Protest

40 Jahre seit Kaiseraugst: Tausende demonstrierten 1975 gegen neues AKW

Peter Scholer, Gründer der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst, erinnert sich noch heute: «Wir erinnerten uns an Gandhis Beispiel und beschlossen, den Bauplatz des Atomkraftwerks zu besetzen.»

Mehr als 15000 Menschen versammelten sich am 6. April 1975 zu einer Demonstration auf dem Bauplatz des Atomkrafwerks Kaiseraugst – schon eine Woche vorher besetzten Aktivisten das Areal.

Peter Scholer, Gründer der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst, erinnert sich noch heute: «Wir erinnerten uns an Gandhis Beispiel und beschlossen, den Bauplatz des Atomkraftwerks zu besetzen.»

In der Woche nach Ostern 1975 blockierten Demonstranten die Baustelle des AKW Kaiseraugst. Damals hatte Protestführer Peter Scholer nicht an einen Erfolg der AKW-Gegner geglaubt, heute ist er überzeugt, dass ein neues AKW keine Chance hätte.

Es war kalt und regnerisch am Osterdienstag vor 40 Jahren. Kein gutes Wetter für eine Demonstration. Dennoch versammelten sich rund 300 Personen auf dem Bauplatz des Atomkraftwerks Kaiseraugst. «Dass so viele kamen, war für mich eine freudige Überraschung», sagt Peter Scholer, damals 28-jährig und Gründer der «Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst». Diese war im Dezember 1973 von Jungsozialisten, Friedensaktivisten und Umweltschützern gegründet worden.

«Damals war die Stimmung unter den Atomgegnern eher negativ», sagt Scholer. Soeben hatte das Bundesgericht eine Beschwerde aus Kaiseraugst abgelehnt – damit war klar: Die lokale Bevölkerung würde nicht über die Bewilligung für ein AKW in ihrer Gemeinde entscheiden können. «Unter den Kritikern herrschte nach dem Urteil eine gewisse Resignation, die politischen und rechtlichen Mittel gegen das Atomkraftwerk schienen ausgeschöpft», erinnert sich Scholer.

Ein Mitglied der «Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst» filmte den Alltag im Protestlager – erst 37 Jahre später wurden die Bilder veröffentlicht. Ausschnitte aus dem Film «Kaiseraugst besetzt» von Heinz Frey, Münchenstein:

Quelle: Youtube/Geschichte Baselland

Bauplatz-Besetzung AKW Kaiseraugst

Nach dem Abzug der Demonstranten im Frühling 1975 dauert es noch 22 Jahre, bis das Projekt definitiv beerdigt wird. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 wird klar: Die Pläne für das AKW Kaiseraugst lassen sich nicht realisieren. Drei Jahre später gibt es unter Mitwirkung des SVP-Nationalrats Christoph Blocher eine Einigung: Der Bund zahlt den beteiligten Stromfirmen – die gut 1,3 Milliarden in Kaiseraugst investierten – 350 Millionen Franken, diese verzichten auf den Bau von Kaiseraugst.

Besetzung als letztes Mittel

Aufgeben kam für den jungen Mann aber nicht infrage. «Wir erinnerten uns an Gandhis Beispiel vom gewaltfreien Widerstand und beschlossen, den Bauplatz des Atomkraftwerks zu besetzen.» Am 24. März begann die Kernkraftwerk Kaiseraugst AG ohne Ankündigung mit dem Aushub. Weit kamen die Bauarbeiter allerdings nicht: Als sie nach Ostern auf das Gelände zurückkehrten und die Arbeit wieder aufnehmen wollten, trafen sie auf die Demonstranten.

Diese blockierten die Zufahrt, hinderten die Lastwagen daran, auf das Areal zu fahren und setzten sich zu Dutzenden auf die Baumaschinen. «Dieses Bild ist mir am stärksten in Erinnerung geblieben: die blockierte Baustelle», erinnert sich Peter Scholer. Mobilisiert wurden sie damals noch nicht über Facebook, WhatsApp oder E-Mail. «Es gab Telefonketten und Flugblätter, zudem lief viel von Mund zu Mund», erklärt Scholer.

Gut zwei Monate statt zwei Tage

Rückblickend räumt der Rheinfelder ein, die Demonstranten hätten zuerst nicht daran geglaubt, dass sie den Bau des AKW tatsächlich verhindern könnten. «Wir haben uns auf eine Aktion von zwei, drei Tagen eingestellt und waren überzeugt, dass rasch die Polizei eingreifen und das Areal räumen würde.»

Doch es kommt anders: Nach fünftägiger Besetzung finden sich in Kaiseraugst mehr als 15 000 Menschen zu einer Grossdemonstration ein. «Das war ein unglaublich starkes Zeichen gegen das Atomkraftwerk», sagt Scholer.

Es ist der 6. April – und die Besetzer werden noch mehr als zwei Monate auf dem Gelände ausharren. Nach und nach richten sie sich in einem Zeltlager fest ein.

Knapp zwei Wochen später verlangen Bundesrat und mehrere Kantone die bedingungslose Räumung des Areals. Doch die atomkritische Bewegung beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf Kaiseraugst.

In der ganzen Schweiz und im grenznahen Deutschland sind rund 40 Bürgerbewegungen entstanden. Zudem nehmen am 18. April auf dem Bundesplatz in Bern rund 18 000 Personen an einer nationalen Kundgebung gegen Atomkraftwerke teil.

Mehrere hundert Leute der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst besetzten am 1. April 1975 das Baugelände des geplanten AKW Kaiseraugst.

Mehrere hundert Leute der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst besetzten am 1. April 1975 das Baugelände des geplanten AKW Kaiseraugst.

Vollversammlung entscheidet

Trotzdem marschiert am 2. Mai zum ersten Mal die Polizei in Kaiseraugst auf. In der Folge wird verhandelt, ein Teil der Besetzer schlägt eine freiwillige Räumung der Baustelle vor, wenn im Gegenzug ein Baustopp zugesichert würde.

Doch die Vollversammlung – unter den verschiedenen Gruppierungen der AKW-Gegner wird basisdemokratisch entschieden – kann sich nicht auf dieses Vorgehen einigen. Dennoch kommt es nicht zur Konfrontation mit der Polizei, denn die Bauherrschaft gibt am 9. April bekannt, dass die Arbeiten am AKW bis Mitte Juni sistiert werden.

Danach beschliesst die Vollversammlung, das Gelände am Pfingstmontag zu räumen. Doch schon eine Woche später widerruft der harte Kern der Besetzer diesen Entscheid und stellt Bedingungen.

Die Behörden sollen schriftlich Verhandlungen zusichern, es dürfe kein Zaun um den Bauplatz errichtet werden und das «Besetzerdorf» müsse nach der Räumung bestehen bleiben.

Zuerst scheint es, als gehe der Bundesrat nicht auf diese Forderungen ein. Für eine Zwangsräumung sollen mehrere Kantone zusätzliche Polizeikräfte zur Verfügung stellen.

In letzter Minute kommt es doch zur friedlichen Einigung: Der Bund bietet Verhandlungen und einen Baustopp an, die Kernkraft Kaiseraugst AG sichert zu, keinen Zaun aufzustellen. Darauf beginnen die Besetzer am 12. Juni, das Areal zu räumen.

Kritik an Saboteur-Aktionen

Peter Scholer ist rückblickend froh, dass es in Kaiseraugst nicht zur polizeilichen Räumung kam. Für ihn steht fest: Dabei hätte die Gefahr von gewalttätigen Auseinandersetzungen bestanden. «Ich hätte mich wegtragen lassen, aber dass eine solche Aktion völlig friedlich abgelaufen wäre, ist eher unwahrscheinlich.»

Tatsächlich kam es in den Jahren nach der Kaiseraugst-Blockade zu mehreren Sabotage-Akten und Anschlägen. 1979 sprengten Aktivisten der Gruppe «Do it yourself» den Infopavillon von Kaiseraugst, immer wieder wurden Strommasten gesprengt und Autos von Vertretern der Atomwirtschaft angezündet.

Scholer, der sich konsequent für den gewaltfreien Widerstand einsetzte, kritisiert diese Aktionen. «Zwar haben auch Autos von Atomgegnern gebrannt, dennoch haben die Saboteure unserer Bewegung geschadet.»

Schon damals habe sich die «Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst» von diesen Aktionen distanziert und bei der Polizei sogar Anzeigen gegen unbekannt eingereicht. «Wir hatten alles Interesse, dass die Urheber ermittelt wurden. Damit hätten wir beweisen können, dass sie nicht aus unseren Reihen stammen», sagt Scholer. Leider seien die Anzeigen aber im Sand verlaufen, die Verfahren hätten nichts ergeben.

Transparente auf dem seit dem besetzten Baugelände des geplanten AKW Kaiseraugst, aufgenommen am 1. April 1975.

Transparente auf dem seit dem besetzten Baugelände des geplanten AKW Kaiseraugst, aufgenommen am 1. April 1975.

Atomkraft «wirtschaftlich tot»

Dass sich Peter Scholer gegen Atomkraftwerke engagieren würde, war nicht von Anfang an klar. «Ich war damals Bauleiter, und mein Arbeitgeber plante, mich beim Bau des AKW Gösgen einzusetzen», erzählt er.

Dort fuhren 1972 die ersten Baumaschinen auf, sechs Jahre später war das Werk vollendet. Allerdings ohne Schuler: «Ich teilte meinem Chef mit, dass ich dort nicht mitarbeiten würde, später trennten wir uns und ich wurde Energieberater.»

Heute ist der Baufachmann pensioniert, die Energiepolitik verfolgt er aber immer noch aufmerksam. Scholer ist überzeugt, dass ein neues AKW in der Schweiz chancenlos wäre.

«Das lässt sich wirtschaftlich nicht realisieren, und es ist schon fast absurd, dass die grossen Energieunternehmen jetzt Tochterfirmen gründen, die mit dem Abriss von Atomkraftwerken noch Geld verdienen sollen», sagt er. Deshalb hält es Scholer nicht für entscheidend, ob ein festes Bauverbot für neue AKW erlassen wird. «Atomenergie hat in der Schweiz keine Zukunft, und dazu haben wir vor 40 Jahren einen Beitrag geleistet.»

«D’Ballade vo Kaiseraugscht» des Basler AKW-Gegners und Liedermachers Aernschd Born:

Ballade von Kaiseraugst

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