Münchwilen

11 Monate nach Jakem-Aus: der letzte Brückenbauer im Amt

Markus Amsler vor einem Bild der Autobahntankstelle in Piotta – entworfen von Mario Botta, gebaut von der Jakem AG. twe

Markus Amsler vor einem Bild der Autobahntankstelle in Piotta – entworfen von Mario Botta, gebaut von der Jakem AG. twe

Vor elf Monaten kam in Münchwilen das Aus für die Jakem AG. 95 Prozent der Mitarbeiter haben wieder einen neuen Job. Zwei Mitarbeiter liquidieren noch immer die Firma – unter anderem Markus Amsler, Mitinhaber und Geschäftsführer.

Es ist wie früher. Mitarbeiter eilen durch das Gebäude, das noch immer den Schriftzug «Jakem» trägt. Eine aktuelle Zeitung liegt zerlesen auf dem Znünitisch, ein Lieferwagen fährt vor, in der Halle stampfen die Maschinen. Geschäftiges Treiben an einem Montagmorgen.

Nur: Es sind nicht mehr die Maschinen der Jakem AG, die man hört; es sind nicht mehr die Mitarbeitenden des Stahlbauerunternehmens, die hier arbeiten. In den Hallen, in denen einst tonnenschwere Stahlteile für Brücken und Gebäude gefertigt wurden, wird heute Holz verbaut.

Die Erne Holzbau AG hat im Herbst das Areal übernommen. Bis auf den ersten Stock im Bürogebäude. Hier sitzt Markus Amsler, Mitinhaber und Geschäftsführer der Jakem AG, und liquidiert zusammen mit noch einem Mitarbeiter die Firma. Die Jakem AG als Produktionsbetrieb ist Geschichte.

Rückblick. Mitte Februar 2014 tritt Amsler zu seinem schwersten Gang an: In der Werkhalle informiert er die 80 Mitarbeitenden, dass die Stahlbaufirma schliessen muss.

Nach 63 Jahren. Die Billigkonkurrenz aus dem Ausland, die Überkapazitäten in der Stahlbranche, der starke Franken – drei Gründe, die zum Aus führten.

Die Fricktaler Firma Jakem AG muss wegen zu grosser Konkurrenz den Betrieb schliessen.

Die Fricktaler Firma Jakem AG muss wegen zu grosser Konkurrenz den Betrieb schliessen. (17.2.2015)

Zulieferer für Alstom

Heute sagt Amsler: «Der Entscheid war richtig und er fiel zum richtigen Zeitpunkt.» Denn der Wettbewerb in der Stahlbranche hat sich nochmals verschärft. Und auch den Abbau bei Alstom hätte die Jakem AG zu spüren bekommen. «Wir waren Zulieferer», sagt Amsler. Rund acht Prozent des Jahresumsatzes machte die Jakem AG mit Alstom. «Wir lieferten die Transportgestelle, mit denen die Gasturbinen in die ganze Welt transportiert wurden.»

Amsler lehnt sich auf dem Stuhl im kärglich eingerichteten Sitzungszimmer zurück. Die Wände sind kahl, die letzten Konstruktionspläne abgehängt. «Es war ein schwieriges Jahr», blickt er zurück. Ein belastendes auch, vor allem bis klar war: Die Mitarbeitenden kommen in einer anderen Firma unter. Heute haben gut 95 Prozent wieder eine Stelle. «Wer einen Lehrabschluss hatte, bekam einen Job.»

Die Jüngeren deutlich leichter als die Älteren. Viele, vor allem Jüngere, konnten sogar aus mehreren Angeboten auswählen. «Gute Ingenieure sind gesucht.» Schwieriger hatten es Ungelernte. «Aber auch hier sieht es gut aus.»

Derzeit sind noch zwei Hilfsarbeiter auf Jobsuche. «Ich hoffe sehr, dass sie bald etwas finden.» Als «äusserst wertvoll» erlebte Amsler die Unterstützung durch das Amt für Wirtschaft und Arbeit, das vor Ort ein betriebliches Arbeitscenter eingerichtet hatte.

Ein zweiter Meilenstein war für Amsler der Verkauf der Liegenschaften. «Dass es so schnell ging, hätte ich nicht gedacht.» Am Schluss konnte Amsler sogar aus mehreren Interessenten auswählen – und entschied sich für die regionale Lösung, die Erne Holzbau AG. «Ein Glücksfall», ist Amsler überzeugt und fügt schmunzelnd hinzu: «Auch wenn der Holzbauer der natürliche Gegenspieler des Stahlbauers ist und somit heute die direkte Konkurrenz hier arbeitet.»

Das Stampfen der Maschinen wird lauter. «Ich bin froh, dass in den Hallen etwas läuft. Dieses Leben macht den Abschied leichter.»

Aktuell beschäftigt Amsler noch die Planung des Service- und Garantiegeschäftes, ab April jedoch wohl nur noch in einem 10-Prozent-Pensum. Abschliessen, aufräumen, entsorgen. Die Aktenberge türmen sich derzeit auf seinem Pult. Sie gilt es durchzuarbeiten, zu entscheiden, was aufbewahrt werden muss und was nicht. «Ballast abwerfen», nennt es Amsler.

«Was danach kommt?», wiederholt der 54-Jährige die Frage, zuckt die Schultern. «Das weiss ich noch nicht.» In den letzten Monaten hatte er kaum Zeit, sich mit seiner eigenen Zukunft zu befassen.

Liquidation der Maschinen und Geräte, Fertigstellung der Aufträge, Garantiearbeiten, Serviceverträge, Verkauf der Liegenschaft, Rechnungsabschluss. All das forderten Amsler ganz. «Nun wird es aber Zeit, dass ich für mich und meine Familie schaue.»

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