf Afghanistan in einen sicheren Nachbarstaat bringen. Bislang scheiterten die Versuche. Zuerst fehlte ihm das Geld, beim letzten Anlauf vor gut einem Monat gab es dann andere Probleme. Wieder stockt er, überlegt kurz, fügt dann leise hinzu:

«Ich kann doch nicht einfach hier sein und nichts machen. Es ist die schlimmste Zeit meines Lebens – schlimmer noch als die Flucht.»

Was bleibt? Hossein Musavi zuckt die Schultern. Hilflos. «Die letzte Möglichkeit, die bleibt, ist zurückzugehen, um meine Familie zu schützen.» Er hofft, dass er eine andere Lösung findet, dass es ihm von hier aus gelingt, die Familie in Sicherheit zu bringen.

Kontakt zu halten, wird immer schwieriger

Kontakt konnte Hossein Musavi bislang über Internet mit seiner Familie halten. Bislang. Denn: «Die Internetqualität wird immer schlechter und ich weiss nicht, wie lange ich den Kontakt noch halten kann.» Keinen Kontakt mehr zu haben, «das ist die schlimmste Vorstellung überhaupt».

In der Freizeit versucht Hossein Musavi, an so viele Informationen wie möglich zu kommen. Er liest afghanische Nachrichten, verfolgt Newsportale, hält sich auf den sozialen Medien auf dem Laufenden und tauscht sich mit Landsleuten aus. «Das hilft mir, besser durch die Tage zu kommen», sagt er. Hossein Musavi hat derzeit nur einen Wunsch:

«Die Familie aus Afghanistan raus zu bringen.»

Dann, erst dann wäre sein Lachen zurück. Und seine Freude über den eigenen Weg, den er in der Schweiz mit viel Einsatz und mit Bravour geht.

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