Herr Schmid, am Wochenende flutet der Schweizerische Studentenverein Rheinfelden – und der Himmel weint. Ein schlechtes Omen?

Benno Schmid: Nein. Das Wetter können wir leider nicht beeinflussen. Das OK hat in den vergangenen drei Jahren viel gearbeitet und nun sind wir grundsätzlich bereit für das Fest. Ich hoffe, dass nichts schiefgehen wird. Aber vielleicht müssten wir Petrus in den Studentenverein aufnehmen, damit er uns Sonnenschein schickt.

Erwartet werden «rund 3000 farbentragende» Damen und Herren. Da geht es sicher bunt zu und her!

Die vielen Farben in der Rheinfelder Altstadt werden sicher ein schönes Bild abgeben. Der Schweizerische Studentenverein hat ja die Farben Rot, Weiss und Grün – wobei das Rot je nach Verbindung in vielen Varianten von Gelb über Pink und Orange bis Violett interpretiert wird.

Was ist für Sie der Höhepunkt?

Den einen Höhepunkt gibt es nicht. Wir haben ein attraktives und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt mit einem unterhaltenden Begrüssungsanlass am Freitagabend, einem hochkarätigen wissenschaftlichen Anlass am Samstagmorgen und einem besinnlichen Festgottesdienst am Sonntag. Und natürlich freue ich mich auch auf den Fackelzug am Samstagabend und den farbigen Umzug sowie die Festrede am Sonntagnachmittag. Zu diesen Anlässen ist natürlich auch die Bevölkerung herzlich eingeladen.

Und das alles geniessen Sie natürlich bei einem kühlen Bier! Haben Sie «Feldschlösschen» gleich leergekauft?

Feldschlösschen unterstützt verdankenswerterweise das Zentralfest. Ich hoffe, dass uns in Rheinfelden nicht das gleiche Schicksal trifft wie beim Zentralfest 1986 in Brig, als am Samstagabend die ganze Stadt leergetrunken war. Immerhin wüssten wir in Rheinfelden ja, wo es Nachschub gibt.

Viele Nicht-Farben-Tragende verbinden mit Studentenverein automatisch: Besäufnis. Stört Sie diese Assoziation?

Das ist ein Vorurteil, das sich leider nicht aus der Welt schaffen lässt. An einem Zentralfest wird schon viel getrunken, pro Kopf liegen wir aber bei einem Bierverbrauch, der in etwa einem Jodlerfest oder einem Turnfest entspricht. Ein Zentralfest ist wie eine grosse Klassenzusammenkunft. Und wenn man alte Freunde trifft, stösst man gerne auf ein Wiedersehen an.

Aber hold muss man dem Gerstensaft schon sein, wenn man in eine Verbindung eintritt?

 Man muss nicht. Gerade in vielen Mittelschulverbindungen sind die jüngsten Mitglieder heute so jung, dass sie noch keinen Alkohol trinken dürfen. Das wird selbstverständlich respektiert.

Sie sind Mitglied der «AV Fryburgia». Weshalb sind Sie ihr beigetreten?

Ich komme aus einer StVer-Familie: Mein Grossvater, mehrere Onkel, mein Bruder, meine Schwestern und mein Schwager sind oder waren im Schweizerischen Studentenverein. Daher kannte ich diese Welt schon von klein an und besuchte mit meinen Eltern das Zentralfest schon, bevor ich selber Mitglied wurde. Später war ich dann in der Mittelschule in einer Verbindung – Brigensis – und trat an der Universität in die Fryburgia ein. Entscheidend waren für mich die Kollegen; wir sind eine rein männliche Verbindung. Ich kenne aber inzwischen so viele Leute aus anderen Verbindungen und ich freue mich, möglichst viele von ihnen in Rheinfelden zu sehen.

Ihr Verbindungsname, also Ihr Vulgo, ist Isaak. Weil Sie stets mit einer Bibel unter dem Arm unterwegs sind?

Eigentlich ist es ein Geheimnis, wie die Vulgi zustande kommen. So viel kann ich aber verraten: Mein Vulgo kommt von Isaak Newton…

Jeder bekommt in der Verbindung ein Vulgo, ein zweites Ich. Sind Sie also eine gespaltene Persönlichkeit?

Diesen Eindruck habe ich nicht, aber vielleicht müssten andere diese Frage beantworten. Die Vulgi gehen häufig auf ein Erlebnis, das man gemeinsam durchgemacht hat, oder auf eine Eigenschaft zurück, die den Namensträger prägt.

Was macht das zweite Namens-Ich für einen Sinn?

Das ist wie in der Pfadi: Die Übernamen gehen auf jene Zeit zurück, als Studentenverbindungen verboten waren. Hinter den Vulgi konnten sich die Mitglieder verstecken und liefen so weniger Gefahr, aufzufliegen.

Studentenverbindungen gelten als Sprungbrett für gute Jobs. Funktioniert dieses Vitamin B heute noch?

Eine Studentenverbindung hat nicht mehr Vitamin B als ein anderer Verein. Sie ist aber eine sehr gute Gelegenheit, um jung zu üben, was man später brauchen kann. So haben wir beispielsweise in unseren Verbindungszusammenkünften geübt, zu argumentieren, vor anderen Leuten aufzutreten oder Anlässe zu organisieren. Dies kommt einem später im Berufsleben zugute. Und natürlich entstehen Freundschaften, die übers Studium hinaus Bestand haben.

Das OK hat nun drei Jahre am Studentenfest gearbeitet. Was war für Sie die eindrücklichste Erfahrung?

Es war schön zu sehen, wie aus einer Idee ein Fest entsteht. Dankbar sind wir vom OK der Stadt Rheinfelden und allen Sponsoren, die uns mit Rat und Tat und natürlich auch mit Geld grosszügig unterstützen. Ohne dies wäre ein Zentralfest in Rheinfelden nicht möglich.

Was war die grösste Herausforderung?

Eine organisatorische Herausforderung war sicher der Cortège, der von Deutschland in die Schweiz führt. Damit haben wir ein Novum, denn erstmals in der über 175-jährigen Geschichte des Schweizerischen Studentenvereins findet ein Teil des Zentralfests im Ausland statt. Der Grenzübertritt mit Pferden und Rapieren, studentische Säbel also, hat uns schon vor die eine oder andere Frage gestellt, die es zu lösen galt, auch wenn wir nur ein paar Meter auf die deutsche Rheinseite gehen.

Ein Höhepunkt ist der Cortège am Sonntag. Sind die Stimmbänder geölt?

Wir haben auf dem Camus Zaeringiensis – dem Zähringerplatz – ein Cantuszelt, wo unter Klavierbegleitung gesungen wird. Ich hoffe, dass dieses rege besucht wird, sodass am Sonntag die Lieder sitzen sollten.

Ein Teil des Couleurs sind die Mützen. Ihr Tipp: Wie viele herrenlose Mützen liegen am Sonntagabend nach Festende in den Gassen herum?

Ich frage mich viel mehr: Wie viele Mützen werden in den Rhein fliegen?