Frick

Aargauer Auswanderer in Australien: «Was diese Menschen leisten, ist unglaublich»

Raphael Schmid lebt in Australien. Der Fricker über die Buschbrände, die unermüdlichen Helfer und weshalb ein Feuerwerk für Zoff sorgte.

Das Foto ging um die Welt: Ein Känguru hängt an einem Zaun. Leblos. Verbrannt. Es wurde Opfer der verheerenden Buschbrände, die seit Wochen in Australien wüten. Das Känguru ist eines von mehreren hundert Millionen Tiere, die in den Flammen umgekommen sind.

26 Menschenleben haben die Brände bereits gefordert, darunter mehrere Feuerwehrleute. Mehr als 2000 Häuser sind zerstört. Über 84000 Quadratkilometer Land sind verbrannt. Das ist zweimal die Schweiz.

Besonders hart trifft es den Bundesstaat New South Wales mit der Millionenmetropole Sydney. Hier lebt seit August 2015 Raphael Schmid aus Frick. Er arbeitet für eine der grössten Anwaltskanzleien Australiens.

Manche Kollegen kämpfen um ihre Häuser

Es herrsche Betroffenheit im ganzen Land, erzählt er. Die Stimmung hänge dabei stark davon ab, wo man sich befinde, und ob man direkt betroffen sei oder nicht, ob man Freunde und Familie habe, die in den Krisengebieten leben oder ob man das Ganze aus eher sicherer Distanz mitverfolge.

Denn: «Australien ist flächenmässig ein riesiges Land und nicht alle sind gleichermassen betroffen», sagt Schmid. «Es ist unmöglich, eine allgemeine Aussage für Australien oder auch nur einzelne Gebiete zu machen.»

Schmid selber hat Arbeitskollegen und Freunde, die derzeit nicht zur Arbeit erscheinen können oder von zu Hause aus arbeiten, weil sie um ihre Häuser kämpfen und jederzeit damit rechnen müssen, dass ihnen das Feuer alles zerstört.

«Geld alleine löst die Sorgen nicht»

«Andere wiederum haben Verwandte bei sich aufgenommen, die ihre Häuser bereits verloren haben oder ihr Wohngebiet zwischenzeitlich verlassen mussten», weiss Schmid. Abgesehen von den materiellen Verlusten bräuchten viele Menschen auch psychologische Unterstützung.

Die Hilfsbereitschaft erlebt Schmid als «überwältigend». Amerika und Kanada haben Feuerwehrleute und Equipment nach Australien geschickt, die australische Regierung hat zwei Milliarden Dollar für den Wiederaufbau gesprochen und zahlreiche Firmen, Hilfsorganisationen und Privatpersonen haben Geld, Nahrungsmittel und Kleider gespendet.

«Geld alleine löst die Sorgen der Betroffenen allerdings nicht oder nur kurz- respektive mittelfristig», sagt Schmid. Je nach Region werde es viel Zeit und Geduld brauchen, bis Häuser und die Infrastruktur wieder aufgebaut seien.

Einsatzkräfte werden als Helden gefeiert

Zudem haben zahlreiche Betroffene nicht nur ihr Eigentum, sondern auch ihre wirtschaftliche Existenz verloren. «Diese Leute brauchen neue Jobs, müssen je nach Situation ihr vertrautes Umfeld mit der Familie verlassen und in eine andere Region ziehen und sich auch beruflich neu orientieren.» Das sei psychologisch sehr belastend.

An die Grenzen stossen aber auch die Einsatzkräfte. «Wie unzählige Fotos und Videos zeigen, gehen die Brandbekämpfenden ein hohes persönliches Risiko ein», sagt Schmid. Sie würden deshalb von der Bevölkerung durchaus als Helden gesehen. «Was diese Menschen leisten, ist unglaublich und verdient grössten Respekt.»

Den Respekt – oder vielleicht besser: das Vertrauen verloren haben viele dagegen gegenüber der Regierung. Unter Beschuss kam in den letzten Tagen vor allem der australische Premierminister, der in dieser schwierigen Zeit mit seiner Familie einen Kurzurlaub auf Hawaii gemacht hat. «Dies wurde von der Bevölkerung nicht goutiert», sagt Schmid.

Als er nach seiner Rückkehr Besuche in den betroffenen Gebieten gemacht hat, verweigerten ihm Feuerwehrleute und Betroffene den Handschlag oder beschimpften ihn sogar. «Es wird ihm und der Regierung Führungsschwäche vorgeworfen und dass man die Situation und den Ernst der Lage zulange unterschätzt habe», so Schmid.

Eine heftige Kontroverse entstand auch um das grosse ­Silvester-Feuerwerk in Sydney. Eine Onlinepetition hatte gefordert, es angesichts der Buschbrände abzusagen. Mehr als 270000 Personen hatten die Petition unterschrieben – das Feuerwerk fand trotzdem statt.

Wunsch nach mässigem, aber regelmässigem Regen

Man könne mit guten Gründen gegenteiliger Meinung sein, sagt Schmid. «Aus der Sicht des Umweltschutzes und der Pietät gegenüber den Betroffenen hätte man das Feuerwerk absagen müssen.»

Als weltbekanntes Markenzeichen von Sydney sei es aber gleichzeitig sehr wichtig für den Tourismus und die Wirtschaft. «Eine Absage dieses Spektakels wäre für die Gastronomie, aber auch für zahlreiche Eventveranstalter nur sehr schwer zu verkraften gewesen.»

Ein ganz anderes Feuerwerk, wenn man so will, ein Feuerwerk des Regens wünschen sich die Menschen in den betroffenen Brandgebieten derzeit am sehnlichsten. «Mässige, aber regelmässige Regenschauer, kältere Temperaturen und günstige Windverhältnisse würden den Einsatzkräften massiv helfen», sagt Schmid.

Etwas kühler ist es derzeit im Südosten Australiens und auch etwas Regen war zuletzt dabei. Allerdings zu wenig, um eine wirkliche Entspannung der Lage herbeizuführen.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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