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Ab wann lohnt sich ein Einkauf in Deutschland? So berechnen Sie es für sich persönlich

Je nach Wohnort muss der Kofferraum voll sein, damit sich die Fahrt über die Grenze gelohnt hat.

Je nach Wohnort muss der Kofferraum voll sein, damit sich die Fahrt über die Grenze gelohnt hat.

Wer in Frick wohnt und in Bad Säckingen einkauft, muss für 80 Franken einkaufen, damit sich Weg und Zeit lohnen. Allgemein gilt: Die Reise kostet 37 Franken pro Stunde und Person, und 73 Rappen pro Kilometer. Berechnen Sie es für sich selber mit unserer Anleitung.

Schlange stehen an der Parkuhr im Stadtzentrum von Bad Säckingen. Es ist Dienstagvormittag, kurz vor zehn Uhr. Ein älterer Herr – um die 75, gut genährt, Glatze – klaubt umständlich Münz aus dem Portemonnaie. Seine Frau wartet im Auto. Das Pärchen hinter ihm – beide um die 60, sie: gestylt, er: nun ja – wirkt gestresst. Davon lässt sich der ältere Herr nicht beirren. «Sind Sie auch zum Einkaufen hier?», fragt er, steckt Münze um Münze in den Schlitz. «Ja, wir kommen aus Frick.» – «Das ist ganz in der Nähe, oder?» – «Ja.» – «Ich komme aus Sursee.»

Das Paar, so sagt es auf Nachfrage, fährt einmal pro Woche nach Bad Säckingen zum Einkaufen. Meist geht es in einen der Supermärkte, heute ist wieder einmal die Innenstadt angesagt. Der ältere Herr kommt mit seiner Frau fünf- bis sechsmal pro Jahr zum Einkaufen hierher. «Weil mir die Stadt gefällt», begründet er die Ortswahl.

6 Prozent im Ausland eingekauft

Die Einkaufsprofile könnten unterschiedlicher nicht sein: da der Grenzregiönler, dort der Innerschweizer. Da stellt sich die Frage: Wer ist nun der typische Einkaufstourist? Und: Ab welchem Betrag lohnt sich der Einkauf überhaupt?

Eine erste Antwort liefert ein Blick über den Parkplatz. Vertreten sind zwar acht Schweizer Kantone, doch die meisten Schweizer Autos haben Aargauer Kontrollschilder. Diesen Eindruck bestätigt auch der «Retail Outlook 2018» der Credit Suisse. «Rund drei Viertel der gezielten Auslandeinkäufe wurden 2015 durch Einwohner der Grenzregion getätigt.» Sie tätigten dabei 6,2 Prozent all ihrer Einkaufsgänge gezielt im Ausland. Das ist viel.

Jeder Fricktaler gibt somit von 100 Franken, mit denen er einkauft, 6 Franken im Ausland, vorab in Deutschland aus. Im Schweizer Durchschnitt liegt dieser Wert bei 2,3 Prozent. Dabei gilt: Je weiter jemand von der Grenze weg wohnt, desto kleiner ist der Auslandsanteil am Einkaufsbudget. Obwohl einem auf den Parkplätzen vorab die Autos mit BE-, LU-, NW- oder SO-Kontrollschildern auffallen – die Binnenregionen sind nur für neun Prozent der Einkaufsfahrten verantwortlich. Sie erledigen dabei nur 0,9 Prozent ihrer Einkaufsgänge im Ausland.

Durchschnittlicher Hin- und Rückweg: 28 Minuten

Wer im Ausland einkauft, das zeigt die Studie ebenfalls, nimmt zum Teil deutlich längere Distanzen – und damit auch Zeiten – in Kauf. Im Schnitt kaufen Herr und Frau Schweizer 131-mal im Jahr ein und legen dabei 1360 Kilometer zurück; rund die Hälfte davon im Auto.

Ein durchschnittlicher Hin- und Rückweg dauerte in der Schweiz 28 Minuten und war 14 Kilometer lang. «Ein Einkaufsweg über die Grenze und zurück dauerte durchschnittlich 88 Minuten und betrug 69 Kilometer», bilanziert die Studie. Etwa 48 Prozent der Einkäufe fanden dabei ausserhalb der Wohngemeinde, 13 Prozent ausserkantonal statt. Im Fricktal dürfte der Anteil an Einkäufen, die ausserhalb der Wohngemeinde stattfanden, höher liegen; etliche Gemeinden haben gar keinen Dorfladen mehr.

Die Distanz- und Zeitwerte sind zwar für eine Grenzregion, wie sie das Fricktal ist, deutlich zu hoch. Dennoch nehmen auch die Fricktaler deutlich längere Distanzen in Kauf, um ihren Einkauf in Deutschland zu erledigen. Nimmt man das Paar aus Frick und nimmt an, es wohne am Frickberg. Dann legen sie, um im Dorf einzukaufen und wieder heimzufahren, 2,2 Kilometer zurück. Das schaffen sie, schätzt man sie als vorsichtige Autofahrer ein, in acht Minuten. Gehen sie hingegen, wie gestern, nach Bad Säckingen, so beträgt die Distanz hin und zurück 20,4 Kilometer und die reine Fahrzeit rund 30 Minuten.

37 Franken pro Stunde, 73 Rappen pro Kilometer

Die brennendere als die benzinverbrennende Frage ist allerdings: Ab wann lohnt sich der Einkauf überhaupt? Darauf gibt es zwei Antworten: Jene, welche die Distanz und die Zeitkosten ausblendet. Dann lohnt es sich schnell, zumal der typischerweise im Ausland eingekaufte Warenkorb rund 50 Prozent günstiger ist.

Rechnet man aber die Vollkosten, so wie es die CS-Studie tut, kommt man auf ganz andere Werte. Für das Auto setzten die Studienautoren 73 Rappen pro Kilometer ein, für den Zeitfaktor 37 Franken pro Stunde, was dem mittleren Bruttostundenlohn entspricht. Gehen, wie bei den Einkaufstouristen aus Frick und Sursee, zwei Personen einkaufen, so müssen in der Berechnung die Zeitkosten mit der Passagierzahl multipliziert werden, die Distanzkosten jedoch nicht.

Für über 500 Franken einkaufen

Am Beispiel unseres Fricker Paares heisst das: Die Weg- und Zeitkosten für den Einkauf im eigenen Dorf belaufen sich für das Fricktaler Paar auf Fr. 11.50. Ihre Fahrt nach Bad Säckingen schlägt mit Fr. 51.90 zu Buche. Mit anderen Worten: Sie müssen für mindestens Fr. 80.80 einkaufen, damit sich die Fahrt gelohnt hat. Nicht eingerechnet ist dabei allerdings die Rückerstattung der Mehrwertsteuer.

Deutlich stärker muss das Paar aus Sursee den Kofferraum beladen, soll die Fahrt auch in der Vollkostenrechnung ein finanzieller Erfolg sein. Der Einkauf vor Ort dürfte etwa gleich hohe Weg- und Zeitkosten generieren. Für die Fahrt von Sursee nach Bad Säckingen – Distanz hin und zurück: 173,4 Kilometer, Fahrzeit: 116 Minuten – dagegen fallen Weg- und Zeitkosten von Fr. 269.70 an. Die Fahrt lohnt sich damit erst ab einem Einkauf von Fr. 516.40.

Der ältere Herr aus Sursee hat eben die letzte Münze in die Parkuhr gestopft. «Die Rechnung hinkt», findet er. «Für uns ist es gleichzeitig ein Ausflug.» Rechnet man nur den Weg, so muss das Paar für Fr. 249.95 einkaufen, damit sich die Reise gelohnt hat.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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