Keine Angst: Nicht ein einziges Guetzli bleibt vörig», lacht Anita Stammbach-Bindt (55), als sie in der ersten Adventswoche das letzte Blech mit den «Samichlaus-Stifle» in den Ofen schiebt. Zusammen mit Mutti Rösli (83), die mit 20 Jahren in einer Bieler Confiserie im Verkauf tätig war, wird von Oktober bis in die erste Dezember-Woche geguetzlet wie wild. «Unser Backofen wird kaum mehr kalt», scherzt
Guetzli-Spezialistin Anita Stammbach-Bindt. Änis-Chräbeli, Brunsli, Mailänderli, mit Marzipan gefüllte Datteln, Mocca-Guetzli, Schoggikugeln, Zimtsterne, Zitronen-Buttercreme-Konfekt – es hört kaum mehr auf, bis alle 200 Kilogramm Guetzli in 60 Sorten in den Dutzenden von Blech-Dosen verstaut sind. Auch exotische Versionen wie die Chilli-Chrömli, Chrüsch-Brötli oder englische Haferflocken-Chrömli gehören zum Repertoire. Optisches Highlight sind die mit rotem Marzipan umhüllten Waffeln mit Schoggiglasur-Bändeli. «Von denen machen wir nur 90 Stück.»

Beim jährlichen Guetzle im hauseigenen Back-Stübli lassen sich die beiden Guetzli-Frauen ungern über die Schulter schauen. «Ich bin perfektionistisch veranlagt», lacht Anita Stammbach-Bindt. Die Zimtsterne werden fein säuberlich mit dem Pinsel bemalt. Kein Tröpfli von der Glasur darf daneben gehen. «Da bin ich schon etwas pingelig», gibt die Meisterbäckerin offen zu und stellt fest: «In der Küche bin ich der Chef.» Daher bleiben die beiden Guetzli-Ladys aus Eiken in der Backstube lieber unter sich, obwohl Kolleginnen gerne beim Guetzle helfen würden.

Fast etwas im Gegensatz zur konditorischen Akribie, mit der die feinen Guetzli hergestellt werden, steht die Tatsache, dass die Eikener Guetzli-Spezialistin fast ausschliesslich ohne Rezeptbuch arbeitet: «30 bis 40 Sorten entstehen frei und kreativ, die Rezepte der Klassiker kennen wir sowieso auswendig.»

«Als Zutaten werden nur hochwertige Schweizer Produkte verwendet», stellt die Heimweh-Bernerin klar. Etwa Mehl in Zehn-Kilo-Säcken aus der Hindelbanker Mühle oder massenweise Marzipan von Olo in Lyssach. Aber auch der Humor kommt beim Backen nicht zu kurz. Besonders als Anita Stammbach-Bindt und Mutti Rösli verraten, dass sie selber die wenigsten Guetzli probieren: «Wir verlassen uns aufs Urteil unserer Gäste. Und wir haben gute Freunde. Die lügen uns schon nicht an», sagen die beiden verschmitzt. Die charmanten Guetzli-Frauen ihrerseits essen lieber mal Brienzer Hobelkäse oder ein Stückli Trockenfleisch. Dafür freuen sich die beiden Enkel Fabio (3) und sicher bald auch Mario (7 Wochen) umso mehr aufs Probieren der süssen Leckereien aus der hauseigenen Weihnachtsbäckerei.

Anita Stammbach-Bindt ist unkompliziert und Gastgeberin mit Leib und Seele: «Ich bin ein verrücktes Huhn. Wenn jemand bei uns vorbeikommt, dann koche ich auch nachts um 24 Uhr ein Menü. Oder backe Guetzli», lacht sie. Die in Hindelbank bei Bern aufgewachsene Arztgehilfin und Theater-Regisseurin lebt seit mehr als 30 Jahren im Aargau. Sie ist leidenschaftliche Köchin und Vorstandsmitglied im Verband Aargauer Volkstheater und schreibt auch selbst Theaterstücke für Kinder, die sie an Schulen umsetzt.

Wer die feinen und stilvoll assortierten Guetzli-Bleche bewundert hat, weiss: Anita Stammbach-Bindt kann es jederzeit mit den Zürcher Nobel-Confiseurs von Sprüngli oder Teuscher aufnehmen. «Doch meine Chrömli kann man nicht kaufen», stellt Anita Stammbach-Bindt klar. Jedes Jahr laden sie und ihr Mann Urs an drei Daten Bekannte, Freunde und andere Gäste zum gemütlichen Guetzli-Schmaus bei Kaffee und Tee ein. «Unsere Weihnachts-Höcks sind open-end und Guetzli essen kann man à discrétion.» Die wenigsten Gäste schaffen es übrigens, an einem Nachmittag alle 60 Sorten zu probieren.

Aufgestellt ist immer auch das Keramiksäuli «Ferdinand» – die Guetzli-Gäste füttern das Tierchen mit Münz und Nötli. Jedes Jahr wird traditionell für einen anderen guten Zweck gespendet. «Und zwar nicht nach irgendwo in Afrika. Wir haben genug Elend vor der eigenen Haustür», sagt Anita Stammbach-Bindt. «Am Anfang stand der Grundgedanke, etwas zurückzugeben aus Dankbarkeit für unseren gesunden Sohn.»

Mehrmals konnte der Doktor-Clown für die kleinen Patienten des Basler Kinderspitals Bruderholz gesponsert werden, ein anderes Mal durften alle Langzeit-Patienten den Circus Monti besuchen und einem Tetraplegiker wurde der Wunsch seines Lebens erfüllt: Einmal ein Konzert der Philharmoniker im KKL besuchen. Auch der anderthalbjährige Elias aus dem Emmental wird unterstützt: «Die Familie ist nicht auf Rosen gebettet.»

«Ich bin sozial eingestellt, aber mit gesundem Menschenverstand», sagt Anita Stammbach-Bindt. «Wichtig ist: Es chunnt anes rächts Ort.» Und zwar jeder Rappen im Kässeli: «Das Backen und die Zutaten sind unser Anteil der Spende. Schön, dass ich das Guetzle mit einem gemeinnützigen Zweck verbinden kann.» Nächstes Jahr soll aber Schluss sein mit der Mega-Guetzlete: «Wir möchten Weihnachten auch mal geniessen. Es gibt einen radikalen Schnitt auf fünf bis sechs Sorten Guetzli.»

So richtig glauben das allerdings die Bekannten und Freunde von Anita Stammbach-Bindt nicht. Sie sagen: «Weihnachten ohne ein Abend bei dir und deinen Guetzli sind keine Weihnachten.»