Klassik
Zwei Tastaturen, vier Hände, eine ganze Welt

Am Boswiler Festival Piano4 trat die Spitzenklasse der internationalen Klavierduos auf – darunter auch das Schweizer Duo Soós-Haag. Sie spielten das Eröffnungskonzert.

Sibylle Ehrismann
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Das Klavierduo Adrienne Soós und Ivo Haag spielte das Eröffnungskonzert. (Archivbild)

Das Klavierduo Adrienne Soós und Ivo Haag spielte das Eröffnungskonzert. (Archivbild)

Priska Ketterer/ho

Das Festival Piano4 hat vergangenes Wochenende vier eigenwillig profilierte Klavierduos der Spitzenklasse in die Alte Kirche Boswil gebracht: das Schweizer Duo Soós-Haag, das junge asiatische Duo ShinPark und die beiden Star-Duos Tal&Groethuysen und Labèque. Dabei gab es interessante Klangwelten zu entdecken, denn auch Klassiker wie Mozart, Ravel oder Chopin haben mit den Möglichkeiten von zwei Tastaturen und vier Händen Ungewohntes geschaffen.

Dies offenbarte schon das Eröffnungskonzert vom Freitag mit dem Duo Soós-Haag. Diese beiden Künstler sind immer wieder für Überraschungen gut, denn sie suchen und finden Lohnenswertes für ihr Duo. Zurzeit arbeiten sie an einer Gesamteinspielung der Brahms-Sinfonien, die der Komponist selber für Klavierduo arrangiert hat. Gerade aus dieser Zeit gibt es gute Klavierduo-Arrangements, denn es gab ja noch keine Möglichkeiten für Tonaufnahmen. So stand in jedem gutbürgerlichen Haushalt anstelle einer Stereo-Anlage ein Klavier, mit dem man – selber spielend – die neuesten Brahms-Sinfonien kennen lernen konnte. Entsprechend gut verkauften sich solche Arrangements.

Herrlich verspielte Musik

Doch zurück zum Konzert in Boswil, welches Adrienne Soós und Ivo Haag mit einem reizvollen Fragment Mozarts eröffneten. Dieses Larghetto – Allegro für zwei Klaviere hat Mozart recht gut ausgearbeitet, legte es dann aber unvollendet zur Seite. Der amerikanische Pianist und Musikologe Robert Levin hat dieses Fragment subtil ergänzt. Es ist herrlich verspielte Musik, sogar die Läufe werden im Wechsel der beiden Pianisten quirlig gestaltet, überhaupt kostet Mozart das Dialogische, das Hin und Her musikalischer Gedanken und Rhythmen graziös aus. Das Duo Soós-Haag hatte spürbar Freude an dieser raffinierten «Leichtigkeit» des Spiels, es gelang ihm mit perliger Frische und gutem Einvernehmen.

Mit Béla Bartók hat sich das Duo intensiv beschäftigt, beim Label Telos Music haben sie eine Bartók-CD eingespielt. Adrienne Soós ist Ungarin und wie sie Bartók spielt, hat etwas beherzt Schwungvolles. Die Suite für zwei Klaviere op. 4b (1942) hat Bartók selbst aus seiner frühen 2. Suite für Orchester (1906) arrangiert, das Stück schien ihm wichtig gewesen zu sein. Es ist ein viersätziger, recht weitläufiger Kosmos an Stimmungen ungarischer Szenen und Landschaften, es kommt sogar eine «Scena della Puszta» vor.

Das Duo Soós-Haag kennt das Stück sehr gut, fürs Publikum waren diese impressionistischen, oft sogar malerischen Arpeggien und Klänge eine Überraschung – so gar noch nicht typisch Bartók! Trotz der zeitweise hörbar werdenden Langatmigkeit des Werkes folgte man den beiden Pianisten mit anhaltender Spannung durch diese raffinierten ungarischen Szenerien.

Zu zweit an einem Flügel

Nach der Pause eröffnete das Duo mit dem vollgriffigen, hoch virtuosen C-Dur-Rondo von Chopin und meisterte dies brillant synchron. Ganz anders gab sich Rudolf Kelterborns Klavierstück 7 «Quinterino» für zwei Klaviere. Es ist ein zartes, mit wenigen Mitteln raffiniert gemischtes Klangfarbenspiel. Das Stück wurde eigens für das Duo Soós-Haag geschrieben und weiss auch im polyphonen Verweben beider «Stimmen» zu fesseln.

Sehr stimmig war, dass sich danach die beiden Pianisten an einem Flügel zusammensetzten – die zunehmende Intimität wurde sichtbar. Schuberts bekannte, hoch poetische Fantasie f-Moll ist vierhändig zu spielen. Das Klavierduo offenbarte hier mit singendem Legato, subtil differenziertem Anschlag und einer guten Klangbalance seine hohe Musikalität. Das Publikum war entzückt und erklatschte sich gleich zwei Dreingaben.