Ein deutscher Rentner fährt mit seinem Kleinwagen nach Mitternacht auf der Autobahn A3 in Richtung Zürich. Nicht ungewöhnlich, möchte man meinen. Unglücklicherweise hat der 77-Jährige bei der Autobahnausfahrt Rheinfelden-West die falsche Spur erwischt und ist auf der A3 als Geisterfahrer unterwegs.

Zwar hat der Rentner bei seiner nächtlichen Irrfahrt Glück – weder Blech- noch Personenschäden entstehen –, dennoch folgt ein juristisches Nachspiel. Vor dem Bezirksgericht Rheinfelden muss er sich wegen Falschfahrens, Wenden auf der Autobahn und der Nichtbeachtung der Polizei verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Geldstrafe von 3000 Franken.

Doch anwesend ist der Beschuldigte nicht – ein ärztliches Attest bescheinigt ihm mangelnde Geschäftsfähigkeit. «Das Verfahren ist deswegen zu sistieren», fordert sein Verteidiger. Die Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab sieht es anderes. Sie eröffnet die Zeugenbefragung, weil auch geklärt werden soll, ob bei dem Geisterfahrer eine verminderte Schuldfähigkeit vorliegt.

«Ich sass in der Kabine am Grenzübergang und habe gesehen, wie zwei Lichter von der falschen Seite auf mich zugekommen sind. Ich dachte: ‹Das kann nicht sein›», schildert ein Grenzwächter, der in besagter Nacht im Dienst war. Daraufhin eilt er aus dem Zollhaus. Er und sein Kollege versuchen, mit Gesten und Zurufen die Auffahrt des Rentners in falscher Richtung auf die A3 zu verhindern – vergeblich.

Eine brenzlige Situation entsteht

Die Grenzwächter nehmen die Verfolgung auf, fahren mit Blaulicht und Sirene auf der Höhe des Geisterfahrers nebenher – jedoch auf der richtigen Fahrbahn. Zwischen beiden Fahrzeugen liegen nur wenige Meter und die Mittelleitplanke. Zusätzlich weist ihn der Grenzwächter mit einer Stablampe an, auf den Pannenstreifen zu fahren – vergeblich. «Er hat einfach nicht reagiert und nur stur nach vorne geschaut», sagt der Grenzwächter. Dann wird es prekär: Ein Lastwagen kommt dem Geisterfahrer entgegen. «Wir haben dem Lastwagenfahrer mit der Lichthupe aufgeblendet», erzählt der Grenzwächter. Dieser reagiert, weicht aus und verhindert die Frontalkollision.

Dies schreckt nun auch den Geisterfahrer auf. Er wendet auf der Autobahn und fährt in die korrekte Richtung weiter. Nun versucht ihn eine Patrouille der Kantonspolizei, mittels Matrix «Stop Polizei» aus dem Verkehr zu ziehen – vergeblich. Erst als er zum zweiten Mal den Autobahnzoll passieren will, kann seine Irrfahrt beendet werden. «In der Vernehmung hat der Geisterfahrer einen äusserst verwirrten Eindruck gemacht», schildert der Polizist.

Zu einem Urteil kommt es am Prozesstag nicht. Drei Monate vergehen. Dann steht das Urteil fest: Es gibt kein Urteil. Das Verfahren wird wegen «dauernder Verhandlungsunfähigkeit» des Angeklagten eingestellt, und: Die Kosten des Verfahrens und des Angeklagten trägt grossmehrheitlich der Staat.