Körperverletzung

Aargauer Rentner-Duell in der Tiefgarage endet vor Gericht: «Nun gibt es zwei Verlierer»

Beim Bezirksgericht Rheinfelden gibt es nun zwei Verlierer.

Beim Bezirksgericht Rheinfelden gibt es nun zwei Verlierer.

Wegen fahrlässiger Körperverletzung sahen sich zwei ältere Herren vor dem Bezirksgericht Rheinfelden wieder. Dabei waren sie einst gute Bekannte gewesen.

Am Bezirksgericht Rheinfelden fand am Donnerstag eine Verhandlung wegen fahrlässiger Körperverletzung statt. «Erfahrungsgemäss löst ein Strafverfahren das Problem zwischen zwei Parteien oder Personen nicht», betonte Gerichtspräsidentin Regula ­Lützelschwab im Voraus.

Im vorliegenden Zwist sind zwei ältere Herren, Stockwerkeigentümer im selben Mehrfamilienhaus, nach mehrjährigem Disput in der Tiefgarage aneinandergeraten. Einer der beiden bezog zum Ausführen eines Hobbys Strom von der Allgemeinheit. Der andere erstellte Fotos von der Situation, was den Beschuldigten störte. In der Folge kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung. Dabei nahm der Beschuldigte einen Reisbesen in die Hände und es erfolgte ein Gerangel.

«Früher waren es gute Bekannte», sagte die Anwältin des Angeklagten. Als Nachbarschaftshilfe habe man sich gegenseitig von Ort zu Ort gefahren. Heute wolle der Kläger ihren Mandanten «vertreiben».

Missetat mit Fotos «in flagranti» beweisen

«Ein Wust von Befindlichkeiten hat das Zusammenleben der Personen erschwert», schilderte Regula Lützelschwab. Um den beiden die Chance zu einer offiziellen Einigung zu ermöglichen, schlug sie ein Vergleichsgespräch vor. Sie fragte den

Kläger, wie er sich eine gemeinsame Zukunft als Stockwerkeigentümer im selben Haus vorstelle. Dieser ging nicht darauf ein und bezeichnete den Beschuldigten als Streithahn, sich selber als ruhigen Bürger. Den Bohrlärm seines Nachbarn müsse er schon lange erdulden. Mit Fotos «in flagranti» habe er dessen Missetat beweisen wollen.

«Ich werde permanent beobachtet und als Wichser bezeichnet», konterte der Angeklagte. Sobald er vom Mittagessen nach Hause komme, stehe sein Nachbar auf der Terrasse und mache Gesten der Selbstbefriedigung.

«Gewaltvergehen aus niederen Beweggründen»

Sämtliche Vergleichsbemühungen scheiterten. Nach der Befragung des Zeugen, des Hauswarts im Wohnhaus der beiden Disputierenden und nicht darauf aus, Partei zu ergreifen, folgten die Plädoyers der Anwälte und schliesslich das Urteil.

Der Anwalt des Klägers betonte, dass nicht nur aus der Sicht der Staatsanwaltschaft, sondern auch durch die Aussagen vor Gericht Grund für eine Klage gegeben sei. Er nannte den Griff des Beschuldigten zum Besen ein «Gewaltvergehen aus niederen Beweggründen».

Anstatt zur Verwaltung zu gehen, zöge der Kläger Selbstjustiz vor, verteidigte die Anwältin den Angeklagten. «Am Anfang wollten wir wieder miteinander reden», resümierte dieser schliesslich. «Nun gibt es zwei Verlierer. Wie wollen wir in den nächsten 20 Jahren zusammen leben?»

Hiebschläge sind nicht bewiesen

Nach längerer Beratung beschloss das Gericht, den Beschuldigten freizusprechen. «Es ist ein Paradebeispiel dafür, dass wir im Strafrecht nicht immer die geeigneten Mittel für die Lösung eines Falles finden. Eine Umschreibung eines Gerangels reicht nicht für eine Verletzung der Sorgfaltspflicht», sagte Regula Lützelschwab. Die Tatwaffe, sprich den Besen, hätten beide gehalten.

Im Gegensatz zum verbalen Disput seien Hiebschläge nicht bewiesen. Die Faktoren der Glaubwürdigkeit liessen sich nicht feststellen. Die Verfahrenskosten gingen zu Lasten der Staatskasse und die Forderung des Anklägers werde auf den Zivilweg verwiesen.

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