«Damals war ich Nummer 48», sagt Richard Hiltmann. «Damals» war vor exakt 50 Jahren, als Hiltmann im Alter von 19 Jahren der Musikgesellschaft (MG) Wallbach beitrat – als 48. Aktiv-Mitglied. Er hat das letzte Drittel der Vereinsgeschichte der MG, die dieses Jahr ihren 150. Geburtstag feiert, hautnah miterlebt. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert. In der MG. Und im Dorf.

Heute ist Nadine Bussinger mit 16 Jahren das jüngste Mitglied der Musikgesellschaft. Sie ist aktuell Nummer 19 – die MG hat also fast 30 Aktivmitglieder weniger als noch vor 50 Jahren. Für die az setzen sich Bussinger und Hiltmann aus Anlass des 150-Jahr-Jubiläums an einen Tisch. Sie unterhalten sich über den Verein gestern und heute und über den Stellenwert der MG im Dorf. Schon bald zeigen sich Gemeinsamkeiten. «Meine Familie war in der MG, meine Tante ist es heute noch, so kam ich schon früh mit der Musik in Kontakt. Ich bin so reingewachsen», erzählt Trompeterin Nadine Bussinger. Richard Hiltmann schmunzelt. «Nadines Urgrossvater ist ‹schuld›, dass ich vor 50 Jahren beigetreten bin. Zusammen mit seinem Sohn ging ich damals in die erste Probe.»

Weniger Proben, höheres Niveau

Und er ist geblieben. Obwohl er 30 Jahre in Münchwilen wohnte, blieb er der MG Wallbach treu. «Zu Beginn probten wir mindestens einmal wöchentlich», sagt er, «teilweise zweimal.» Mittlerweile finden die Proben blockweise statt. Geprobt wird jeweils vor den Musikfesten oder Konzerten – nicht zuletzt, um die Entschädigung für den Dirigenten tiefer zu halten. «Dafür ist das Niveau heute deutlich höher», so Hiltmann. Die jüngeren Dirigenten hätten mit ihrer Herangehensweise auch die älteren Musikanten motiviert und zu ungeahnten Erfolgen geführt: einem ersten Rang an einem kantonalen Musikfest (3. Stärkeklasse) und einem ersten und einem zweiten Rang an eidgenössischen Musikfesten (2. Stärkeklasse).

Apropos Motivation: «Wir hoffen schon, dass Nadine andere Jugendliche ihrer Altersklasse motivieren kann, in die MG zu kommen», sagt Richard Hiltmann. Bis jetzt hat es noch nicht geklappt, obwohl Nadine Bussinger für die MG wirbt: «Ich bin zwar deutlich die Jüngste, aber es macht mir Spass. Ich finde es schön, mit mehreren Generationen zusammen in einem Verein zu sein.» Sie könne auch von den Erfahrungen der Älteren profitieren – in musikalischen und anderen Fragen.

Kaum mehr Geburtstagsständchen

Bussinger weiss aber auch: «Es ist schon schwierig, Jugendliche als Zuhörer für die Jahreskonzerte zu gewinnen. Sie hören halt andere Musik.» Und so wird die Zuhörerschar kleiner. «Wir haben immer noch über 200 Zuhörer», so Hiltmann, «aber wir können nicht mehr wie früher die Turnhalle zweimal füllen.» Nicht nur die Jungen fehlen. Woran liegts? «Ältere Dorfbewohner haben manchmal Mühe damit, dass wir englische Titel spielen», erklärt Hiltmann. Und viele Zuzüger hätten auch nicht mehr den Bezug zur Dorfmusik.

Eigentlich bringt die MG Jubilaren am 80., 90. und ab dem 95. Geburtstag ein Ständchen. Eigentlich. «Dieses Jahr haben uns 14 der 15 Jubilare mitgeteilt, dass wir sie nicht besuchen sollen», so Hiltmann. «Dabei ist das ein schöner Brauch», findet Bussinger, «wie auch das Abholen der Dorfvereine nach eidgenössischen Festen oder Meisterschaften.» Dieser Brauch immerhin wird in Wallbach hochgehalten und geschätzt. «Auch der Rückhalt im Dorf ist trotz allem immer noch da», sagt Hiltmann und führt den hohen Beitrag an, mit dem sich die Gemeinde an der neuen Uniform beteiligt hat, die am Muttertag eingeweiht wurde.

Parallel zum Dorfleben verändert sich auch das Vereinsleben. «Früher ist es vorgekommen, dass wir nach einer Probe unter der Woche bis morgens um 4 Uhr bei einer Metzgete zusammengesessen sind», blickt Hiltmann zurück, «und an den Wochenenden haben sich viele in der Dorfbeiz getroffen.» Die Zahl der Wirtschaften hat abgenommen und heute geht nur noch etwa ein Viertel der Musikgesellschaft nach der Probe etwas trinken. «Ich habe dafür Verständnis, sie arbeiten auswärts, stehen unter Druck im Job oder haben Familie und Kinder zu Hause.» Nadine Bussinger nickt zustimmend. Bei allem Verständnis klingt bei Richard Hiltmanns Worten etwas Wehmut mit. Wehmütige Erinnerungen an die Zeit, als er noch Nummer 48 war.