Person im Fokus
10000 Arbeiten geschaffen: Künstler Viktor Hottinger zeigt sein Werk

Viktor Hottinger blickt mit Ausstellungen und einem Werkbuch unter dem Titel «Rücksicht» auf 40 Jahre künstlerischen Schaffens zurück. Der 70-Jährige aus Rheinfelden zeigt in den Ausstellungen 220 Werke.

Peter Rombach
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Künstler Viktor Hottinger vor einer Installation in einem Beichtstuhl und einem seiner Gemälde. ach

Künstler Viktor Hottinger vor einer Installation in einem Beichtstuhl und einem seiner Gemälde. ach

Wer die uralten, ausgelatschten Steintreppen hinunterstapft, den empfängt in der Johanniterkapelle eine angenehme Kühle. Draussen, in der Marktgasse, war es am vergangenen Donnerstag schon sommerlich warm und schwül, nachdem es in der Früh noch geregnet hatte.

In dem historischen Ambiente des einstigen Gotteshauses, heutzutage für Kunstausstellungen oder spezielle Musikdarbietungen gerne genutzt, herrscht aber handwerkliche Geschäftigkeit, eine Fülle an Werkzeugen liegt herum: Viktor Hottinger (70) baut seine neue Ausstellung auf. Bis zur Vernissage zwei Tage später müssen die Kunstwerke richtig hängen, stehen und liegen. Mit «Rücksicht» überschreibt er seine aktuellen Aktionen; die ersten 15 Jahre seines Schaffens von 1975 an sind seit Samstag und bis zum 29. Juni in der Johanniterkapelle zu sehen.

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Liebe zur Region, Dank an die Natur

«Ich bin ein Landschaftsmaler», beschreibt sich Hottinger selbst zu Beginn einer Kaffeepause. Verweist auf seine Liebe zum Fricktal, zum Baselbiet, Jura, Südschwarzwald. «Meine Landschaften», schmunzelt er, wird dann allerdings nach einem Zug aus dem Zigarillo ernst: «Der Natur bin ich überaus dankbar. In der Natur finden sich alle Farben und Formen. In der Natur ist alles vorhanden: Werden, Wachsen, Erblühen, Früchte tragen, Leben, Vergehen und Sterben. Die Natur hat mir in den langen Jahren alles gegeben.»

Die philosophische Ader des Viktor Hottinger ist spürbar, auch in seinem neuen Werkbuch mit dem Titel «Rücksicht», das einen Streifzug durch 40 Jahre künstlerischen Schaffens ermöglicht. Damit verbindet Hottinger gleich mehrere Appelle: «Rücksicht nehmen auf die Natur, auf Mitmenschen, auf unsere Welt.»

Beim zweiten Kaffee wendet er sich rasch wieder der Realität zu. Wenn er so ruhig und gelassen dasitzt im dunkelweissen Overall mit den vielen bunten Farbklecksern («Meine Arbeitskleidung.»), möchte man nicht erahnen, dass Hochspannung den Künstler umtreibt. Weil er Perfektionist ist, will er nichts dem Zufall überlassen, mit den Exponaten «muss alles stimmen». Beispielsweise auch im Hotel Eden, wo bis 24. Juni Werke aus der Schaffensperiode von 2003 bis 2014 zu bestaunen sind.

Der «Schützen» zeigt bis zum 31. Juli zahlreiche Kunstwerke aus der Zeit von 1990 bis 2002. Und dann wäre da noch das Hotel Schiff am Rhein, wo unter dem Oberbegriff «Wasserland» bis 31. Juli künstlerische Auseinandersetzungen vor allem mit der Rheinlandschaft sich nachvollziehen lassen. Auf dem unteren Inseli stehen ausserdem Hottingers «Wegweiser-Bildtafeln».

Viktor Hottinger: Vom KV zur Kunst

Der Künstler Viktor Hottinger stammt aus Zuzgen, dem kleinen Dorf im Wegenstettertal. Zunächst absolvierte er eine kaufmännische Lehre und war danach einige Jahre als Buchhalter tätig, später als Zeichner in einem Grafikatelier. Als Autodidakt entwickelte er sich in die Kunstrichtungen, machte sich mit 32 Jahren als Maler, Illustrator und Grafiker selbstständig. «Es hat sich immer eine gute Situation an die andere gereiht», zeigt sich der heute Siebzigjährige zufrieden mit seiner künstlerischen Laufbahn. Er lebt seit 1976 in Rheinfelden, seit 1981 in der Marktgasse, wo 1994 das typische Altstadthaus gekauft werden konnte. Dass er anfangs nur als «Bäumli-Maler» apostrophiert wurde, stört Viktor Hottinger längst nicht mehr. Sein neues Werkbuch «Rücksicht» verdeutlicht das Schaffen des Landschaftsmalers. Zu sehen ist in der Johanniterkapelle auch ein 20-minütiger Zusammenschnitt aus zahlreichen Fernseh- und Filmaufnahmen. Von einem bis heute Unbekannten erhielt Hottinger «ein tolles Video» vom einjährigen Projekt «Oberwasser» auf dem Eisensteg des alten Rheinfelder Kraftwerks. (ach)

Ein Fundus von 10 000 Arbeiten

Die Frage nach überraschend vielen Präsentationsorten drängt sich auf. «In Rheinfelden gibt es keine Räumlichkeit, um eine gross angelegte Ausstellung zu realisieren. Also kamen verschiedene Örtlichkeiten zum Zuge, was sicherlich belebend wirkt und eine besondere Vielfalt signalisiert», freut sich Viktor Hottinger. Etwa 220 Kunstwerke macht er der Öffentlichkeit zugänglich. Sein Fundus umfasst natürlich weitaus mehr: Rund 10 000 Arbeiten entstanden seit 1975.

Im Estrich des Hauses der Familie Hottinger an der Marktgasse, wo sie seit 1981 lebt, befindet sich das Bilderarchiv. «Vom Erdgeschoss bis dorthin sind es 60 Treppenstufen. In den vergangenen Wochen bin ich da gut 100 Mal hoch und runter, um Auswahlen zu treffen, aber das hält fit», lacht der Künstler.

Apropos Fitness: Bei Wind und Wetter radelt Viktor Hottinger täglich morgens irgendwo hin in den Wald rund um Rheinfelden; im Sommer spätestens so um halbsechs. Das hat natürlich seine Gründe. «Am Morgen kann ich nichts reden, da kommt höchstens ein ‹Guete Morge› an meine liebe Frau Käthi heraus», gesteht Viktor freimütig. «Hinaus in die Natur ist aber auch mein Arbeitsweg.»

Eine verständliche Einschätzung, denn im Altstadthaus am Rheinufer hat der Künstler vom Wohnbereich nur wenige Schritte in sein Atelier. «Im Wald gibt es nichts zum Schwätzen. Man kann studieren, schauen, Tiere erleben, den Tagesaufgang erleben. Der Wald hat für mich eine besondere emotionale Bedeutung, ich kann und will ihn spüren, er gibt mir Energie.» Von neuerdings speziell von der Esoterik propagierten Orten der Kraft will er nichts wissen. Wahrscheinlich, weil er sein eigenes Kraftzentrum kennt.

Auftritte als Jazz-Musiker

Und Kraft schöpfen kann der Viktor auch durch Musik. Er hat sich dem New-Orleans-Jazz verschrieben, tritt mit der Band in oft wechselnder Besetzung einmal monatlich im Rheinfelder «Rössli» auf, sucht aber auch in der Region das Rampenlicht der Öffentlichkeit. Doch davor steht täglich konsequentes Üben, mindestens eine Stunde lang, mit dem Kornett. Dies gehört zum Alltagsablauf.

Der leidenschaftliche Jazzer erklärt, warum: «Die Lippenmuskeln müssen immer trainiert werden, ansonsten gelingt der Kraftakt bei einem längeren Konzert nicht. Dann wird der Auftritt zur Qual.» Zweifelsfrei versichert er: «Bei guter Musik kann ich mich entspannen, das ist ein angenehmer Zeitvertreib.» Darauf musste allerdings während der Ausstellungsvorbereitungen verzichtet werden.

Aber Viktor Hottinger hat Erfahrungen mit Ausstellungen im In- und Ausland. Aquarell-Malen begann er 1984, seit gut 15 Jahren widmet er sich auch der Acryl-Technik. Ganz abgesehen von unzähligen Arbeiten mit scheinbar profanen Blei- und Farbstiften, darunter die seit 1984 konsequent geführten Tagebücher mit den unterschiedlichsten Sujets, so wie sie eben der momentanen Intuition des Künstlers entsprechen. Ein «Hängenlassen» gilt für ihn nicht: «Als freischaffender Künstler muss man sich klare Tagesstrukturen geben.»

Leicht gesagt, aber oft wohl auch schwer vollzogen: So entstanden Werke wie «Zwölf mal zwölf Horizonte» oder das Ergebnis vom Ausharren nachts auf zwölf unterschiedlichen Hochsitzen im Wald. «Gewisse Hartnäckigkeit, aber auch Distanz zum Geschehen ist notwendig, dann sieht man einfach mehr», dringt wieder Philosophisches durch. Rausgehen, erfinderisch sein, Interesse wecken gehören zu Hottingers Triebfedern. «Weil bei mir alles auf dem eigenen Mist wächst, müssen Aktivitäten wohl durchdacht sein.»

Dazu zählen beispielsweise auch die vielbeachteten Installationen «Oberwasser» (2004) auf dem Eisensteg des alten Kraftwerks oder die weissen Bäumen («Bilderwald», 2009) in der Johanniterkapelle. Und dort kommt jetzt wieder seine ungebrochene Liebe zum Wald, zur Natur zum Ausdruck.

Installationen wie «Tanzzapfen» oder «Der stille Betrachter» offenbaren die kabarettistische Ader von Viktor Hottinger, welcher nicht nur in der Rheinfelder Öffentlichkeit, sondern in der Nordwestschweiz längst als Multitalent einen Namen hat.