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21 Fakten zum Fricktal – und was davon übrig bleibt

Die Schweiz streitet darüber, wie viel Wahrheit in ihren Heldengeschichten steckt. Doch wie steht es mit dem Fricktal: Was ist wahr, was ist Legende von dem, was die einen oder anderen Fakten für wahr halten? 21 Antworten.

Thomas Wehrli
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Mit der Fasnacht wird der Winter aus dem Fricktal vertrieben: Dichtung oder Wahrheit? Archiv)

Mit der Fasnacht wird der Winter aus dem Fricktal vertrieben: Dichtung oder Wahrheit? Archiv)

Peter Schütz

Die Schweiz streitet, einmal mehr, über ihre Geschichte – und ihre Helden. Was ist wahr und was blosse Dichtung? Wo endet die Geschichte und wo beginnt der Mythos? Den jüngsten (Gelehrten-)Streit hat Historiker Thomas Maissen mit seinem Buch «Schweizer Heldengeschichten – und was dahintersteckt» vom Zaun gebrochen. Insbesondere rechtsbürgerliche Kreise um alt Bundesrat Christoph Blocher wehren sich gegen die Entmythologisierung der Schweiz.

Doch wie steht es im Fricktal? Auch hier ist der Grat zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Legende und legendär schmal. Die az hat zusammen mit Historiker Linus Hüsser 21 Thesen und Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt abgecheckt.

Linus Hüsser.

Linus Hüsser.

Thomas Wehrli

1. Zeiningen schrieb Urgeschichte: Hier fand man die ersten menschlichen Spuren im Fricktal.

Ja, einen Faustkeil, der vor 110'000 Jahren aus rostrotem Quarzitgestein gefertigt wurde. Den Fund von Werner Brogli kann man heute im Fricktaler Museum in Rheinfelden besichtigen.

2. Augusta Raurica war eine Stadt von Cäsars Gnaden.

Stimmt. Cäsar beauftragte 44 v. Chr. seinen Feldherrn Lucius Munatius Plancus, die Kolonie Raurica zu gründen. Der Name nimmt Bezug auf die Rauriker, einen keltischen Volksstamm, der zu dieser Zeit im Fricktal lebte. Augusta Raurica war allerdings nicht lange die Nordgrenze des Römischen Reiches. Dieses dehnte sich bis zum Hadrianswall aus, der England und Schottland trennt. Weiter kamen die Römer trotz vieler Versuche nie; die Pikten schlugen sie stets zurück. Eine Legion blieb bis heute verschollen.

3. Das Fricktal war über den «Mons Staffeleggus» mit den übrigen Provinzen des Römischen Reiches verbunden.

Die Staffelegg hatte zu dieser Zeit keine grosse Bedeutung. Die wichtigste (Handels-)Route führte über den Mons Vocetius, den Bözberg. Sie verband die Kolonialstadt Augusta Raurica auch mit dem Legionärslager in Vindonissa. Die Route führte in Effingen allerdings nicht über den Weg, der lange als Römerweg galt; der eigentliche Pfad, den die Römer nutzten, lag höher am Hang. Selbst im Mittelalter war die Staffelegg nur die Nummer 3 der Fricktaler «Pässe» – hinter dem Bözberg und dem Benkerjoch.

4. Der heilige Fridolin, ein irischer Wandermönch, liess sich um 600 in Bad Säckingen nieder. Hier gefiel es ihm nicht – und er bezog das Säckinger Amtshaus in Hornussen.

Dreifach falsch: Zum einen lebte Fridolin nie in Hornussen; er blieb in Bad Säckingen. Zweitens war er entgegen der Legende kein irischer Mönch, sondern stammte vermutlich aus Franken. Darauf deutet sein Name. Drittens war das Haus, das man bis vor kurzem für das Säckinger Amtshaus hielt, nie das echte. Dieses liegt auf der anderen Strassenseite, dort, wo früher die Bäckerei Herzog war.

5. Mutige Männer sorgten dafür, dass die Schiffe den Laufen in Laufenburg passieren konnten.

Die legendären Stromschnellen in Laufenburg waren für die Schiffe in der Tat unpassierbar. Während man die Flosse auseinander band und die Baumstämme einzeln den Laufen hinunterliess, mussten die Boote die Klippe in einem Stück passieren. Dafür waren sogenannte Laufenknechte besorgt. Sie liessen die Boote an Seilen den Laufen hinunter, einer von ihnen stand im Boot. Es war ein gefährlicher Job; immer wieder kam ein Knecht ums Leben. Gleichzeitig führten «Karrer» die Waren der Schiffe auf Schubkarren auch mit Wagen, die von Tieren gezogenen wurden, um das Städtchen herum.

6. Das Fricktal gehörte Jahrhunderte lang zum Habsburgerreich. Davon zeugen bis heute die Doppeladler an manch einem Wirtshaus.

Nicht nur die Restaurants Adler gehen auf die Habsburger zurück, auch die «Löwen». Der Adler war das Wappen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation; der rote Löwe das Familienwappen der Habsburger.

7. Wilhelm Tell war ein ausgewanderter Fricktaler.

Ein Wunder wärs. Zum einen, weil er – wenn schon – ein waschechter Innerschweizer war. Zum anderen, weil heute kaum mehr jemand ernsthaft daran glaubt, dass Tell existiert hat. Ähnliche Sagen wie die vom Apfelschuss findet man in Dänemark – und in Nordafrika.

8. Die Eidgenossen waren für ihren Mut und Tapferkeit bekannt. Deshalb waren sie in ganz Europa als Reisläufer, Söldner also, gefragt. Auch Fricktaler mischten mit.

Das Fricktal gehörte zur Blütezeit des Söldnerwesens nicht zur Eidgenossenschaft. Dennoch standen auch einige Fricktaler im Sold fremder Herren. Die grosse Masse war es aber nicht.

9. Das Fricktal war um 1315 teilweise habsburgisch. Ergo kämpften in der Schlacht von Morgarten auch Fricktaler an der Seite von Herzog Leopold I. von Habsburg gegen die Eidgenossen.

Das ist zumindest nicht belegt. Das von Leopold I. in Baden zusammengezogene Heer bestand vor allem aus Ritter und deren Knechten. Sein Heer war ohnehin nicht so gross, wie es später geschrieben wurde. Es wuchs mit der Geschichtsschreibung.

10. Das Fricktal blieb vom Pestausbruch 1668 verschont.

Das Fricktal blieb aufgrund der von den Behörden getroffenen Vorsichtsmassnahmen in der Tat von der Pest verschont – abgesehen von Ueken. Ein Schneider schleppte aus der Region Brugg, wo er Stoff kaufte und wo die Pest wütete, die Krankheit ein. Das Haus wurde unter Quarantäne gesetzt – und ein Massenausbruch konnte so verhindert werden. Etwa ein Dutzend Menschen starben in dem Haus, in dem der Schneider zu Miete wohnte. Sie wurden bei der Kapelle beim Dorfeingang von Herznach begraben.

11. In Herznach erinnert ein Pestsarg an die Seuche.

Der Pestsarg ist in Wahrheit ein josephinischer Sparsarg. Um Holz zu sparen, liess Kaiser Josef II. Särge bauen, die man dank einer Klappe im Boden mehrfach benutzen konnte. Der Sparsarg, der nach wie vor im Beinhaus in Herznach steht, ist noch der einzige seiner Art in der Schweiz.

12. Noch heute muss sich jeder Angeklagte in Laufenburg unter den Augen von Joseph II. vor Gericht verantworten.

Das stimmt. Im Gerichtssaal hängt ein Gemälde, das den Kaiser vor den Umrissen der Stadt Laufenburg zeigt. Er war mehrfach in Laufenburg – im Gegensatz zu seiner Mutter Maria Theresia, die ebenfalls von der Wand des Gerichtssaals äugt.

13. Maria Theresia hat die Krone gestiftet, die den Hochaltar in der Kirche von Frick ziert.

Diese Legende hält sich hartnäckig. Einen Beleg dafür gibt es nicht; und es ist auch wenig wahrscheinlich, dass die Kaiserin einer Dorfkirche eine Krone gestiftet hat.

14. Die Fricktaler waren ein derart aufmüpfiges Völklein, dass sie 1802 aus eigenem Antrieb den Kanton Fricktal gründeten.

Sagen wir es so: Sie brauchten ein wenig Verstärkung von zwei Zugewanderten – den Brüdern Sebastian und Karl Fahrländer, die ursprünglich aus Ettenheim in der Ortenau (gehört heute zu Baden-Württemberg) stammten.

15. Das Ahornblatt zierte das Wappen des Kantons Fricktal.

Dann wären die Fricktaler Kanadier. Es war ein Lindenblatt, das den Homburger Vögten von Frick seit dem Spätmittelalter als Siegel diente.

16. Napoleon kam am 19. Februar 1803 persönlich nach Laufenburg, um das Ende des Kantons Fricktal zu besiegeln.

Ein Wunsch- oder Albtraum – je nach Blickwinkel. Er regelte das von Paris aus.

17. Die Gemeinden drängten die Einwohner um 1850 regelrecht dazu, auszuwandern.

Richtig. Ab der Mitte der 1840er-Jahre kam es aufgrund von wetterbedingten Missernten zu einer wirtschaftlichen Krise und zu Nahrungsmittelengpässen. Die Gemeinden drängten verarmte Bürger zur Auswanderung und stellten ihnen sogar Geld für die Reise zur Verfügung. Dies kam sie billiger, als die Armengenössigen über Jahre zu betreuen. Viele Menschen wanderten in dieser Zeit nach Übersee aus. In den 1850er-Jahren verliessen 10 Prozent der Bevölkerung den Bezirk Laufenburg.

18. Heute kommen viele Deutsche in die Schweiz, um hier zu arbeiten. Vor 100 Jahren war es genau umgekehrt.

Das Weben von Seidenbänder, das Posamenten, war um 1900 eine wichtige Einnahmequelle für die Fricktaler. Mehr als 300 Webstühle waren in der Blütezeit in Heimwebereien in Betrieb, in Wittnau entstand sogar eine Posamenterschule. Viele Fricktaler arbeiteten zudem in Fabriken in Deutschland, wo geschäftstüchtige Schweizer mehrere Webereien eröffnet hatten. 37 der 109 steuerpflichtigen Münchwiler beispielsweise arbeiteten 1886 in Bad Säckingen. Die tägliche Arbeitszeit betrug damals 14 Stunden – den Fussmarsch nicht eingerechnet.

19. Adolf Hitler wollte im Frühling 1940 das Fricktal einnehmen.

Nein, diese Absicht hatte er nicht. Richtig ist, dass er seine Truppen am Rhein zusammenziehen liess – nicht aber, um die Schweiz anzugreifen, sondern um französische Truppen im Elsass zu binden.

20. Die Fricktaler bodigten das AKW Kaiseraugst.

Am Schluss war es eine Parlamentariergruppe um Christoph Blocher, die dem geplanten, aber ohnehin nicht mehr realisierbaren AKW endgültig den Stecker zog. Dem gingen jahrelange Proteste mit Besetzungen voraus, bei denen auch Fricktaler an vorderster Front dabei waren. Ein Kämpfer der ersten Stunde war Bruno Meier.

21. Mit der Fasnacht wird der Winter aus dem Fricktal vertrieben.

Nicht mal als Nebeneffekt. Die Fasnacht hat kirchlichen Ursprung. Vor der Fastenzeit wollte man den Leuten die Möglichkeit geben, sich nochmals richtig auszutoben – und die Vorräte aufzubrauchen, denn tierische Produkte (also auch Eier) waren danach für 40 Tage tabu. Zumindest offiziell. Die Sonntage fielen allerdings nicht unter das Fastengebot.