Unterwegs nach Zeiningen kommt mir mal wieder der Obere Katzenstirnenweg in den Sinn. Wie immer, wenn ich nach Zeiningen fahre. Ich kenne den Weg nur von einer Adressliste aus Gymnasialzeiten. Dort war ich nie. Doch der Name gehört zu meinen Favoriten unter den Strassenbezeichnungen. «Mal sehen, ob mir das Strassenschild heute auffällt», denke ich, als ich die Zeininger Ortstafel passiere. Doch wenig später springt mir ein grosses Zeininger Wappen ins Auge. Gelber Grund, brauner Weinstock, grüne Blätter, blaue Trauben. «Schade, endet die Amtsperiode nicht im Herbst», denke ich. Ein Spaziergang in der Herbstsonne durch Rebberge scheint mir verlockender als ein nass-kalter Winterspaziergang. Wie auf Kommando setzt nun auch noch leichter Nieselregen ein.

Beim Gemeindehaus wartet bereits die abtretende Gemeindepräsidentin Sabin Nussbaum auf mich. Bevor wir losgehen, einigen wir uns darauf, dass wir beide einen Schirm mitnehmen, denn, so der Hintergedanke, wenn man den Schirm dabei hat, beginnt es ja meist nicht zu regnen. Der ausgefeilte Plan funktioniert. Wir können den Abschiedsspaziergang im Trockenen absolvieren.

Die ersten Schritte führen uns durch den alten Dorfkern. Er soll im kommenden Jahr zum Epizentrum der Festfreude werden, wenn die Gemeinde Zeiningen vom 24. bis zum 26. August ihr 800-Jahre-Jubiläum feiert. «Dieses Datum muss man sich reservieren», sagt Sabin Nussbaum. Dabei: Die erste urkundliche Erwähnung Zeiningens ist gar nicht ganz genau datiert. «Sie findet sich im Klosterurbar von Einsiedeln zwischen 1217 und 1222», erklärt Nussbaum. «Wir haben beschlossen, irgendwann in dieser Zeitspanne zu feiern.»

Doch zurück zum Dorfkern: Sabin Nussbaum, wie wichtig ist der alte Dorfkern heute noch fürs Dorf?

Sabin Nussbaum: Er ist schon wichtig. Hier sind die Geschäfte, der Zahnarzt, das Gemeindehaus. Im alten Schulhaus sind der Kindergarten und die Bibliothek untergebracht. Auch zwei Arztpraxen sind in der Nähe. Es konzentriert sich vieles auf das Mitteldorf sowie die Ecke mit der Raiffeisenbank.

Ein Blick entlang der Strasse zeigt: Hier sind auch die Restaurants.

Das «Due Maestri», die «Taube», eine alte Beiz und das Café in der Bäckerei Maier. Das Café existiert noch nicht lange. Aber es hat sich etabliert. Restaurants sind sicher wichtig fürs Dorf. Wir haben zwar noch das Blockhaus gebaut, das auch für private Feiern und Vereinsanlässe genutzt werden könnte. Aber oft gehen die Vereine gleichwohl in die Beiz, damit sie nicht alles selber organisieren müssen.

Wie steht es um das Vereinsleben im Dorf?

Ich finde, dass wir eine aktive Dorfbevölkerung haben. Als ich die Vereine angefragt habe, ob Interesse für ein Fest zum 800-Jahre-Jubiläum besteht, ist der Funke sofort gesprungen. Die Idee ist auch, dass man die Neuzuzüger miteinbezieht und so neue Kontakte entstehen.

Ist es denn für Neuzuzüger schwierig, sich ins Dorfleben zu integrieren?

Ich erlebe die Vereine und die Zeininger als aktiv und offen. Aber es muss halt auch so sein, dass Neuzuzüger auf die Einheimischen zugehen. Sie werden aufgenommen, wenn sie es wollen. Dass wir bei Wahlen oft sogar eine Auswahl haben, zeigt, dass das Interesse am Dorf und der Wille, mitzuarbeiten vorhanden sind – auch bei Zuzügern. Es gab auch schon Kandidaten, die ich nicht oder nur vom Namen her gekannt habe.

Mittlerweile stehen wir vor der Mehrzweckhalle im Mitteldorf. Hier finden jeweils die Gemeindeversammlungen statt. Und oft war dabei in den vergangenen Jahren die neue Bau- und Nutzungsordnung ein Thema. «Sie hat mich die ganze Amtszeit über beschäftigt», sagt Sabin Nussbaum. «Leider ist sie noch nicht ganz abgeschlossen.» An ihrer letzten Gemeindeversammlung Anfang Dezember wurde nämlich die Umzonung einer Teil-Parzelle der ehemaligen Fischzucht in die Zone für öffentliche Bauten zurückgewiesen. Die Gemeinde will dort dereinst Parkplätze für den Fussballplatz erstellen, der Grundeigentümer spricht sich dagegen aus. Nun muss der neue Gemeinderat noch einmal über die Bücher.

Welches Ziel verfolgten Sie mit der neuen Bau- und Nutzungsordnung?

Verdichtung war das Schlagwort. Dafür haben wir geschaut. Das Gebiet Ännermatt untersteht etwa einer Gestaltungsplanpflicht. Dort soll verdichtet gebaut werden. Das Grundstück der Mehrzweckhalle ist nicht mehr in der öffentlichen Bauzone. Es besteht der Wunsch nach einer neuen Mehrzweckhalle. Diese würde dann nicht mehr hier gebaut, sondern bei den Sportanlagen. Hier im Dorfkern wären dann Wohnungen möglich.

Gibt es derzeit noch verfügbares Bauland in Zeiningen?

Ja, es gibt noch Baulücken. Aber viele sind in Privatbesitz. Und die Privaten geniessen den grossen Garten oder behalten das Land für die Nachkommen.

Ist das ein Problem für die Gemeinde Zeiningen?

Nein. Es wird ja gebaut. Sehen Sie den Kran dort? Bei der ehemaligen Fischzucht entsteht gerade eine Überbauung mit drei Häusern. Im Oberdorf gibt es auch Baustellen. Wo gebaut wird, werden Mehrfamilienhäuser errichtet. Was es weniger gibt, sind Baugesuche für Einfamilienhäuser. Einfamilienhaus-Parzellen sind eher ausgeschöpft.

Nun führt uns der Weg in Richtung Bach – und, dort angekommen, über den Engelsteg. Die alteingesessenen Zeininger erzählen sich über den alten Steg eine Geschichte. Dorforiginal Friedrich Jeck, bekannt als «Hafner Fitti», habe den Steg jeweils auf dem Weg von nächtlichen Beizentouren überquert. Oft war er dabei etwas wackelig auf den Beinen und so priesen die Zeininger jeweils die Schutzengel ihres Dorforiginals, wenn er wohlbehalten zu Hause ankam. So kam der Engelsteg zu seinem Namen.

Eigentlich sollte der Steg allerdings bereits nicht mehr existieren. Im Rahmen des Hochwasserschutzprojekts soll er abgerissen werden, da sein Durchlass zu gering ist. Einen konkreten Abriss-Termin gibt es allerdings noch nicht: Es sind immer noch Einsprachen hängig und es laufen Verhandlungen.

Die Verzögerungen beim Hochwasserschutzprojekt sind nur wenige Schritte später erneut ein Thema. «Achtung, jetzt kommt der Zeininger See», sagt Sabin Nussbaum, als wir vom Gässli zum Mitteldorf-U kommen. Sie weist auf eine grosse Pfütze hin, die sich in einem Loch in der Strasse gebildet hat.

Diesen See könnte man aber mit einer Strassensanierung trockenlegen?

Eigentlich sollte hier die Strasse schon lange saniert sein. Wir haben beim «Mitteldorf-U» ein Einbahn-System eingeführt und die Hälfte der Strasse ist bis auf den Deckbelag saniert. Aber hier sind wir mit den Hochwasserschutzmassnahmen noch nicht so weit. Und bevor wir die Strasse und den Platz sanieren, wollen wir das auch noch erledigt haben. Deshalb ist das Projekt im Moment auf die lange Bank geschoben. Aber es soll hier eine schöne Strasse mit einem Platz geben.

Einsprachen und Verzögerungen: Hat sich die Arbeit des Gemeinderats in den letzten Jahren in dieser Hinsicht verkompliziert?

Ja, die Einsprachen haben zugenommen. Bei Baugesuchen und anderen Bewilligungen. Aber wir können als Gemeinderat auch nicht alles einfach abnicken. Manchmal muss man ein Gesuch ablehnen – und dann hat man jeweils rasch die Anwälte im Haus. Was mir auch aufgefallen ist: Man setzt sich mehr ein für die eigene Sache, sucht aber auch immer einen Schuldigen. Sogar, wenn es ein Unfall war.

Steht man als Amtsinhaber auch persönlich mehr im Fokus?

Klar gibt es Kritik. Darauf muss man aber gefasst sein. Früher war der Ammann DIE Respektsperson, das hat sich schon geändert.

Haben sich auch die Tätigkeiten im Amt und die Aufgaben verändert?

Am Anfang war es noch ein anderes Arbeiten im Gemeinderat. Ich hatte das Bau-Ressort und habe viel operativ gearbeitet. Ich war viel draussen, habe auf Baustellen verhandelt. Heute ist die Gemeinderatstätigkeit eher eine strategische Arbeit. Diesen Wandel spüre ich stark.

Beim Winkelgässli zweigt ein Mergel-Fussweg zum Schulhaus Brugglismatt ab. Sabin Nussbaum, die gerne und viel zu Fuss draussen unterwegs ist, will diesen Weg einschlagen. Hält dann aber kurz inne. Fragt mich, ob wir mit meinen Schuhen diesen Weg einschlagen können. Können wir, schliesslich sind es braune Leder-Winterschuhe, weder exquisit noch auf Hochglanz poliert. Sie habe in Zeiningen die Primarschule besucht und dann die Bezirksschule in Möhlin, «das war damals schon so», erzählt Sabin Nussbaum auf dem Weg zum Schulhaus.

Sind Sie all die Jahre immer in Zeiningen geblieben?

Nein, ich war einige Jahre weg, war auch länger im Ausland auf Reisen. Nach der Rückkehr in die Schweiz wohnte ich in Basel und Möhlin. Bis wir eine Familie gründeten und in Zeiningen das Grosselternhaus übernehmen konnten. Mittlerweile bin ich seit 26 Jahren wieder in Zeiningen.

Und waren zwölf davon im Gemeinderat. Wann haben Sie sich für die Politik entschieden?

Zuerst stand die Familie mit den kleinen Kindern im Mittelpunkt. Das hat mich ausgefüllt. Dann habe ich eine Weiterbildung gemacht. Der Einstieg in die Politik war, als für die Baukommission Leute gesucht wurden. Ich habe mich gemeldet. Schliesslich habe ich Hochbauzeichnerin gelernt. Dann wurde ich von der CVP angefragt, ob ich beitreten wolle und habe schliesslich für den Gemeinderat kandidiert.

Gibt einem eine Ortspartei im Rücken Sicherheit im Amt?

Ja, eine gewisse Sicherheit gibt es schon. Wie immer, wenn man Unterstützung spürt. Das kann aber auch Support oder Lob von Privatpersonen sein.

Politisiert man auch anders als Partei-Vertreter?

Im Dorf nicht, da stehen die Sachthemen im Vordergrund. Die Orts-CVP hatte nicht vor jeder Gemeindeversammlung eine Parteiversammlung mit Parolenfassung.

Ihre Vorgängerin im Amt als Gemeindepräsidentin war Hilde Bans. Nun wurde mit Gisela Taufer die dritte Frau in Serie gewählt...

...das ist mir jüngst auch aufgefallen (lacht).

Haben Sie eine Begründung dafür?

Es ist wohl eher Zufall. Ich zum Beispiel war nicht berufstätig und hatte Zeit für das Amt. Meine männlichen Amtskollegen dagegen haben Vollzeit gearbeitet. Da überlegt man es sich zweimal, ein solches Amt anzunehmen.

Haben Sie wegen des Gemeindepräsidenten-Amts nicht gearbeitet?

Vielleicht hätte sich mein Leben wirklich anders entwickelt, wenn ich nicht für den Gemeinderat angefragt worden wäre. Ich habe damals ja gesagt, wurde gewählt – und danach habe ich auch gar nicht mehr geschaut, ob ich allenfalls nochmals ins Berufsleben einsteigen könnte…

Ihre Nachfolgerin geht mit einer fast komplett neuen Crew in die Zukunft. Ralf Wunderlin ist seit dem Frühjahr im Amt, François Bugmann, Alexander Kohler und Alfred Studer treten das Amt neu an. Ist das ein Problem?

Es ist nun mal so. Aber ich beneide Gisela Taufer nicht. Auch auf der Verwaltung hat es viele Wechsel gegeben. Es fand ein Generationenwechsel statt.

Hätte es eine Möglichkeit gegeben, das besser zu staffeln?

Mir schien der Zeitpunkt geeignet, um aufzuhören, schliesslich wollten ja mit Gisela Taufer und Peter Frick zwei langjährige Gemeinderäte weitermachen. So hätte man einen Wechsel einleiten können. Doch Peter Frick wurde nicht wiedergewählt.

Als Sabin Nussbaum dies erzählt sind wir bereits unterwegs vom Oberdorf zurück Richtung Gemeindehaus. Ein Mann kreuzt unseren Weg, grüsst, blickt auf mein Aufnahmegerät. Zögert. Hält dann doch kurz an und wünscht der abtretenden Gemeindepräsidentin «e gueti Zit». Ein Steilpass.

Ab Januar werden Sie mehr Freizeit haben. Haben Sie Pläne?

Ich habe einige Ideen. Englisch lernen würde mich interessieren. Bierbrauen habe ich mir auch mal vorgenommen. Berg- oder Velotouren im Sommer. Aber dafür ist es im Januar und Februar zu kalt. Im Winter werde ich sicher in ein Loch fallen. Im Sommer wird es dann kein Problem sein. Ich habe einen grossen Garten und hatte bisher im Sommer immer zu wenig Zeit.

Fällt es Ihnen schwer, das Amt zu verlassen?

Nein. Ich konnte mich drauf einstellen. Ich habe ja bereits im Frühling entschieden, dass ich aufhöre. Das letzte halbe Jahr war etwas seltsam. Man ist noch dabei, aber nicht mehr so gefragt. Man liest die Akten anders, wenn es Projekte fürs kommende Jahr betrifft. Deshalb macht es mir keine Mühe, den Gemeindehaus-Schlüssel abzugeben. Vielleicht klingt das dann im Januar anders…

Sollte es Ihnen doch langweilig sein, gibt es sicher Vereine, die Sie gerne als Mitglied aufnehmen würden.

Das habe ich mir auch schon überlegt. Aber ich möchte künftig unabhängiger sein. Gemeindepräsidentin ist zwar kein Vollzeit-Job, aber man hat doch immer wieder Termine. Geht auch an Anlässe, die man vielleicht privat nicht besucht hätte. Nun möchte ich mich nicht zu stark binden.

Als ich den Rückweg ins Büro unter die Räder nehme, erinnere ich mich wieder an den Katzenstirnenweg. Achte auf die Strassennamen – und passiere den Oberen Katzenstirnenweg tatsächlich kurz vor dem Ortsausgang. Die Sinne derart geschärft, entgeht mir auch die nächste Namenstafel nicht: Nussbaumweg. Ist das eine Hommage an die abtretende Gemeindepräsidentin? Sie lacht, als ich sie am Telefon darauf anspreche. «Nein, nein, hier gehts wirklich nur um den Baum.»