Freiämter Märli-Erzählerinnen

Zweiter Teil der Märchen-Serie: Das Kind der Elfenkönigin

Ursula Kaufmann aus Oberrüti ist ausgebildete Märchenerzählerin.

Ursula Kaufmann aus Oberrüti ist ausgebildete Märchenerzählerin.

Das zweite Märchen der AZ-Serie ist irisch und ein Lieblingsmärchen von Ursula Kaufmann.

Myrna war glücklich in ihrem sturmsicheren, warmen Fischerhäuschen, das im Süden an der Küste Irlands lag, dort wo Wasser und Land sich am Innigsten durchdringen und die Musik zu Hause ist. Sie hatte einen Garten für Gemüse hinter dem Zaun und genug Holz und Torf im Schuppen gegen die Kälte. Zu Lichtmess hatte sie geheiratet. Der treue Kevin brachte täglich frische Fische im Überfluss, von deren Verkauf sie lebten.

An den Abenden spielte Myrna auf der Clasach, der keltischen Harfe. Ihre braunen Augen leuchteten im Schein des Feuers, wenn Kevin dazu seine Lieder sang. Im Herbst kam das ersehnte Kind zur Welt, ein gesunder Junge, der dem Vater gleichsah. «Nun muss ich doppelt so viel fischen, um ihn zu ernähren», meinte Kevin stolz. «Es soll ihm an nichts fehlen.»

Als die Herbstwinde einsetzten und er gezwungen war, immer weiter auszufahren, flehte Myrna ihn an, zu bleiben. Er aber trotzte den Stürmen und nach dem Samhainfest trieb sein leeres Boot an den Strand. Wild schrien die Möwen, wilder aber schrie Myrna in ihrer Verzweiflung. Wäre das Kind nicht gewesen, sie wäre ihm in den Tod gefolgt. Die Vorräte schmolzen dahin. Schliesslich war nur noch genug Öl im Krug und Mehl im Kasten, um einen letzten Pfannkuchen zu backen. Weinend stand sie am Herd, als es an der offenen Tür klopfte. Kein Mensch war zu sehen. Die Bucht schien leer. Dann aber hörte sie eine feine Stimme: «Schau herab, ich bin es, die Elfenkönigin.»

Winzig war die Gestalt auf der Schwelle, winziger noch das Kind in ihren Armen, ein blasses Mädchen mit grünen Augen. Myrna bat den Gast herein, stellte einen Schemel zurecht und fragte nach ihrem Begehr. «Mein Kind ist am Sterben, ich habe keine Milch für meine Tochter, ich flehe dich an, sie zu säugen, um sie zu retten.» «Wie kann ich den Wunsch erfüllen, wo mir selber der Hunger in den Gliedern sitzt? Hier ist das letzte Öl, der Rest Mehl, schau selber und rate mir.»

Mit einer segnenden Gebärde berührte die Fee Krug und Kasten und sprach: «Fülle um Fülle, Lohn um Lohn, Speise für dich und deinen Sohn.» Zauberhände füllten Krug und Kasten, Butter lag auf dem Teller, und die Fee reichte Myrna ihr Töchterchen. Dann segnete sie die Wiege, in der Kevin lag, segnete Myrna und versprach in einem Jahr wiederzukommen.

Rasch wurden die zwei Kinder Freunde. Das Elflein wuchs und gedieh. Der Hunger war gebannt und die Monate verflogen, bis wieder das leise Klopfen ertönte und die Fee über die Schwelle trat. Beglückt nahm sie ihr gesundes Kind in Empfang und lud Mutter und Sohn ein, mit ihr zu kommen. Zögernd folgte Myrna. Unschlüssig stand sie mit der Königin vor dem steilen Hang, an dem eine Decke aus Heidekraut wuchs. Dahinter öffnete sich eine verborgene Tür, die in ein strahlendes Reich führte, in dem süsser Honig von den Bäumen träufelte und winzige Kreaturen zwischen Blüten und Früchten hin- und herflogen, die hier gleichzeitig zu wachsen schienen. Auf einem Rasen war eine Festtafel gedeckt. Ein blumenumkränzter Stuhl wurde ihr hingeschoben. Tausend Stimmen schwirrten in der Luft. Roter Wein wurde in ihr Glas gegossen und köstliche Leckerbissen auf den Teller gehäuft.

Myrna verlor ihre Angst. Sie sah, mit welcher Freude das Töchterchen der Elfenkönigin von allen Seiten begrüsst wurde. So liess sie sich die Speisen schmecken, fütterte ihren Jungen und als eine zarte Musik erklang, erwärmte sich ihr Herz. Dann trat die Königin zu ihr und zeigte ihr zwei Beutel. «Wähle selber deinen Lohn. Der schwere Beutel ist mit Gold und Edelsteinen angefüllt, der leichte mit Samen und Kräutern zur Heilung aller Krankheiten. Wähle klug, denn du wirst lange leben und sehr alt werden.»

«Schenke mir die Samen und Kräuter; aber bitte, schenke mir auch das Wissen, sie zum Segen anzuwenden.» Da klatschen die Gäste. Die Musik spielte ein Tanzlied. Durch das Spiel hindurch vernahm Myrna die Worte: «Du hast klug gewählt. Segen auf deine beiden Hände.» Plötzlich verschwand der Zauber. Die Mutter fand sich mit Kevin vor dem Haus wieder. In ihrer Hand der leichte Beutel.

Nie hat Myrna danach Not gelitten. Von weither kamen arme und reiche Leute, im Boot oder zu Fuss, um geheilt zu werden. Hinter der Decke aus Heidekraut war jedoch keine Tür mehr zu finden. Das «kleine Volk» blieb verschwunden. Jeder Same, den Myrna in die Erde senkte, gedieh, jedes Kraut wuchs und der Beutel wurde niemals leer.

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