Jehle AG
70 Jahre Jehle AG: Aus dem Keller nach Europa

Michael, Raphael und Ulrich Jehle über die 70-jährige Geschichte der Jehle AG – und die Zukunft am Standort Etzgen.

Nadine Böni
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Die Jehle AG feiert Jubiläum. Die Geschäftsführung liegt mittlerweile bei Michael (l.) und Raphael (Mitte), Vater Ulrich (r.) ist Verwaltungsratspräsident.

Die Jehle AG feiert Jubiläum. Die Geschäftsführung liegt mittlerweile bei Michael (l.) und Raphael (Mitte), Vater Ulrich (r.) ist Verwaltungsratspräsident.

Nadine Böni

Ulrich Jehle kann sich noch genau erinnern: Der Vater, Josef Jehle, hatte in der Stube des Wohnhauses der Familie in Etzgen einen Schreibtisch aufgestellt, darauf ein schwarzes Telefon. «Wenn er telefonierte, mussten meine beiden Schwestern und ich immer ruhig sein», erzählt Ulrich Jehle und lacht. Das Telefon war mit der Anfang der heutigen Jehle AG.

Josef Jehle hatte 1947 ein Unternehmen zur Herstellung von Stanzwerkzeugen und Metallwaren gegründet (siehe Kontext). Für das Schwungrad der ersten Presse musste extra die Kellerdecke im Einfamilienhaus abgeschliffen werden. Es hätte sonst keinen Platz gehabt. Jehle stellte zu Beginn Türschlösser her. Ulrich erinnert sich, wie er mit seiner Mutter in der Waschküche sass und die fertigen Schlösser in braunes Papier verpackte. «Das waren andere Zeiten. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen», sagt der 69-Jährige.

70 Jahre Jehle AG: Das sind die Meilensteine

1947: Josef Jehle gründet ein Unternehmen zur Herstellung von Stanzwerkzeugen und Metallwaren. Schon Ende Jahr beschäftigt er neun Angestellte. Auch einen Lehrling bildet Jehle aus.

1962: Aus der Einzelfirma wird eine Aktiengesellschaft. Monate später beweist Josef Jehle mit seiner Personalfürsorge-Stiftung soziales Engagement, was in dieser Zeit noch keine Selbstverständlichkeit ist.

1963: Der Bau des ersten grossen Fabrikgebäudes mit 900 Quadratmetern Fläche. Die Jehle AG beschäftigt mittlerweile 20 Mitarbeitende.

1972: Mit Ulrich Jehle tritt die zweite Generation ins Unternehmen ein. Er hat Werkzeugmacher – heute Polymechaniker – gelernt und arbeitet anfangs sowohl in der Produktion als auch in der Administration.

1981: Nach dem Tod von Vater Josef Jehle übernimmt Ulrich Jehle die Geschäftsführung. Wenige Monate später wird eine neue Fabrikations- und Lagerhalle fertiggestellt.

1992: Die Jehle AG hat ihre Produktionsstätte stetig ausgebaut. Mit einer zusätzlichen Produktionsfläche von knapp 8000 Quadratmetern sowie 4000 Quadratmetern Lagerfläche verteilt auf drei Etagen folgt nun der bisher grösste Ausbau.

1996: Das Unternehmen erlangt das Umwelt-Management-System-Zertifikat ISO 14001. Auch mit anderen Qualitäts- Zertifikaten, etwa dem ISO 9001, wird die Jehle AG ausgezeichnet.

1997: Nach der Übernahme einer Aargauer Metallwarenfabrik zählt die Jehle AG beim 50-Jahre-Jubiläum rund 100 Mitarbeitende. Weitere Firmenübernahmen folgen.

2012: Die Jehle AG erhält den Aargauer Unternehmerpreis. Mit Ulrich Jehles Söhnen Michael und Raphael tritt die dritte Generation in die Geschäftsführung ein. 2013 folgt die operative Übernahme. (nbo)

Die dritte Generation

Heute ist die Jehle AG ein Unternehmen mit rund 170 Mitarbeitern; spezialisiert unter anderem auf Werkzeug- und Formenbau sowie Stanz- und Umformtechnik. In den riesigen Produktionshallen arbeiten tonnenschwere Maschinen. Das Unternehmen ist in der Branche einer der grössten Zulieferbetriebe der Schweiz. Mit den Söhnen Michael (40) und Raphael (43) hat inzwischen die dritte Generation Jehle die Geschäftsführung übernommen. Michael ist Marketing-Leiter, Raphael Geschäftsführer. Ulrich Jehle amtet als Verwaltungsrats-Präsident.

Das Unternehmen, das einst im Keller eines Wohnhauses gegründet wurde, ist längst in Europa angekommen. «Wir sind als Unternehmen in der Schweiz beheimatet, aber das wirtschaftliche Umfeld ist Europa», sagt Geschäftsführer Raphael Jehle. Das bringt einerseits Vorteile. So schätzen Jehles etwa die politisch stabile Situation in der Schweiz und den wirtschaftsfreundlichen Umgang im Kanton.

Allerdings hat der Umstand dem Unternehmen in den letzten Monaten auch grosse Herausforderungen beschert, Stichwort: Frankenstärke. Der Exportanteil der Jehle AG beträgt rund 50 Prozent; zudem sind viele Schweizer Kunden des Unternehmens selber Zulieferer europäischer Firmen. «Die Thematik beschäftigt uns nach wie vor stark», sagt Michael Jehle und fügt an: «Der Frankenschock ist geschluckt, aber noch nicht verdaut.» Die Auftragslage sei derzeit aber gut, die Mitarbeitenden müssten teilweise sogar Überstunden leisten, sagt Raphael Jehle.

Konkurrenz aus China

Überhaupt scheint das Jammern nicht das Ding der Jehles zu sein. Die Frankenstärke ist nicht die einzige Herausforderung, die das Geschäftsfeld der Jehle AG mit sich bringt. «Wir sind mit dem Weltmarkt konfrontiert», sagt Ulrich Jehle und meint damit auch die Konkurrenz aus Osteuropa oder Asien. Aus Ländern, die für ihre tiefen Löhne bekannt sind. «Wir haben schlicht andere Faktorenpreise als beispielsweise chinesische Unternehmen», sagt Raphael Jehle ohne eine Spur Hadern.

Die Jehle AG begegnet den Herausforderungen stattdessen mit einer Vorwärtsstrategie. Sie bildet mehrere Lehrlinge aus, hat dadurch qualifiziertes Personal. Sie beschäftigt sich in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz mit der Automatisierung der Arbeitsprozesse. Sie übernimmt kleinere Firmen, wie jüngst die ebenfalls im Formbau tätige Plüss AG aus Rheinfelden. Und sie investiert in den Standort Etzgen.

Neues Produktionsgebäude geplant

Derzeit läuft ein Baugesuch für ein neues Produktionsgebäude. Das Projekt hat den Titel WFB 3.9. «WFB» für Werkzeug- und Formenbau, «3.9» in Anlehnung an die viel zitierte Digitalisierung. «Wir sind noch nicht ganz 4.0, wollen aber bereit sein dafür», sagt Raphael Jehle. In rund einem Jahr soll das neue Gebäude stehen und zudem mehrere neue Maschinen angeschafft werden. Es sind Investitionen in Millionenhöhe. «Ziel ist es, eines der leistungsfähigsten Werkzeugbau-Unternehmen der Schweiz zu werden», sagt Raphael Jehle, und: «Das ist ein klares Statement für den Standort.» Das Familienunternehmen wird den Ort, an dem einst alles im Keller eines Wohnhauses begann, nicht verlassen.