Fricktal

«5 Jahre habe ich nach einem Hausarzt gesucht»

Beat Rickenbachers Suche nach einem Hausarzt für seine Gruppenpraxis dauerte fünf Jahre. Foto: HUG

Beat Rickenbachers Suche nach einem Hausarzt für seine Gruppenpraxis dauerte fünf Jahre. Foto: HUG

Auch im Fricktal ist der Ärztemangel akut – ein Allheilmittel gibt es nicht, mögliche Lösungen aber schon. Als Modell für die Zukunft sieht Beat Rickenbacher, Präsident des Hausarztvereins Fricktal die Gruppenpraxis, wie er sie selber führt.

Die Zahl der Hausärzte in der Schweiz nimmt so schnell und so drastisch ab, dass Ärzte zu Demonstranten werden und in weissen Kitteln vor dem Bundeshaus Banner schwenken. Dr. Beat Rickbacher aus Rheinfelden ist einer von ihnen. «Wenn es geht, bin ich an den Demos dabei», sagt Rickenbacher. Am 31. März musste er jedoch passen, als die Schweizer Hausärzte auf dem Bundesplatz einen roten Bus parkten, um ihre Öffentlichkeitskampagne zu starten. «An diesem Tag hatte ich leider Notfalldienst», so Rickenbacher.

Beat Rickenbacher ist Präsident des Hausarztvereins Fricktal und führt eine Gruppenpraxis in Rheinfelden. In der Gruppenpraxis dabei sind Rickenbachers Vater und Ehefrau, ebenfalls Hausärzte. Zudem ein Assistenzarzt. Um die Arbeit bewältigen zu können, brauchte die Praxis noch eine fünfte Person. «Ich setzte alle Hebel in Bewegung», sagt Rickenbacher. Er suchte nach Bewerbern in der Schweiz und in Deutschland und investierte in einen Headhunter: «Fünf Jahre habe ich gesucht.» Die Stelle wurde schliesslich durch Zufall besetzt: Über Umwege hörte Rickenbacher von einer ehemaligen Studienkollegin, die als Hausärztin arbeiten wollte.

Bis 2021 werden 4700 Ärzte fehlen

Die Prognose sieht düster aus: Hält der gegenwärtige Trend an, werden in den nächsten fünf Jahren die Hälfte der heute praktizierenden Hausärzte in Pension gehen, ohne dass sie einen Nachfolger gefunden haben. In zehn Jahren wird nur noch ein Viertel der Hausärzte arbeiten. Anders ausgedrückt: Bis zum Jahr 2016 werden 3200 Ärzte fehlen, im Jahr 2021 werden es 4700 sein. So die Zahlen für die Schweiz.

Rickenbacher untersuchte vor zwei Jahren die Situation im Fricktal: «Bei der Umfrage kam heraus, dass unsere Hausärzte im Schnitt noch zehn Jahre arbeiten. Es gibt also sehr viele Ältere, aber zu wenig Junge.» In Rheinfelden sehe es in Bezug auf junge Ärzte zwar nicht schlecht aus, so Rickenbacher, aber in Möhlin, Wallbach und Zeiningen werde es in den nächsten Jahren ein Problem geben. «Dort müssen wir neue Ärzte finden.»

Rickenbacher kennt die Gründe: «Solange die Spezialisten weniger arbeiten müssen und dabei mehr verdienen, wird es immer weniger Hausärzte geben.» Damit bringt Rickenbacher zwei Probleme auf den Punkt: Hausärzte haben hohe Präsenzzeiten, was unter anderem mit dem Notfalldienst zusammenhängt, den sie regelmässig leisten müssen. Hinzu kommt der Tarmed-Tarif, der von den Hausärzten als ungerecht wahrgenommen wird. Der Tarmed-Tarif legt fest, wie viel ein Arzt für einen Behandlungsschritt verrechnen kann. Ein Augenspezialist verdient beispielsweise mit einer 30-minütigen Linsenoperation das Vielfache eines Hausarztes, der dieselbe Zeit für die Behandlung eines hohen Blutdruckes aufwendet.

Aus diesen Gründen parkten Rickenbachers Kollegen Ende März ihren roten Bus auf dem Bundesplatz. Sie plädieren dafür dass ihre Arbeitsbedingungen verbessert werden, damit ihr Beruf wieder attraktiver wird und mehr junge Ärzte sich für die Hausarztmedizin entscheiden. Wirtschaftlich gesehen sei die Hausarztmedizin günstige Medizin, so Rickenbacher: Wer mit Bauchschmerzen zum Hausarzt gehe, verursache für die Krankenkasse viel weniger Kosten, als wenn er ins Spital geht. «Geht aber jemand mit geringen Beschwerden ins Spital, wird oft als Erstes eine Blutentnahme und ein Röntgenbild gemacht. Und das geht ins Geld.»

Die Zukunft ist die Gruppenpraxis

Ein weiterer Grund, der junge Ärzte von einer eigenen Praxis abschreckt, ist das Risiko. Eine Praxis müsse man kaufen, es sei ein Unternehmen, das man führen müsse. «So was lernen wir nicht im Studium, es gibt keine einzige Vorlesung darüber, wie ich eine Praxis rentabel führe», sagt Rickenbacher. Für viele Ärzte sei es also attraktiver, in einer Festanstellung zu arbeiten, jeden Monat einen fixen Lohn und dann auch Lohnerhöhungen zu bekommen.

Als Modell für die Zukunft sieht Rickenbacher deshalb die Gruppenpraxis, wie er sie selber führt. «Das ist gefragt», so Rickenbacher. Die Gruppenpraxis löse einige Probleme auf einmal: Miete, Löhne und Investitionen können die Ärzte unter sich aufteilen.

Die Gruppenpraxis beschneide auch das grosse Plus des Hausarztes nicht: «Ich bin mein eigener Chef, ich kann sagen, wie es läuft. Als Hausarzt habe ich Freiheiten, die ich als Spezialist nicht hätte.» Er behandle ein breites Spektrum an Krankheiten und jeder Patient sei so eine neue Herausforderung. «Für mich ist dies noch immer der befriedigendste Job, den es gibt.» Dafür wird Rickenbacher auch nächstes Mal wieder nach Bern reisen und auf dem Bundesplatz ein Banner schwenken.

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