Die Meinungen zu «No Billag» sind, glaubt man den Umfragen, gemacht, die Stimmzettel vielerorts auch bereits ausgefüllt – und abgeschickt. Das Fricktal ist, wie der Rest der Schweiz, ein «Ich stimm dann mal brieflich ab»-Land. Nur gerade vier Prozent der Wählenden, das zeigte eine Auswertung des Kantons im letzten Jahr, gehen noch an die Urne. Der Siegeszug der Brieflichkeit ist perfekt.

Doch bereits zeichnet sich die nächste Abstimmungs-Revolution am Horizont ab: das E-Voting oder vielleicht präziser: das Internet-Voting. Der Aargau hat in den letzten Jahren mit den Auslandschweizern erste E-Voting-Erfahrungen gesammelt und ab 2019 können nun auch die Einwohner in fünf Test-Gemeinden elektronisch abstimmen. Eine Fricktaler Kommune ist nicht darunter.

Dennoch beobachtet man in den Fricktaler Gemeinden die Entwicklung genau, wie eine Nachfrage der AZ bei mehreren Gemeindeschreibern zeigt. «Ich bin überzeugt, dass E-Voting die Zukunft sein wird. Vor allem auch in der heutigen Zeit der Digitalisierung», sagt Daniel Sonderegger, Gemeindeschreiber in Münchwilen.

Marius Fricker, Schreiber-Kollege in Möhlin, attestiert E-Voting «ein grosses, zukunftsweisendes Potenzial». Der Aufwand für das Wahlbüro und die Verwaltung würde sich «in ganz erheblichem Masse reduzieren», ist Fricker überzeugt. «Ausserdem verringern sich vorgelagert die Versand- und Druckkosten für die Abstimmungsunterlagen ebenfalls markant.» Auch aus ökonomischen und ökologischen Gründen sei E-Voting «sehr zu begrüssen», so Fricker.

Für Urs Treier, Gemeindeschreiber in Gipf-Oberfrick, ist die Einführung von E-Voting mittelfristig genauso notwendig, wie es seinerzeit die Einführung der brieflichen Stimmabgabe war. Es brauche E-Voting, um das Abstimmungs- und Wahlverfahren an die veränderten Lebensformen anzupassen, findet Treier. «Die junge Generation erwartet die elektronische Abstimmung, das passt zu ihrem digitalen Lebensstil», ist er überzeugt.

Sicherheit ist zentral

Drei Voraussetzungen müssen für Sonderegger erfüllt sein, damit E-Voting funktionieren kann: Es muss einfach, bedienfreundlich und sicher sein. Auch für Treier ist es elementar, dass die Sicherheit sichergestellt ist. Zum einen müsse gewährleistet sein, dass das Abstimmungsverhalten jedes Einzelnen weiterhin geheim bleibe. Zum anderen, dass aufgrund der laufenden Stimmabgaben diese nicht einsehbar seien. «Es muss die Sicherheit bestehen, dass das Stimmgeheimnis absolut gewährleistet und keine Manipulationen erfolgen können», so Treier.

Für Fricker muss E-Voting über eine sichere Plattform bei Kanton oder Bund bereitgestellt werden. «Unter dieser Voraussetzung sind die Bedenken bezüglich Datenschutz eher unbegründet», sagt er. Auch Sonderegger sieht im Datenschutz «eine grosse Herausforderung». Dennoch, so vermutet er, werde der Nutzen des E-Votings gegenüber der Datenschutzbedenken überwiegen.

Eine der grossen Hoffnungen, die in E-Voting gesetzt wird, ist die, dass die Wahl- und Stimmbeteiligung mit dem neuen System erhöht werden kann und dass E-Voting neue Wählerschichten – vor allem junge Wähler – erschliessen kann. Im letzten Jahr lag Stimmbeteiligung bei den kantonalen Abstimmungen bei mässigen 42,1 Prozent. Allerdings zeigten erste, breit angelegte E-Voting-Gehversuche in der Welschschweiz und im Kanton Zürich, dass die Stimmbeteiligung trotz E-Voting nicht wie erhofft markant anstieg. Es kam vielmehr zu einer Stimm-Verlagerung: Viele von denen, die nun elektronisch abstimmten, taten dies bereits vorher – einfach brieflich.

Urs Treier setzt denn auch die Erwartungen an E-Voting nicht allzu hoch an. Es sei gut möglich, dass das neue System die Stimmbeteiligung erhöhe, das müsse aber nicht sein. «Bei der Einführung der brieflichen Abstimmung war die Beteiligung danach auch nicht viel höher.» Fricker erhofft sich, dass mit E-Voting vor allem auch die jüngere Wählerschaft angesprochen werden kann.

Verschwindet die Wahlurne?

Bleibt die Frage: Versetzt E-Voting der Wahlurne, die bereits heute kaum noch genutzt wird, den endgültigen Todesstoss? Für Treier sollte man sich nach der Einführung von E-Voting auf das elektronische und briefliche Verfahren beschränken. Er rechnet allerdings nicht damit, dass die Wahlurne, die heute von Gesetzes wegen an jedem Abstimmungssonntag geöffnet werden muss, sehr schnell verschwinden wird.

Auch Fricker geht davon aus, dass die Wahlurne «frühestens in rund 20 Jahren» abgeschafft werden kann. In Möhlin kommen pro Abstimmungssonntag noch gegen 100 Personen persönlich im Wahllokal vorbei. «Es entspricht neben der gesetzlichen Angebotspflicht einer Art Tradition», so Fricker.

Und was kommt nach E-Voting? Wie sieht das Abstimmungsprozedere 2040 aus? «Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht genau», sagt Treier. «Gut möglich, dass in 20 bis 30 Jahren ganz neue Verfahren kommen werden.»