Im Containerdorf hinter der Baustelle auf dem Novartis-Gelände in Stein geniessen ein paar Bauarbeiter ihre Pause, scherzen untereinander und beäugen die Autorin dieser Zeilen, deren Schritte in den Stahlkappenschuhen auf die Profis etwas tapsig wirken müssen. Auf der Baustelle gelten strenge Kleidervorschriften: eine orange leuchtende Sicherheitsweste, Helm und eben verstärkte Schuhe. Rund um die Baustelle wurden knapp 100 Container aufgebaut, rote und silberne.

In den 35 roten Containern sitzen die Bauingenieure und Bauherren an ihren Schreibtischen, die 60 silbernen dienen als Umkleidekabinen und Materiallager. Das Containerdorf beherbergt momentan 280 Leute, Tendenz steigend. In der Hochphase des Baus werden hier 500 Leute arbeiten. Und wie in einem richtigen Dorf gibt es hier auch einen Ort zum Kaffeetrinken, öffentliche Toiletten und ein Informationsbüro. Hier holen Pablo de Matos, Leiter des Werks für feste Formen, az-Fotograf Mario Heller, Urs Meile, Projektleiter des Neubaus, und ich unsere Baustellenausweise ab.

Mehr Platz, gleich viel Personal

Beeindruckende 17 500 Quadratmeter beträgt die Baufläche des neuen Gebäudes, insgesamt verfügt es über 62 000 Quadratmeter Gebäudefläche. Laut Urs Meile unter anderem gut 900 Kilometer Elektrokabel, 40 Kilometer Lüftungsschächte, 100 Kilometer Rohrleitungen, sowie 25 000 Quadratmeter Reinraumwände und Decken verbaut. 500 Millionen Franken kostet der Neubau. Das Matrix-Gebäude besteht aus fünf Stockwerken, jeweils abwechslungsweise einem für die Produktion – und einem für die dazugehörende Infrastruktur mit angegliedertem Administrationstrakt, dort befinden sich die Büros und Umkleideräume. Der Neubau soll den zukünftigen technischen Anforderungen an die Pharma-Produktion, vor allem von Inhalationsprodukten und Tabletten, gerecht werden.

Neues Personal wird voraussichtlich nicht eingestellt, ein grösseres Gebäude bedeutet laut Pablo de Matos nicht unbedingt, dass mehr Leute nötig sind. Der Grund für den Neubau liegt auch bei den erneuerten Produktionsmethoden der Pharmaindustrie. Denn die brauchen vor allem eins: mehr Platz. Dafür stehen 38 sogenannte Prozessmodule auf dem Bauplan. Das sind Produktionszellen mit eigenen Ein- und Ausgängen und Schleusengürteln zu den Reinheitszonen mit dazugehörenden Lüftungsanlagen. Eine solche Produktionszelle beansprucht ungefähr 80 Quadratmeter. Das Material wird durch einen unterirdischen Gang in das Gebäude gebracht, vom Lager nebenan auf dem grossen Novartis-Gelände. «Es wird immer nur so viel Material angeliefert, wie gerade benötigt wird», erklärt Meile und schiebt sich den weissen Helm zurecht. «Das ist hier schliesslich kein Lagergebäude.»

Abgepackt werden die fertigen Medikamente schlussendlich auf Verpackungsanlagen sowie Robotern zur Kommissionierung der Versandboxen auf Paletten, bevor sie im Lagergebäude untergebracht werden. In der Schweiz bleibt davon nicht viel: 99 Prozent der in Stein produzierten Ware wird ins Ausland exportiert, in über 150 Länder. Damit leistet der Standort Stein einen wichtigen Betrag zum Erfolg von Novartis und zur Versorgung der Patienten.

Kürzere Produktionswege

Aktuell werden bereits einzelne Laborelemente eingebaut, eine Produktionszelle hat bereits eine Anlage, um die Arbeitsutensilien nach den Fertigungsprozessen zu reinigen. Sie sieht aus wie eine übergrosse Waschmaschine und sorgt dafür, dass die Arbeitsutensilien in der erforderlichen gereinigten Form für den nächsten Produktionsschritt zur Verfügung stehen. Mit raschem Schritt führt Meile vom Erdgeschoss hinauf in den zweiten Stock, es sähe auf jedem Stockwerk wieder ungefähr gleich aus, erzählt er. Auffallend hell ist es in den Räumen, das ist laut Meile auch das Ziel für den Neubau: Glastrennwände wird es geben, die grossen Fenster sind bereits da.

Aber nicht nur viel Licht soll zu einer besseren Zusammenarbeit unter den einzelnen Abteilungen und so zu einer schnelleren Abwicklung der Arbeitsprozesse führen: Die Infrastruktur des neuen Gebäudes ist teilweise redundant aufgebaut, um Betriebsunterbrüchen vorzubeugen, etwa im Rahmen der Instandhaltung. Messinstrumente, etwa für den Wirkstoffgehalt eines Medikaments, sind beispielsweise direkt in den Produktionsanlagen integriert, das bedeutet wiederum weniger Analysenaufwand im Labor zur Freigabe der hergestellten Produkte. Werksleiter de Matos rechnet damit, dass der 2017 geplante Start der Produktion eingehalten werden kann. Ende 2016 soll der Neubau dann komplett fertiggestellt sein – und das Containerdorf wieder abgebaut. Das bisherige, rund 55 Jahre alte Fabrikgebäude der Novartis wird Ende 2018 dann teilweise stillgelegt.