Bözberg
14-jähriger Örgeler: «Bei AC/DC stelle ich das Radio ab»

Silvio Signer aus Linn ist 14 Jahre alt und örgelet für sein Leben gern. Das Talent des Bözberger Bauernbuben hat sich herumgesprochen. So örgeleter nicht nur in der Beiz, sondern auch im Zirkuszelt.

Erik Schwickardi
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Örgeli-Talent Silvio Signer: «Ein Auftritt bei Nicolas Senn in ‹Potzmusig› wäre ein Traum.»

Örgeli-Talent Silvio Signer: «Ein Auftritt bei Nicolas Senn in ‹Potzmusig› wäre ein Traum.»

Alex Spichale

Beim Örgele und Jutze ist er ganz in seinem Element – der Bözberger Jung-Örgeler Silvio Signer (14) mit seinem Original Aemmitaler-Örgeli. «Wichtig ist mir, dass es fegt! Zackig und rassig muss es sein!», erklärt Silvio und spielt den Schottisch «Rigi-Tüüfel». Polkas und langsame Lieder sind nichts für ihn: «Die Musik muss Stimmung in die Bude bringen!» Da sind lüpfige Schottisch-Stücke wie «Züri wackelt» oder «Örgeli-Huus» gerade recht.

Zu seinen musikalischen Vorbildern gehören die «Chälly Buebe», die «Nidwaldner Buebe» oder auch die berühmten Appenzeller «Alder Buebe». Und auch wenn die Schulkollegen ab und zu dumme Sprüche machen, Silvios Herz schlägt für Ländler und Schlager: «Sollen sie hören, was sie wollen. Jeder hat seinen Stil», meint er selbstbewusst. «Hardrock und Oper müssen nicht sein. Bei Gotthard und AC/DC stelle ich das Radio ab.»

Der 14-jährige Silvio lebt mit seinem Bruder Cyrill (16) und seinen Eltern Hildegard (52) und Ueli (49) auf dem Leumlihof in Linn. Hier oben auf dem Bözberg, wo die Welt noch in Ordnung ist und sich Hasen und Füchse gute Nacht sagen, leben auch der Deutsche Schäferhund Zorro, 23 Mutterkühe mit ihren Kälbern sowie 54 Schafe. «Meine Lieblingskuh heisst ‹Silvia›. Sie ist die Zahmste von allen und einfach eine sehr liebe Kuh.»

Eine Spezialität auf dem abgeschiedenen Hof sind die seltenen Walliser Kupferhalsgeissen, die Vater Ueli züchtet. «Diese Geissen sind eine vom Aussterben bedrohte Rasse und werden von der Stiftung ‹Pro Specie Rara› gefördert. Rund 15 solche Geissen haben wir zur-zeit.» Ebenfalls im Geissenstall leben an die 50 Walliser Schwarzhalsgeissen.

Angesteckt mit dem Örgeli-Virus wird Silvio Signer bei einem Schultheater. Die Nachbarskinder der Familie Huber in Gallenkirch haben dort gejodelt und geörgelet. «Ich war fasziniert und wollte das auch lernen.» Als die Eltern merken, dass Silvio das Schwyzerörgeli fast nicht mehr loslässt, darf er mit acht Jahren bei Örgeli-Lehrer Reto Ellecosta im Bözberger Ursprung Stunden nehmen. In jeder freien Minute greift Silvio zum Örgeli und musiziert nach Herzenslust auf seinem zweichörigen Junior-Örgeli. Nach einem Musiklager vor anderthalb Jahren wird der Wunsch nach einem professionellen, dreichörigen Örgeli laut. «Das alte Örgeli tönte zu wenig laut.» Doch was tun? Ein echtes Schwyzerörgeli ist eine teure und wertvolle Sache, hergestellt in ein bis zwei Monaten minuziöser Handarbeit. Um die 6000 Franken kostet Silvios Wunsch-Örgeli «Reist-Wisler Spezial». Silvio macht seinen Eltern den Vorschlag, dass er das Örgeli mit Auftritten abzahlen könne. Silvios Vater Ueli stimmt zu und kauft das Instrument. Seit anderthalb Jahren ist das mit wunderschönen Schnitzereien verzierte Original Aemmitaler-Örgeli aus echtem Chriesiholz und mit goldenen Beschlägen Silvio Signers grösster Stolz. Am Geburtstag seiner Gotte spielt er zum ersten Mal auf. So kommt er dem Ziel, sein Örgeli «Reist-Wisler Spezial» abzuzahlen, langsam Schritt für Schritt näher. Silvio Signer ist zuversichtlich: «Das mit dem Abzahlen schaffe ich. Auch wenn es ‹no es Zytli goht›», wie er lächelnd meint.

Das Örgeli-Talent des verschmitzten Bözberger Bauernbuben hat sich inzwischen herumgesprochen. Immer wieder musiziert Silvio im Bözberger «Bären» an der Musigstubete. Und immer öfter erhält er Engagements für private Geburtstagsfeiern, Jubiläen oder Firmenfeste. «Ich habe den Plausch, wenn ich aufspielen und den Leuten so Freude bereiten kann.»

Sogar am Nationalfeiertag unter der Linner Linde spielte Silvio Signer im letzten Jahr urchig auf – eingeladen vom neuen Bözberger Gemeinderat. Der Jung-Örgeler durfte sich über Komplimente von allen Seiten freuen. Und konnte mit seinem musikalischen Talent die erbitterten Fronten im Bözberger Postadressen-Streit versöhnlicher stimmen. «Dass viele alteingesessene Bözberger den Verlust der Ortsnamen und Postleitzahlen in der Postadresse bedauern, kann ich gut verstehen.» Seit 2013 haben die zur Gemeinde Bözberg fusionierten Dörfer Gallenkirch, Linn, Ober- und Unterbözberg eine einheitliche Postanschrift: 5225 Bözberg.

Neben dem «Örgele» pflegt Silvio auch seine weiteren Hobbies wie Holzspalten, Ringen und Schwimmen. In den Ferien bleibt ab und zu auch noch Zeit für einen Töffli-Ausflug an den Hallwilersee. «Im Sommer ist das ein Riesenspass – zuerst schwimmen und danach grillen ich und mein Bruder Cyrill ein paar Cervelats.»

Kein Wunder, dass Silvio auch gern im 80 PS-starken Traktor John Deere 5720 des Vaters unterwegs ist und tatkräftig auf dem Hof mithilft. Und im Sommer 2016 startet er beim Forstunternehmen «Geissmann Forst AG» in Veltheim seine Lehre als Forstwart. «Die Schnupperlehre hat mir sehr gut gefallen. Zünftige Action mit der Motorsäge oder dem riesigen Vollernter – das ist genau nach meinem Geschmack.»

Ende Juli hatte Silvio Signer seinen bisher grössten Auftritt: Auf der Luzerner Allmend spielte er während des Zirkus-Gottesdienstes in der Arena des Schweizer National-Circus Knie auf. «2000 Leute sassen im Publikum – etwas angespannt war ich schon», gibt Silvio zu. Doch alles klappte reibungslos. Silvios Intermezzo mit urchigen Örgeliklängen wurde begeistert beklatscht.

Zurzeit wartet das Örgeli-Talent auf neue Engagements. «Das Örgeli muss ja noch fertig abbezahlt werden», sagt Silvio Signer und lacht verschmitzt. Er träumt von einem Auftritt beim Appenzeller Hitparadenstürmer und Hackbrett-Star Nicolas Senn: «Einmal in der SF-Sendung ‹Potzmusig› zu örgelen, das wäre natürlich ein Hit!»